Geſchichte Preuſſens,

von den aͤlteſten Zeiten bis zum Untergange der Herrſchaft des Deutſchen Ordens,

von

Johannes Voigt.

Die Zeit von der Unterwerfung der Preuſſen 1283 bis zu Dieterichs von Altenburg Tod 1341

Koͤnigs berg, im Verlage der Gebrüder Borntraͤger

1850.

* ee ae *

In halt.

Kapitel I. Seite Beginn des Kampfes mit den Litthaueern - 1 Die Großfuͤrſten von Litthauen 3 4 Litthauens Landesbeſchaffenhe int 8 Kampf um Romowe im Samaitenlande 122 Kriegszug gegen Gart hen 14 Kriegszuͤge gegen die Litthauer 156 Innere Landesverwaltung in Preuſſen 22 Nachbarliche Verhaͤltniſſe . Livlands Verhaͤltniſſe 2 Der Hochmeiſter Burchard von 1 Schwende in 1 Preuſſen 20 Der Landmeiſter Meinhard von Bern:: 382 Die Weichſel⸗ und Nogatdaͤmme r r e 335 Innere Sandescaultur . - - 8 Aufbau von Ragnit und Tüſtt Az Einfall der Litthauer in Samland 4. 39 Semgallens Unterwerfung 5 41 Meinhards von Querfurt Kriegszug gegen 1 Solane „42 Kriegsereigniſſe gegen die Litthauer und Samaiten 46 Kriegsereigniſſe gegen die Samaiten ee Der Hochmeiſter in Ram 8 11 Des Hochmeiſters Burchards von Schwenden Zug ins Mor⸗

genland . 54 Des Hochmeifters Burchards v von een den Abdankung 57 Der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen 59 Der Hochmeiſter Konrad von Aeenee in Akkon 61 Akkons Verluſtt 8 e 653 Das Ordens⸗ Haupthaus zu Venedig 71 Veraͤnderte Stellung des Orden??? 73 Serufalem in Preuſſen . 74

Adolf von Naſſau und der Deutſche Orden 78

vi Inhalt

Seite Verhaͤltniſſe des Ordens zu Pommern . 1 79 Verhaͤltniſſe in Polen 6 4 8 8 83 Kriegszuͤge gegen die Litthauer „48 Raubzuͤge der Litthauer nach Polen 12 88 Kriegszuͤge gegen die Litthauer und Samaiten 82 Vernichtung des Heiligthums Romowe in Samaiten 85 Samaitens Unterwerfung e 37 Innere Landesverhaltniſſee . 98

Kapitel II.

Verſchwoͤrung gegen den Orden 103 Die Vierbrüderfäule . . - * 1 Innere Verhaͤltniſſe Samlandds . 114

Aufzeichnung und Bevorrechtung der Withinge i in Samland 116 Verhaͤltniſſe in Livland dem ** und dem

Dein 120 Kampf zwifchen dem Orden ai vu Erzbischof von Riga 124 Stellung des Römifchen Hofes gegen den Orden 127 Verhaͤltniſſe Pommerns nach Miſtwins od 131 Der Hochmeiſter Gottfried von Hohenlo ginge 135 Meinhards innere Landesverwaltung 137 Meinhards Bemühungen für Landesculturt 139 Litthauiſche Kriegszuͤge . . 140 Kämpfe gegen die Litthauer in eiwland 142 Verhaͤltniſſe in Livland zwiſchen dem Fan u üb dem

Orden - 146 Meinhards von Sei Tod 3 151 Die Landmeiſter Konrad von rn nr Ludwig von

Schippen 183 Plan zur Verlegung des Haupthauſes ar Venedig 136

Kapitel UI.

Der Landmeiſter Helwig von Goldbach 2 0 40 160 Kaͤmpfe mit den Litthauern u 162 Der Erzbiſchof Jſarn g . 164 Bemühungen um Landescultu rtr 1065 Der Hochmeiſter Gottfried von Hohenlohe in Preuſſen 168 Des Hochmeiſters Gottfried von Hohenlohe Entſagung 171 Siegfrieds von Feuchtwangen . We Spaltung im Orden - 177 Der Landmeiſter Konrad Sack 130 Kämpfe mit den Litthauern 181

185

Innere Landesverwaltung

neh au vu

Seite Verpfaͤndung Michelau s 1.88 Erwerbung des Landes Michelau fuͤr den Biden a 191 Erwerbungen des Ordens in pommern 193 Veraͤnderte Verhaͤltniſſe in 1 - ar 196 Züge nach Litthauen - 202 Der Landmeiſter Sieghard von en. Pi 208 Der Landmeiſter Heinrich Plotzke N I A 206 Kriegszuͤge gegen die Samaiten 208 Eroberung Danzigs durch die Brandenburger 210 Befreiung Danzigs durch den Orden 218 Eroberung Danzigs und Dirſchau's durch den Orden 25 Eroberung von Schwez durch den Orden. 220 Eroberung Pommerellens durch den Orden 63 224 Neue Schritte zur Behauptung Pommerellenns 225 Neuer Anlaß zum Zwieſpalt in Livland 2230 Neue Zwietracht in Livland . au Rare 233 Klage des Erzbiſchofs gegen den Orden 4 Vertheidigung gegen des Erzbiſchofs 2238 Gefahrvolle Lage des Ordens . 24

Kapitel IV.

Verlegung des Hochmeiſterſitzes nach Marienburg 250 Wichtigkeit der Verlegung des Meiſterſitzes 8. Warnung 256 Der Kaufvertrag über rn 2 263 Streit in Livland 2658 Vertheidigung des Ordens am päpſtlichen Sof: 269 Karl von Trier als neuer Hochmeifter . - 273 Verhandlungen mit Polen 8 275 Des Großfuͤrſten Witen Einfall ins nd re 275 Niederlage der Litthauer bei Woplauken R 280 Kriegszuͤge nach Litthauen . ; 283 Neue Erwerbungen des Ordens in Pommern 5 286 Umwandlung der oberſten Gebietigeraͤmter 93293 Hungersnoth in Preuſſen s Erneuerte Kriegszuͤge gegen die eitthauer 29 Ungluͤcklicher Kriegszug gegen die Litthauer 301 Fortgeſetzter Streit mit dem 1 von Riga 304 Innere Landesverwaltung Dun; 310 Kaͤmpfe mit den Litthauern > ar; 812 Erwerbung Michelau's 2 Er 18 Zwieſpalt im Orden 5 519

Abſetzung Karls von Trier als Hochmeiſter 320

vın Inhalt.

Seite Johann XXII gegen den Orden 2322 Streit mit den Polniſchen Biſchoͤfſen are e Streit mit dem Erzbiſchof von Rigg 328 Ausgleichung des Streites im Orden 38380 Johann XXII Geſinnung gegen den Orden 332 Streit mit Polen wegen pommeern 335 Streit wegen des Peterspfenniggggggs 844 Streit mit Polen wegen pfommern 847 Ausgleichung mit dem Biſchofe von Samland 350 Kriegszuͤge gegen die Litth auer 354 Neue Kreuzfahrt nach Preuſſen. 356 König Gedimin von Litt hauen 383864 Friede in Livland mit Gedimin 368 Der Erzbiſchof von Riga und der Seämeifer am n pöpftiden Hoffe 3 2872 Tod des Hochmeiſters Karl von Erler z 379 Kapitel V. Kriegs fahrten nach Litthauen . Wahl des Hochmeiſters Werner von Orſeln r 384 Werner von Orſeln als Hochmeiſte - - - 386 König Gedimin und die paͤpſtlichen Nuntien 387 Neue Klage des Erzbiſchofs von Riga gegen den ER ar 393 Bannſpruch des Erzbiſchofs von Riga gegen den Orden 396 Rechtfertigung des Ordennn 8 Verbindung Wladislav’s von Polen mit Gedimin 3 400 Vorbereitungen zur Sicherheit des Landes gegen Polen und Fita 402 Vorbereitung zur Sicherheit des Landes gegen 1 406 Gunſt des Königes von Polen am paͤpſtlichen Hofe 411 Erneuerter Streit wegen des 5 e General⸗Ordens kapitel BE 417 Anfang des Krieges mit W e 19 Krieg mit Polen e Kriegszuͤge nach Litthauen e 422 Der Papft gegen den Krieg mit Polen a 424

Kreuzzug des Koͤniges Johann von Böhmen gegen die a 426 Eroberung des Dobriner⸗Landes durch Johann von Böhmen 431 Schenkung des halben Dobriner⸗Landes an den Orden . . 434

Verpfaͤndung von Stole 8 435 Neue Erwerbungen in Pommern 8 437 439

Krieg mit Polen

Im ha 8

Seite Werners von Orſeln innere Landesverwaltung 442 Beſtimmungen des 8 uͤber die 9 des oc meiſters . 446 Kriegszug nach Samaiten ER u ; ; 450 Erneuerter Streit wegen des Peterspfennigs 1 Beilegung des Streites mit dem Bifchofe von Leſlau. 457 Erwerbung des ganzen Dobriner Landes. 4439 Krieg mit Polen 61 Einnahme und Demuͤthigung Rigas 467 Werners Beſtrebungen für den Orden 469 Ermordung des Hochmeiſters Werner von Orſenn 471 Kapitel VI. Wahl des Herzogs Luther von Braunſchweig zum > 478 Beſtrafung des Moͤrders Werners von Orſenn 482 Neue Anklage des Ordens rien wil rn 4387 Schlacht ber Ploporze e 4 Krieg mit Polen „499 Unterhandlungen mit Polen 502 Innere Landesverhoͤltniſ ¶e n. 3506 Neue Verhandlungen mit Polen 309 Tod des Hochmeiſters Luther von e 112

Luthers von Braunſchweig Verdienſte um die Bildung 517 Kapitel VII.

Dieterich von Altenburg Hochmeiſter 6820 Benedict XII und der Deutſche Orden 523 Der Friedensſpruch zu Wiſſeg rad 527 Neue Störung des Friedens mit Polen 531 Kriegszug nach Samaiteꝛr n 534 Erſtuͤrmung der Burg Pillene ns. 36335 Einfall der Polen ins Lanz: 588 Befeſtigung Marienburgs 9 Innere Landesverwaltung 6540 Kriegszug nach Litthauen 6542 Aufbau der Baierbug - g 545 Verhandlungen mit J 546 Neue Störung des Friedens mit Polen . 550 Verbeſſerung des Schulweſenn sz „6552 Gefahr fuͤr die Bas burg? 354 Kriegszug nach Samaiten 356

Kaiſer Ludwigs Schenkung von eitthauen 357

x In h a 1 t.

Seite Neue Anklagen gegen den Orden am de an ü 560 Streitige Verhaͤltniſſe mit Polen \ 6563 Verhandlungen mit Polen 8 Verurtheilung des Ordens im Streite mit Polen Gen 0 Bemuͤhungen zur Sicherheit des Landes 2872 Schreiben der Landesbifchöfe an das Kardinal⸗ 1-Golgium 3575 Innere Landesverhaͤltniſſe E Neue Verhandlungen mit Polen . a Fa Des Hochmeiſters odds 35384 Beilagen. Nro I. Die Vierbruͤderſaͤube a : 36389 Nro II. Vom Wehrgelde der Preuſſen 22 594 Nro III. Chronologiſche Bemerkungen über die Zeit ber Gründung einiger Staͤdte Preuſſens 603

Neo IV. Ueber die Zeit der Eroberung Pommerns durch ben Siden 607 Neo V. Ueber die Geſetze und Landesordnungen der Hochmeiſter Siegfried von Feuchtwangen, Werner von * und Luther von Braunſchweig 613 Neo VI. Ueber die Aechtheit der Briefe des Koͤniges Gedimin von Litthauen an den Papſt Johann XXII, an den Pre⸗ diger⸗ und Minoriten⸗Orden und an die norddeut⸗ ſchen Seeftädte - . u ee ce

Erſtes Kapitel.

Preuſſens Eroberung war nun ſo weit gelungen, daß fort⸗ hin alle Landſchaften dem Orden Gehorſam leiſteten. Allein die Waffen der Ritter ruheten noch keineswegs und ſie konn⸗ ten und durften noch nicht ruhen, denn erſtens duldete des Ordens Beſtimmung und Geſetz fuͤr den Ritterbruder keinen Frieden, ſo lange noch heidniſches Volk, ein Feind des Glau⸗ bens, ein Widerſacher der Kirche, nicht bloß taͤglich drohend, ſondern nicht ſelten auch ſchweres Verderben bringend in des Ordens Naͤhe ſtand. An ſeinem erſten Tage war dieſer dazu geſtiftet und darauf hingewieſen, daß er gegen die Feinde des Kreuzes Chriſti kaͤmpfe, und dieſe Beſtimmung lag ihm auch bis jetzt noch ob. Noch immer ſahen Paͤpſte und andere hohe Geiſtlichen, Könige und andere weltliche Fuͤrſten den unablaͤſ⸗ ſigen Kampf der Ritter wider die Heiden als des Ordens ruͤhmlichſte Pflicht und als den ſchoͤnſten Zweck ſeines Da- ſeyns an ) und es gab keinen in der ritterlichen Verbruͤde⸗

1) So ſagt z. B. noch der Papſt Nicolaus IV in einer an den Orden gerichteten Bulle: Cum pro christiane fidei tutela, cui perpe- tuum religionis vestre obsequium dedicastis, in fervore caritatis in- trepide res et vitam contra infidelium impetus exponatis etc. Regest. Nicolai IV. an. III. epist. 462; und wie begeiſtert ſprechen nicht Hein⸗ rich VII und Ludwig IV von den Rittern des Deutſchen Ordens, qui

ro Christi fide sudores sanguineos eflundere non timescunt, et qui

abjectis rebus suis, propriis voluntatibus abdicatis, spretoque suorum corporum cruciatu, ascendentes ex adverso pro Romano Imperio, et ro Domo Israhel se murum non formidant exponere, et in proprio sanguine pro fide catholica et paternis legibus, animarum suarum pellia rubricare.

IV. 1

2 Beginn des Kampfes mit den Litthauern (1283).

rung, der nicht auch ſelbſt von dieſer ihrer Beſtimmung aufs innigſte überzeugt und tief durchdrungen war ). Alſo gebot ſchon des Ordens Zweck und Geſetz fort und fort Krieg und Fehde gegen die Feinde der Chriſtenheit ). Zum andern trieben den Ritter auch Ehrſucht und Kampfluſt an ſich ſchon maͤchtig genug immer wieder zum Schwerte hin; denn es war Meinung der Zeit, daß Kriegszuͤge und Kaͤmpfe wider die Unglaͤubigen in fernen Landen als hoher Ruhm vor Menſchen und als großes Verdienſt vor Gott zu betrachten ſeyen. Gerne machte daher der Orden ſeine Verdienſte um des Glaubens Erweiterung und um den Schutz der Kirche, wo er konnte, auch geltend ) und je mehr er Anerkennung dieſer feiner

1) Die Ordensbeamten ſprachen ſich daruͤber oft klar aus; ſo ſagt der Ordensprocurator in der Streitſache gegen den Erzbiſchof von Riga in Beziehung auf den Krieg gegen die Litthauer: Ipse Ordo principa- liter, ut ferocitatem paganorum partium, in quibus est situs, com- pescat, est fundatus; ad ipsum Ordinem spectat, vigilantissime et solicitissime circumspicere, ne oſſensa aliqua ex terris, unde alias chri- stianitati et ordini offense et graves iacture acciderunt, eveniant; est igitur Ordo ipse ad hoc per sedem apostolicam institutus, ut militet contra paganos. Und bei einer andern Gelegenheit: De facto ad hoc eorum Ordo a Romano pontifice principaliter et specialiter est institutus seu confirmatus, ut quoslibet hostes crucis christi in- vadere eosque cum potencia exterminare et terras eorum seu dominia de manibus eorum eripere et in usus suos convertere pro augmento katholice fidei possit, valeat et debeat.

2) Vgl. die Vorrede der Ordensſtatute bei Hennig S. 33. Schütz Histor. rer. Pruss. p. 106.

3) So ſagt der Sachwalter des Ordens am paͤpſtlichen Hofe im 3. 1306: Omnes homines provincie Prusie erant et fuerant tempore, quo fratres iverunt ad habitandum in Lyvoniam, infideles. Omnes homines de provincia illa conversi sunt ad fidem catholicam potentia et industria fratrum, postquam fratres iverunt ad habitandum in par- tibus illis; eben fo ſpricht er von Kurland, Eſthland u. ſ. w. Predicte gentes sunt numero ultra C. Mille. Per potentiam et industriam fratrum omnes supradicte gentes perseverarunt et perseverant in fide catholica. Omnes predicte gentes apostatassent multociens et apo- statarent nunc a fide catholica, nisi esset potentia et industria fra- trum. Aliqui ex predictis gentibus apostataverunt a fide et per po-

Beginn des Kampfes mit den Litthauern (1283). 3

Verdienſte fand, um ſo reger trieb der Ehrgeiz immer von neuem zum Kampfe hin. Zum dritten durften die Waffen des Ordens auch darum noch nicht ruhen, weil Preuffens öftliches Nachbarvolk, die heidniſchen Litthauer ihr furchtbares Schwert zu Raub und Verheerung ſeit vielen Jahren ſchon ſo oft bis in des Landes innerſte Gebiete, ſelbſt bis an die Weichſel⸗Ufer getragen hatten, daß von ihnen auch forthin keine Ruhe zu erwarten war. Preuſſen hatte ſchon unbe⸗ ſchreiblich durch die Raubzuͤge dieſes Volkes gelitten, denn fo oft es ſeit Mindowe's Tod ſeine Herrſcher auch gewechſelt, ſo war unter ihnen doch faſt kein einziger geweſen, der dem Orden nicht feindſelig begegnet waͤre bald durch Beiſtand und Unterſtuͤtzung feiner Feinde, bald durch Einfälle in fein Gebiet zu Raub und Pluͤnderung. Schon Mindowe's Sohn und Nachfolger, der Großfuͤrſt Woiſchelg oder Wolſtinik 1), obgleich den Ordensrittern in Livland, wie es ſchien, nicht abgeneigt, hatte zur Belagerung der Ordensburg Wehlau jenen ſtarken Streithaufen ausgeſandt, gegen welchen der tapfere Schuͤtzen⸗ meiſter Heinrich Taubadel ſo mannhaft kaͤmpfte 2), und haͤtte nachmals dieſer grauſame Fürft feine Kraft nicht mehr gegen Rußland wenden muͤſſen ), der Orden in Preuſſen wurde noch ungleich mehr von ihm belaͤſtigt und bedraͤngt worden ſeyn, denn ſo ſtandhaft er vormals im Moͤnchsgewande Buße

tentiam et industriam fratrum redierunt ad fidem, scilicet Prutheni et Estones et Semigalli et Osiliani. In dictis provinciis manutenetur per fratres, regitur et defenditur fides catholica. Urf. im geh. Archiv Shit. VI. Nr. 1. N

1) Den Namen Woiſchelg hat Karamſin B. IV. S. 81. 96 nach Ruſſiſchen Quellen; den Namen Wolſtinik dagegen Kojalowiez Histor. Lithuan. p. 125—127. Ueber feinen fruͤheren Aufenthalt in Rußland ſpricht auch Alnpeck S. 94, ohne ihn zu nennen; dabei erzählt er, daß dieſer Sohn Mindowe's bei ſeiner Ruͤckkehr aus Rußland den Mei⸗ ſter von Livland zur Erlangung der väterlichen Herrſchaft um Huͤlfe gebeten, alle gefangenen Chriſten frei gelaſſen, bald nachher aber jene Huͤlfe wieder zuruͤckgewieſen habe.

2) S. oben B. III. S. 248— 249.

3) Kojalowiez J. c.

1*

4 Die Großfürften von Litthauen (1283).

und Entſagung geübt, fo mächtig lockte ihn auf dem Fürften- ſtuhle wilde Rachluſt und gierige Raub⸗ und Laͤnderſucht fort und fort zum Kriege hin. Und als er der großfürftlichen Wuͤrde entſagt, um in das Kloſter zuruͤckzugehen, und ſie ſei⸗ nem Schwager Schwarno !), des Koͤniges Daniil von Halitſch juͤngſtem Sohne, der ſchon Fuͤrſt von Halitſch, Cholm und Drogitſchin war, uͤbertragen, ſo daß dieſer nunmehr auch in Litthauen herrſchte, brach die Kriegsmacht dieſer Laͤnder ver⸗ heerend nicht nur in Livland ein), ſondern Schwarno unter: ſtuͤtzte auch aufs kraͤftigſte die Sudauer durch zahlreiche Schaa⸗ ren aus Litthauen und Samaiten, ja es wurden von ſeinen Kriegshaufen auch das Kulmerland, Pomeſanien und Poge⸗ fanien mit ſchmerer Verheerung uͤberzogen und eine unfägliche Beute aus dieſen Landen davon getragen). Zwar befreite ein früher Tod den Orden von dieſem bittern Feinde; allein es folgte ihm auf dem großfuͤrſtlichen Throne Wids tapferer Sohn Troiden oder Thoreiden ), in welchem ein Mann über Litthauens Volk gebot, von deſſen raſtloſem und kriegeriſchem Geiſte noch weit ſchwerere Tage fuͤr des Ordens Lande zu befürchten waren. Und er hatte um das Jahr 1272 den Fuͤr⸗ ſtenſtuhl kaum eingenommen »), als er durch feine raͤuberiſchen Einfälle in Livland s), wo damals Ernſt von Ratzeburg Mei⸗

1) So nennt ihn Karamſin B. IV. S. 96 nach Ruſſiſchen Be⸗ richten; bei Kojalowiez p. 131 heißt er Suintorog Utenides, utens Sohn. Wir koͤnnen indeſſen hier den zuverläffigeren Ruſſiſchen Quellen (vgl. Kar amſin B. IV. S. 275) mehr Vertrauen ſchenken.

2) A ln peck S. 105.

3) Kojalowiezx p. 135.

4) Der erſtere Name bei Kojalowiez p. 152 und Karamfin B. IV. S. 97. 275, der andere bei Alnpeck S. 110. 111. 113. 129. Nach Ruſſiſchen Berichten war er Wids Sohn, welchen Wid die Woß⸗ kreßenskiſche Chronik einen Sohn Dawils nennt und gleich nach Min⸗ dowe zur Herrſchaft kommen läßt.

5) Er regierte, wie es nach Alnpeck S. 110 ſcheint, ſchon einige Jahre vor der Wahl Ernſts von Ratzeburg zum Livländifchen Meiſter, alſo ungefähr 1272 oder 1273. Eine feſte chronologiſche Angabe iſt hier indeſſen nicht zu erwarten.

6) Alnpeck S. 110111.

Die Großfuͤrſten von Litthauen (1283). 5

ſter war, die Gefahren vorzeichnete, die auch für Preuſſen von feinem Haſſe gegen alles Chriſtliche zu befürchten waren. Des⸗ halb errichtete bald darauf der vorſichtige Landmeiſter von Preuſſen Konrad von Thierberg der Aeltere noch im Verlaufe des Kampfes mit den Sudauern, aus Beſorgniß, daß unter Troidens Fuͤhrung die Litthauer einſt unvermuthet auf dem ſchmalen Landſtriche der Kuriſchen Nehring Samlands Gebiete überfallen und mit Verheerung heimſuchen koͤnnten, dort am Seegeſtade die ſtarke Wehrburg Neuhaus *), um von ihr aus den Heranzug des beutegierigen Volkes aufzuhalten. So ſehr indeſſen Troidens wiederholte Raubzuͤge nach Livland zur Rache und Vergeltung trieben und ſo ſchwer die Ordensritter dieſe Rache auch in der Verheerung ſeiner Lande ausuͤbten 2), ſo blieben doch auch Mittel des Friedens keineswegs ganz un⸗ verſucht; denn ſowohl von Livland als von Preuſſen aus war man auf friedlichem Wege mehrmals eifrig bemuͤht, den krie⸗ geriſchen Großfürften zum Empfange der Taufe zu bewegen. So ließ ihn namentlich auch im Jahre 1279 der Erzbiſchof von Riga durch eine abermalige Geſandtſchaft auffordern, ſich dem chriſtlichen Glauben zuzuwenden; allein der Großfuͤrſt gab die Antwort: Das Beiſpiel der Behandlung, welches die Semgallen durch die Ritter erfahren, ſey ihm ſchreckend ge⸗ nug geweſen; er habe kein Verlangen, ſich und ſein Reich eben ſo wie dieſes Volk unterdruͤckt zu ſehen ). Auch bewies er ſchon im naͤchſten Jahre 1280, daß ſein Haß gegen den Orden noch nicht gemindert ſey, denn auf ſeinen Befehl ge⸗ ſchah es, daß im Herbſt ein bedeutendes Raubheer, an deſſen Spitze der Semgallen Hauptmann, der kriegeriſche Nameiſe,

1) Dusburg c. 211.

2) Alnpeck S. 113.

8) Wir erfahren dieſes durch das ſpaͤter noch näher zu erwaͤhnende Rigaiſche Zeugenverhoͤr im geh. Arch. Schiebl. XII, wo es heißt: Rex (Letuinorum) inter alia dixit predictis nuntiis, quod ideo nolebat ad fidem converti, quia timeret exemplum Semigalliorum, ne videlicet fratres facerent sibi et suis, sicut fecerunt illis de Semigalia. Sonſt iſt die Sache unbekannt.

6 Die Großfuͤrſten von Litthauen (1283).

in Preuſſen einbrechend unter grauſamer Verheerung bis Chriſt⸗ burg vorſtuͤrmte n), und gewiß wuͤrde das Land Troidens Raubſchaaren in ſolcher Weiſe noch oͤfter geſehen haben, waͤre er nicht forthin im Oſten feiner Herrſchaft durch die Ruſſiſchen Fuͤrſten und die Mongolen ſo ſehr beſchaͤſtigt worden und haͤtte er darauf nicht bald an ſeinem herrſchſuͤchtigen Bruder Dowmont feinen Meuchelmoͤrder gefunden, der über Troidens Leiche den Thron Litthauens zu beſteigen hoffte 2). Indeß genoß doch dieſer die Frucht ſeines Frevels nicht, denn kaum vernahm Troidens Sohn Buiwid oder Witen ), des Vaters jammervollen Tod, als er um das Jahr 1282 ſich der Herr⸗ ſchaft Litthauens bemaͤchtigte. Er mag friedlicher gefinnt ge⸗ weſen ſeyn, als ſein Vorgaͤnger, denn die Geſchichte weiß nichts von Fehden und Raubzuͤgen in ſeiner Zeit. Allein in Litthauen gab es damals noch eine Menge anderer kleiner Fuͤrſten, die unter und neben dem Großfürften herrſchend auf gleiche Weiſe in Raub und Verheerungskriegen ihre Luft und Freude fanden und mit ihren Raubhaufen bald hier bald dort in die Nachbarlande einbrachen. Solche Fuͤrſten ſcheinen Gjer⸗ mond, Giligin, Romund und Trab geweſen zu ſeyn ), die

1) Alnpeck S. 134 beruͤhrt dieſen Einfall, ohne jedoch des wei⸗ tern Verlaufes der Sache zu erwaͤhnen, indem er bloß berichten will, wie Namciſe, den wir früher B. III. S. 371 ſchon kennen gelernt, den mit den Semgallen geſchloſſenen Frieden wieder gebrochen habe. Von ihm heißt es dann: „Er quam nicht mer in das lant, das Semegallen iſt genannt.“ Nameiſe hielt ſich alſo wahrſcheinlich fortan in Litthauen auf. Vergleicht man Anpeck S. 134 mit den obigen Angaben B. III. S. 372— 373, fo fällt Nameiſe's Zug nach Preuſſen in den Herbſt des J. 1280.

2) Kojalowiez p. 163 sed. Schloͤzers Geſchichte von Litthauen S. 51. Karamſin B. IV. S. 102.

3) Karamſin S. 275 nach Ruſſiſchen Quellen. Daß Buiwid und Witen eine Perſon fey, iſt kaum zu bezweifeln. Troiden regierte bis etwa ins J. 1282 und Buiwid von da bis ungefaͤhr 1290, denn im J. 1291 war ſchon Putuwer Großfuͤrſt von Litthauen.

4) Wir erkennen alſo nach den bisherigen Angaben nach Mindowe nur vier Großfuͤrſten, namlich Woiſchelg, Schwarno, Troiden und Buiwid als ſolche an. Kojalowiez, deſſen Quelle Serikowaky ift, führt zwar

Die Groffürften von Litthauen (1283). 7

fort und fort ihre plündernden Schaaren auch in die Gebiete Preuſſens einziehen ließen und fie nicht felten ſelbſt bis an das Ufer der Weichſel führten, um reichen Raub und Herden von Gefangenen in die Wälder Litthauens zuruͤckzubringen 1). Wenn alſo Konrad von Thierberg der Juͤngere, damals Landmeiſter in Preuſſen, dieſe vergangene Zeit von einigen zwanzig Jahren mit ihrem Unheile und Verderben überblickte, mußte er nicht mit ſchmerzlichen Beſorgniſſen um die Wohl⸗ fahrt und das Gedeihen der bezwungenen Landſchaften ſchon in die naͤchſte Zukunft ſehen? Ueber Krieg oder Frieden ge⸗ gen die heidniſchen Litthauer konnte fuͤrwahr kaum noch eine Wahl ſeyn und an der Gerechtigkeit eines Kampfes mit dem nachbarlichen Raubvolke wagte im Orden keiner mehr zu zwei⸗ feln. Waren nicht Preuſſen und Livland ſeit langer als zwei Jahrzehenden durch feine Plünderungen und Verheerungen ohne Unterlaß bedraͤngt und veroͤdet worden? Waren nicht Tau⸗ ſende von Bewohnern beider Laͤnder als Gefangene vom grau⸗ ſamen Feinde in die jammervollſte Knechtſchaft hinwegge⸗ ſchleppt, fo daß ganze Städte, wie Grodno durch dieſe Un⸗

auch Gjermond, Giligin, Romund und Trab als Großfürften auf und ebenſo nach ihm Schloͤzer a. a. O. Allein Karamſin B. IV. S. 275 hat ſicherlich Recht, wenn er die Genealogie des Strikowsky in Zweifel zieht und ſagt: „In Litthauen gab es eine Menge kleiner Fuͤrſten, die zu gleicher Zeit lebten. Strikowsky, der ihre Namen aus den Volks⸗ überlieferungen ſammelte, nannte den Einen Vater, den Andern Groß⸗ vater und Urgroßvater irgend eines Fuͤrſten, der vielleicht viel früher, als ſeine vermeintlichen Ahnen lebte.“ Wenn Karamſin ſchon aus feinen zuverläffigeren Ruſſiſchen Quellen zu dieſem Reſultate gelangte, fo beftätigt es ſich unter andern auch dadurch, daß Giligin, Romund und Trab in den Jahren 1275 bis 1280 unmöglich, wie Strikowsky und Kojalowiez wollen, Großfuͤrſten geweſen ſeyn Können, da wir aus Alnpeck, dem Zeitgenoſſen, beſtimmt wiſſen, daß in dieſer Zeit ſein „Kunic Thoreide“ Großfürft von Litthauen war. Dieſe kleinen Fuͤr⸗ ſten waren ohne Zweifel die reguli, die wir in Litthauen fo oft finden; vgl. Dusburg c. 223.

1) Kojalowiex p. 141. 144. 146. Dieſe fächlichen Angaben, die ſich an die Namen knuͤpften, konnen allerdings wohl ganz richtig ſeyn.

8 Litthauens Landesbeſchaffenheit (1283).

gluͤcklichen bevoͤlkert wurden!)? Hatten in Preuſſen ſelbſt nicht viele Tauſende durch die raubgierigen Horden Habe und Gut verloren und war bei der Beutegier des Volkes und bei der Vielherrſchaft ſeiner Fuͤrſten irgend zu erwarten, daß des namenloſen Jammers und des graͤßlichen Elends, welches die Raubzuge dieſer Heiden über das Land verbreitet, nun ein Ende gekommen ſey?

Wenn alſo die Beſtimmung des Ordens, wenn die Mei⸗ nung der Welt von ſeiner Pflicht und ſeinem Zwecke und wenn die Sicherheit, die Ruhe und das Gedeihen der unter⸗ worfenen Lande einen Kampf mit den rohen Heiden in Lit⸗ thauen zu fordern ſchienen, ſo war es doch fuͤrwahr kein leicht⸗ fertiges Spiel, welches der Orden in dieſem Kampfe mit den Waffen trieb; und in hoͤherer Beziehung auf die Ordnung im Weltleben oder zum Untergange der uralten Finſterniß und zum Aufgange eines neuen Lichtes in dieſen Landen mochte die Bekämpfung und Bezaͤhmung der heidniſchen Litthauer wohl nicht minder nothwendig und bedingend ſeyn, als der Kampf in Preuſſen zur Eroberung aller Landſchaften. Das Unternehmen ſelbſt aber, den Krieg mit den Heiden Litthauens in ihrem eigenen Lande zu fuͤhren, war damals in aller Weiſe mit eben ſo großen Gefahren als unſaͤglichen Schwierigkeiten verbunden. Sobald ein Kriegsheer die Graͤnze überfchritt, bot ſich ein eben ſo ſchwerer Kampf mit der Natur als mit des Landes Bewohnern dar, denn wie der Menſch, ſo war die Natur rauh, wild und roh, nirgends noch Spuren von ſittlicher Bildung und phyſiſcher Kultur?). In uralten, fin⸗

1) Karamſin B. IV. S. 102. So mochten auch die in Slonim wohnenden Preuſſen wohl ſchwerlich insgeſammt Fluͤchtlinge ſeyn.

2) Dubrav. p. 168 nennt Litthauen terram vastam, palustrem, nemorosam, in qua populus terrae suae siwilis, nimirum silvestris et crudus ac ferus potius quam ferox, quando cum feris latere in syl- vis melius quam pugnare cominus acie novit: ex insidiis tantum fe- roculus, vita et victu miser; atrum namque panem misere vorat, bibitque aquam in summa vini triticique penuria et pecuniae inopia: nullum enim in Lithuania metallum,

Litthauens Landesbeſchaffenheit (1283). 9

ſtern und tiefen Waldungen ) hauſten noch wilde Thierge⸗ ſchlechter in ſicheren Ruhelagern. In ihrer ganzen Laͤnge und Breite oft von vier bis fünf Meilen war kein Weg noch Steg zu finden und wollte ein Kriegsheer dieſe dichten Waͤlder durchziehen, fo mußten zuvor meift mit außerordentlicher Mühe Wege durchbrochen und geraͤumt werden 2); und mitten in dieſen Wildniſſen traf man nicht ſelten auf Verhaue oder von den Landesbewohnern zur Abwehr des Feindes geſchlagene Hagen, die gegen den dahinter liegenden Kriegshaufen gewon⸗ nen und vernichtet werden mußten ). Außerdem boten oft unabſehbare Heide⸗Strecken weder Waſſer noch Futter dar, ſo daß ſchon darum auf Wegereiſen von acht und mehren Meilen ein Kriegsheer kein Nachtlager halten konnte. Deshalb muß⸗ ten zuweilen außerordentliche Tagmaͤrſche zuruͤckgelegt werden, um für die ermuͤdeten Roſſe den noͤthigen Unterhalt zu finden *).

1) Alnpeck S. 166.

2) Nach den Wegeverzeichniſſen aus dem Ende des 14ten Jahrhun⸗ derts (im Fol. Allerlei Miſſive im geh. Archiv) mußten z. B. nach Garthen hin vier Meilen weit Wege durch eine Waldung durchbrochen und geräumt werden. Faſt hundert Jahre ſpaͤter heißt es noch bei Peter Suchenwirt, der als Augenzeuge auf der Ritterfahrt des Her⸗ zogs Albrecht von Oeſterreich das Gefahrvolle und Beſchwerliche eines folgen Kriegszuges ins Land der Litthauer ſchildert:

Wol tawſent man man raumen ſach Durch die helken in der wild

Man ſcheuchte greben, noch gevild Tieffen wazzer, pruͤch, noch ran (In ungern iſt man ungewan

So poz geverd auf ſlechter haid!) Gemus daz tet uns vil tzu layt Das her tzoch in der wuͤſt entwer Schir auf, ſchir ab, da hin, da her. Der wint het nider vil geflagen Der grozzen paum manigvalt, Daruͤber muſt wir mit gewalt Es tet uns wol, es tet uns we!

3) Alnpeck S. 137.

4) Eine Menge von Beiſpielen bieten die erwähnten Wegeverzeich⸗ niſſe dar.

10 Litthauens Landesbeſchaffenheit (1283).

Hatte ſich dann das Heer in angebautem Lande auch etwas wieder erholt *), fo fand es neue Beſchwerden in grundlos boͤſen Wegen oder an Fluͤſſen ohne Bruͤcken und Stege 2). Nicht ſelten geſchah, daß man auf Wegen von wenigen Mei⸗ len drei oder ſechs, ſogar wohl neun Bruͤcken ſchlagen mußte, um die Gewaͤſſer uͤberſchreiten zu koͤnnen ); und fiel die Kriegsfahrt in die Sommerzeit, ſo hinderten des Heeres wei⸗ teren Fortzug oft auch große Bruͤche und Moraͤſte, die nicht einmal in jedem Winter gangbar wurden ). Dann mußten in weiten Strecken Damme aufgeworfen oder Knuͤttelbruͤcken gelegt werden, um Wagen mit den nöthigen Lebensmitteln uͤberzubringen ), denn der Unterhalt des Kriegers aus dem feindlichen Lande war oft Tage lang unmoͤglich, theils weil oft viele Meilen weit kein bewohnter Ort zu finden war, theils auch weil der Litthauer ein aͤußerſt kaͤrgliches und kuͤmmer⸗ liches Leben führte ), und endlich weil man bei der Nachricht von des Feindes Ankunft gewoͤhnlich Habe und Gut in un⸗ zugaͤngliche Bruͤche und tiefe Waͤlder fluͤchtete, bis die Gefahr voruͤber war. Daher kam es auch, daß ſich ein feindliches Heer ſelten lange im Lande erhalten konnte, wenn es ihm nicht gluͤckte, einige Doͤrfer unvermuthet uͤberfallen und aus⸗ pluͤndern zu koͤnnen.

1) Die Wegeverzeichniſſe nennen ſolches Land „gutes rume lant“ oder „gutes gerumes lant“ und wo es Futter und Waſſer giebt, heißt es: „da is zu heeren genug und gute weſſerunge.“

2) Schon Alnpeck S. 165 ſagt, man finde in Litthauen

Bruch und manchen boſen walt Die lant ſint alſo geſtalt

Sie vunden manchen boſen wec Da weder brucke noch ftec

Nie kein zit gemachet wart.

3) Beiſpiele in den Wegeverzeichniſſen.

4) Alnpeck S. 131. Was Ottokar von Horneck c. 84 von den Gefahren der Kreuzfahrt Ottokars von Boͤhmen nach Preuſſen er⸗ zählt, das gilt in gleicher Weiſe auch von Litthauen.

5) Nach den Wegeverzeichniſſen.

6) Dubrav. I. c.

Litthauens Lanbesbefhaffenheit (1283). 11

Wegen dieſer Schwierigkeiten ſandte man daher vor einer Kriegsfahrt gemeinhin einige der Sprache kundige Späher ins feindliche Land voraus, welche die Wege und die Beſchaffenheit des Gebietes, dem der Kriegszug galt, aufs genaueſte aus⸗ kundſchaften und berichten mußten, wo zu den Nachtlagern des Kriegsheeres hinreichender Unterhalt zu finden ſey 1).

So vielfache Gefahren und Muͤhen indeß den fremden Kriegern dieſe Beſchwerden und Hinderniſſe in einem Kriege gegen die Heiden in Litthauen nicht nur damals, ſondern ſelbſt noch ein Jahrhundert ſpaͤter entgegenlegten, ſo wandte nach Preuſſens Eroberung der Landmeiſter ſeinen Blick doch unablaͤſſig auf den Kampf mit dem heidniſchen Volke hin. Die naͤchſten Zuͤge galten jedoch zuerſt dem Samaitenlande, Schalauens noͤrdlichem Nachbargebiete, deſſen Bewohner aber ſowohl damals als auch in ſpaͤteren Zeiten ebenfalls als Lit⸗ thauer betrachtet und ſelbſt auch ſo genannt wurden, da aller⸗ dings gleiche Abſtammung, gleiche Sprache und derſelbe reli⸗ gioͤſe Kultus ſie aufs engſte mit dem Litthauiſchen Volke verknuͤpften; und dieſe Einheit des Volkes bezeichneten fie ſelbſt

dadurch, daß auch ſie ſich Litthauer und nicht Samaiten nannten 2).

1) Diüurch die Berichte dieſer Späher entſtanden die erwähnten We⸗ geverzeichniſſe, welche für die ältere Geographie Litthauens von Wich⸗ tigkeit ſind. Daß dieſer Gebrauch ſchon um das Ende des 13ten Jahr⸗ hunderts beſtand, bezeugt Alnpeck S. 165.

2) Außer den vielen Stellen bei Alnpeck, z. B. S. 68: „Die lettowen alzuhant, die ſameiten ſint genant,“ iſt hieruͤber eine Stelle in einem Briefe des Großfuͤrſten Witold an den Rom. König Sigis⸗ mund vom 3. 1420 wichtig, wo es heißt: Terra Samaytarum est et semper fuit unum et idem cum terra Littwanie, nam unum ydeoma et uni homines, sed quia terra Samaytarum est terra inferior ad terram Littwanie, ideo Szomoyth vocatur, quod in Littwanico terra inferior interpretatur. Samayte vero Littwaniam appellant Auxstote, quod est terra superior respectu terre Samaytarum. Samayte quo- que omnes se Littwanos ab antiquis temporibus et nunquam Sa- maytas appellabant et propter talem ydemptitatem in tytulo nostro nos de Samaycia non scribimus, quia totum unum est terra una et

homines uni. Fol. C. p. 187 im geh. Archiv.

12 Kampf um Romowe im Samaitenlande (1283).

Der Landmeiſter Konrad von Thierberg begann den lan⸗ gen und blutigen Kampf mit dem heidniſchen Volke noch in dem naͤmlichen Jahre, als die Unterwerfung Sudauens been⸗ digt wurde. Den naͤchſten Anlaß gaben, wie berichtet wird, drei Flüchtlinge, Peluſe, ein Sproͤßling des großfürftlichen Stammes, vielleicht Dowmonts Sohn!), Stumande und Gir⸗ delo 2), zwei edle Litthauer aus dem vornehmern Geſchlechte, die wegen Theilnahme an des Großfuͤrſten Troiden Ermor⸗ dung aus dem Lande vertrieben bei dem Orden Huͤlfe und Rettung ſuchten und in der Zeit, als der neue Großfuͤrſt Witen in einem Kriege mit Polen beſchaͤftigt war, den Land⸗ meiſter von Preuſſen zu einer Kriegsfahrt gegen Litthauen zu bewegen wußten; denn um ſich Vertrauen zu erwerben, hatten ſie im Ordenslande die Taufe empfangen. Der Landmeiſter faßte jedoch bei dem Unternehmen ein ungleich wichtigeres Ziel. Es war im Beginn des Winters im Jahre 1283, als er mit einem ſtarken Heere durch Nadrauen zog, dort den gefrorenen Memel⸗Strom uͤberſchritt und feine Heerhaufen im feindlichen Lande theilend die eine Schaar auf Raub und Beute ziehen ließ, waͤhrend er ſelbſt die andere zur Belagerung der feſten Burg Biſten im Samaitenlande fuͤhrte ). Dort

1) Kajalowicz p. 184 vermuthet wenigſtens, daß Peluſſa, To nennt er ihn, den Krieg vorzuͤglich betrieben habe, obgleich er nicht ge⸗ nau uͤber die Sache unterrichtet war; er ſchwankt ſelbſt daruͤber, ob er Peluſſa einen Sohn Stroinats oder Dowmonts nennen ſoll. Auch Dusburg c. 223 erwähnt feiner, giebt ihm aber den wahrſcheinlich rich⸗ tigeren Namen Peluse und fagt: Quidam Lethowinus dietus Peluse offensus a Domino suo quodam regulo, qui quasi secundus fuit post Regem Lethowinorum in regno suo, cessit ad fratres in terram Sambiae.

2) So der Name bei Jeroſchin c. 221 und beim Epitomator.

3) Hennig vermuthete in einer Bemerkung zu Lucas David B. V. S. 64, es ſey unter Bisene, wie es Dusburg c. 217 und Schütz Hist. rer. Pruss. p. 106 nennen, wahrſcheinlich das Städtchen Birſen in Samaiten gemeint. Keineswegs! Zwar ſchreibt auch Jeroſchin c. 217 den Namen Byſen; allein eine genauere unterſuchung ergiebt, daß dieſes Biſen kein anderes als das bei Wigand. Marburg. ſo oft

Kampf um Romowe im Samaitenlande (1283). 13

zwiſchen den Fluͤſſen Naweze und Dobefe*) lag eine heilige Inſel Romowe, nachmals Romayn⸗Werder genannt, bedeckt mit einem heiligen Walde, beſchützt durch die erwaͤhnte Burg und rings umwehrt durch ſtarkgeſchlagene Hagen, mit denen in jenen Gebieten nach allen Seiten hin die Graͤnzen umzo⸗ gen waren. Weit und breit behauptete die dortige Gegend feit alter Zeit eine hohe religiöfe Wichtigkeit, denn ſchon von Ragnit an nordwaͤrts hin nach Medeniken und dann auch nach Oſten am rechten Ufer des Memel⸗Stromes ins Land Wayken hinein bis in das Gebiet der zwei erwähnten Fluͤſſe war alles von heiligen Waͤldern bedeckt und unter heiligen Baͤumen flammten ewige Opferfeuer. Das bedeutungsvollſte Heiligthum war aber jene heilige Romowe⸗Inſel und auf deſſen Vernichtung ward ohne Zweifel des Landmeiſters Kriegs⸗ zug vorzüglich berechnet?). Es begann mit der ſchuͤtzenden

vorkommende Biſten iſt, welches bei dieſem auch Piſten, Piſen und Beiſten geſchrieben vorkommt. Er ſetzt es an den Memel⸗Strom und zwar in die Gegend zwiſchen Welun (Wiliona) und Kauen oder Kowno. So heißt es in einer Stelle: Navigio prospero vento transeunt Mi- melam, pretereuntes silenter Welun, Bisten descendentes infra Kawen. Dann ſagt er auch, daß dort eine Insula Romayn inter Welun et Beisten liege, woruͤber ſogleich das Naͤhere. Mit dieſen Angaben des Chroniſten ſtimmen auch die Wegeverzeichniſſe überein; denn nach dieſen, die es „das Land zu Beſten“ nennen, ging man von der Dobeſe (jetzt eubiſſa) nach Erogel (Jeragolja) und von da durch zwei Wälder uns mittelbar ins Land Beſten“, nämlich, fübwärts herab nach der Memel zu, alſo östlich von Wiliona. g

1) Setzt Niewjescha und Lubiſſa genannt.

2) Davon ſagt freilich Dusburg I. c. kein Wort; allein in Urkun⸗ den und in den Wegeverzeichniſſen finden ſich hieruͤber die genauſten Nachrichten. Wichtig iſt in dieſer Hinſicht eine Angabe im Friedens⸗ vertrage zwiſchen dem Großfürſten Witold und dem Orden vom J. 1398, wo es heißt: Insula dicta Salleyn sita in fluvio dicto Memla habente sub se Insulam aliam dictam Romeywerder et ita ab extremitate superiori diete Insule Salleyn directe progrediendo ad fluvium dictum Naweze in declivo seu valle continue sub silva dieta Heiligenwalt, Diefen heiligen Wald laſſen uns die Wegeverzeichniſſe aufs genauſte ver⸗ folgen; er begann noͤrdlich von Ragnit, wo der Berg Rambin für heilig

14 Kriegszug gegen Garthen (1284).

Burg ein ſchwerer und hartnaͤckiger Kampf, denn die Beſatzung vertheidigte das nahe Heiligthum mit außerordentlicher Ta⸗ pferkeit. Allein bevor der Abend noch einbrach, uͤberwaͤltigte das Ordensheer durch des Landmeiſters kluge Leitung die feind⸗ liche Mannſchaft; die Burg wurde erſtuͤrmt, durch Feuer ver⸗ nichtet und ihre Vertheidiger theils erſchlagen, theils als Ge⸗ fangene hinweggefuͤhrt. Welches Schickſal das Heiligthum gehabt, wird nicht berichtet, denn als nun die andere Schaar, mit Beute beladen und alles durch Raub und Feuer auf ihrem Wege verheerend zum Landmeiſter zuruͤckkehrte, beſchloß er den Ruͤckzug ins Gebiet des Ordens, weil bedeutende Verluſte vor den Mauern der Burg ſeine Kriegsmacht allzu ſehr geſchwaͤcht hatten. Aber das ſchwerſte Ungluͤck erwartete ihn erſt noch; denn als er mit ſeinem Heere die Memel uͤberſchreiten wollte, brach ploͤtzlich das ſchwache Eis unter der Laſt zuſammen und ein großer Theil der Mannſchaft ward ſammt der reichen Beute durch die Wellen verſchlungen 1).

Doch ſchon im naͤchſten Jahre ſammelte der Meiſter ein neues Heer und auf die Nachricht, daß ſich viele Fluͤchtlinge aus Preuſſen in die Gebtete von Garthen (dem heutigen Grodno) begeben, die mit den Litthauern zu Raub und Pluͤn⸗

galt, da wo man ins Gebiet von Medeniken ging, lief dann oſtwaͤrts fort bis in das Gebiet von Wayken am Fluſſe Aleja und von da unter dem Namen Aſſwyote nach Jenſetilte hin zwiſchen Georgenburg und dem Fluſſe Mitwa, wo er noͤrdlich ſich bis Graſyen oder Grauſchy erſtrecktez da zog er ſich bis in das Gebiet der beiden Fluͤſſe Dobeſe und Naweze, wo die heilige Inſel Romowe lag. Ueber dieſe Richtung geben uns die Wegeverzeichniſſe die genauſten Nachrichten und fo erklärt es ſich auch, warum auf dieſe wichtige Gegend hin nicht nur jetzt, ſondern auch noch im 14ten Jahrhundert ſo viele Kriegsreiſen gerichtet waren, wie uns Wigand. Marburg. erzählt.

1) Dusburg c. 217 ſtimmt im Ganzen mit Kojalowiez p. 184— 185 überein, nur daß der letztere den Verluſt des Ordensheeres weit größer angiebt, denn es heißt hier: glacie Nemeni necdum satis solida sub onere fatiscente magna pars exercitus et praedae vorticibus est hausta. Vgl. Lucas David B. V. S. 65. Schütz p. 45. Hist. rer. Pruss. p. 106.

Kriegszug gegen Garthen (1284). 15 derung im nachbarlichen Lande vereint, durch ihre Kenntniß des Ordensgebietes nicht ſelten aͤußerſt gefaͤhrlich wurden, weil ſie ſich gerne zu Wegeführern oder „Leitſagen“ gebrauchen ließen ), beſchloß er, dießmal feinen Kriegszug auf jene Ge⸗ gend zu richten. Dorthin hatte ſich einſt auch der Sudauer Haͤuptling Skomand gefluͤchtet, als er an der Errettung ſeines Vaterlandes verzweifelnd den Ordenswaffen entwichen war; darum kannte er jene Gebiete auch genauer als jeder andere, weshalb der Landmeiſter ihn jetzt bewog, ſich als Fuͤhrer dem Kriegsheere anzuſchließen. Es war im Sommer, als er durch Sudauen ins feindliche Land einbrach. Die Memel uͤberſchrei⸗ tend, an deren rechtem Ufer Garthen lag, ordnete er ſofort alles zur Belagerung, legte an paſſende Orte einzelne Haufen von Schügen aus und umzingelte nun die Mauern der ſtar⸗ ken Burg von allen Seiten. Bei allen dieſen Vorbereitungen hatte die Burgbeſatzung ſich ruhig verhalten. Kaum aber wa⸗ ren zur Erſtuͤrmung die Sturmleitern angelegt, als ſich ein furchtbarer Kampf erhob. Waͤhrend hier alle Waffen in Be⸗ wegung waren, wurden dort ſtarke Balken und gewaltige Steine von den Mauerzinnen auf die Belagerer herabgeſchleu⸗ dert und viele buͤßten mit dem Leben oder wurden ſchwer ver⸗ wundet. Der blutige Streit dauerte mehre Stunden, bis es den Stürmenden endlich gelang, die Burg zu erſteigen. Die Beſatzung ward theils erſchlagen, theils gefangen hinwegge⸗ fuͤhrt und die trotzige Feſte mit Feuer vertilgt. Der Sudauer Skomand zog darauf mit achtzehnhundert Mann durch die ganze Umgegend unter Raub und Brand umher; alles was ihm begegnete, ward gefangen oder erſchlagen und eine große Beute zum Hauptheere zuruͤckgebracht. Damals erlag auch jener Barte, welcher im Empoͤrungskriege der Preuſſen die Komthure von Chriſtburg und Elbing gefangen genommen und dann aus Pogeſanien entflohen war 2).

1) Vgl. Karamſin B. IV. S. 102. Daß auch die Litthauer und Samaiten ſolche Wegeführer oder f. g. Leitfagen, wie der Orden, hat⸗ ten, erſehen wir aus Alnpeck S. 125. 165.

2) Dusburg c. 218; der Text des Chroniften muß aber hier aus

16 Kriegszuͤge gegen die Litthauer (1284).

Waͤhrend aber in ſolcher Weiſe das Volk durch den Kriegs⸗ ſturm weit umher geſchreckt war, kamen zwei vornehme Barter, Numo und Dersko, fruͤher mit einer Schaar ihrer Landsleute aus dem Barterlande entflohen und eben mit einem Litthaui⸗ ſchen Heerhaufen aus Polen, wohin ſie zum Raube ausge⸗ zogen waren, beutebeladen zurückgekehrt, ins Lager des Land⸗ meiſters, den Sieger um Gnade und Verzeihung anzuflehen, um in ihr altes Vaterland heimzuziehen. Freundlich aufge⸗ nommen erhielten ſie vom Meiſter auch ihre Frauen und Kin⸗ der zurück, die man in ihrer Abweſenheit gefangen aus ihren Wohnſitzen weggefuͤhrt, obgleich der tapfere Vogt von Sam⸗ land Dieterich von Liedelau !) in Ahnung kuͤnftiger Gefahren von dieſen Fluͤchtlingen mit mehren andern Ordensrittern ſolche Milde und Schonung ernſtlich widerrieth. So kehrten mit dem Ordensheere 2) die meiſten dieſer gefluͤchteten Barter, nachdem ſie zuvor treulos noch eine Schaar von Litthauern überfallen und erſchlagen, in ihre früheren Wohnſitze zuruͤck ). Allein nach einigen Jahren ſchon vergalten ſie die milde Be⸗

dem Epitomator und aus Jeroſchin c. 218 vervollſtaͤndigt werden. Nach dieſem vollftändigeren Texte giebt auch Lucas David B. V. S. 65—67 feinen Bericht. Vgl. Kojalowiez p. 185. Schütz p. 45.

1) Nicht Dieterich Liebenzell, wie Kotzebue B. II. S. 69 hat, ſondern Dieterich von Liedelau (Lidelowe) war um dieſe Zeit Vogt von Samland.

2) Die durch Schütz p. 45. Hist. rer. Pruss. p. 106 verbreitete und von De Wal Histoire de TO. T. T. II. p. 198 und Bacz ko B. II. S. 10 aufgenommene Nachricht vom Tode Skomands auf der Ruͤckkehr dieſes Heeres widerlegt die ſchon früher erwähnte Original⸗ Urkunde, in welcher dieſem Skomand und feinen drei Soͤhnen am 18. April 1285 noch eine Beſitzung verliehen wird.

3) Dusburg c. 220. Kojalowiez p. 185 nennt die beiden Barter Numo und Dersco auctores cladis. Dieſes bezieht ſich aber ſchwerlich auf die Erſtuͤrmung von Garthen, ſondern wie Dusb. I. c. berichtet, auf den Licherfall des aus Polen zuruͤckgekehrten Litthauiſchen Heerhau⸗ fens. So verſtand es auch der Epitomator, indem er ſagt: In rever- sione fratrum veniunt duo Bartini Dirsko et Numyn, qui ibiden precibus obtinuerunt omnes Bartinos ad gratiam et fidem recipiendos. Eben fo Jeroſchin c. 220.

„**

Kriegszüge gegen die Litthauer (1284). 17 handlung mit Undank und Verrath und die Ahnung des Vogts von Samland ging in Erfüllung. Insgeheim ſpannen ſie ſammt mehren angeſehenen Preuſſen, beſonders in der Land⸗ ſchaft Pogeſanien gegen den Orden eine Verſchwöoͤrung an, mit dem Plane, zum Umſturze der Ordensherrſchaft einen nahen Fuͤrſten aus Ruͤgen oder Litthauen mit einer ſtarken Kriegs⸗ macht herbeizurufen und ihn zum Herrn des Landes zu er⸗ heben. Bereits fand die Verraͤtherei eifrige Theilnehmer in mehren noͤrdlichen Landſchaften und mit jenem nahen Fuͤrſten hatte man, wie es ſcheint, alles ſchon verabredet, als durch Zufall waͤhrend des Aufbaues der Ordensburg Ragnit der verraͤtheriſche Plan entdeckt und durch harte Beſtrafung der

Verſchwörer aus Bartien und Pogeſanien noch vor der Aus⸗ führung vernichtet ward 1).

1) Die Sache iſt noch einiger Dunkelheit unterworfen, die ſchwerlich ganz aufzuhellen ſeyn wird, beſonders auch in Ruͤckſicht des nahen Fuͤr⸗ ſten, den man zu Huͤlfe rufen wollte. Dusburg c. 222 nennt abſicht⸗ lich keinen Namen und wie er von den verſchworenen Preuſſen ſagt: detestabile factum bene haec meruit, quod eorum nomina in publi- cam redigerentur formam, sed propter status ipsorum reverentiam est omissum, ſo bezeichnet er auch den Fuͤrſten bloß durch Principem Ruy anorum. An der Richtigkeit der Lesart moͤchte man kaum zweifeln dürfen, denn es haben fie nicht nur die MSC. Berolin. und Regiomont., ſondern auch Jeroſchin und der Epitomator ſtimmen damit überein; zwar ſagt erſterer: „Nu mogt ir horen, woruf ir pflicht ſich trug in den Untruyn, Si woldin den von Ruyn, Han czu Pruzin in das lant“ und letzterer uͤberſetzt nach: proposuerunt suscipere in capitaneum do- minum de Ruwynz allein es iſt klar, daß der Name „Ruyn“ nur dem Reime nachgebildet und dem „Ruyanorum“ entſprechend iſt. Aber wer war dieſer princeps Ruyanorum? Man hat den Fuͤrſten von Rü- gen Wizlav III darunter gefunden und die Gründe dafür (. Kotzebue B. II. S. 328 329) find nicht verwerflich; wirklich nennt ſich Wiz⸗ lav III auch ſelbſt in ſeinen urkunden Ruyanorum Princeps; nach einer von dieſen in Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 659 befand er ſich im September 1282 in Riga und gab dort der Rigaiſchen Kirche mehre Beweiſe feiner großen Gunſt. Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 329. Allein es treten bei dieſer Annahme doch allerlei Zweifel ein; denn wie kamen die Preuſſen gerade zur Wahl dieſes Fuͤrſten, der Chriſt war, ſein eigenes Fuͤrſtenthum zu regieren hatte, mit Preuſſen weiter in gar

*

* 8. PR s Blällelekz m 8

18 Kriegszuge gegen die Litthauer (1284).

Aus Litthauen zuruͤckgekehrt verweilte der Landmeiſter waͤhrend des Jahres 1284 meiſtentheils im Lande, wo ihn Anfangs mancherlei Mißverhaͤltniſſe mit den Herzogen von Polen viel befchäftigt zu haben ſcheinen. Allein die Zeit tft dunkel, denn wir erfahren nur, daß Herzog Leſſek von Krakau und Semovit von Cujavien mit einander gegen den Orden im Bunde ſtanden und ihm auf einige Zeit einen Waffen⸗ ftilftand zuſagten, dem auch Herzog Przemislav von Groß⸗ polen beitrat, obgleich dieſer ſich bisher gegen den Orden noch nicht weiter feindlich bewieſen ).

Ohne Zweifel waren es dieſe der Geſchichte ziemlich un⸗ bekannten Verhaͤltniſſe mit dem ſuͤdlichen Nachbarlande, welche den Landmeiſter im Laufe des naͤchſten Jahres noch hinderten, den Kampf gegen die Unglaͤubigen mit gewohntem Eifer fort⸗ zuſetzen. Doch um den Glaubensfeind unablaͤſſig zu beſehden, bewilligte er gerne jenem Girdelo 2), der unter ſeinen Landes⸗ genoſſen vor dem Empfange der Taufe ſowohl wegen ſeiner Koͤrperkraft als wegen ſeiner ſchlauen Klugheit in hohem An⸗ ſehen geſtanden, eine Schaar von hundert Kriegsleuten, mit

keiner näheren Berührung ſtand? Und wenn die Todesnachricht über einen Fuͤrſten, der ſich Preuſſens habe bemaͤchtigen wollen, wie ſie uns Dusburg c. 235 mittheilt, auf dieſen Fuͤrſten Wizlav III bezogen würde, machte ſich dann der Chroniſt nicht eines offenbaren Irrthums ſchuldig, da Wizlav nicht im J. 1290, ſondern fpärer ſtarb? Baczko B. II. S. 11 (. auch Kotzebue a. a. O.) hat daher an einen Ruſſiſchen oder Litthauiſchen Fuͤrſten gedacht und es laͤßt ſich allerdings auch manches fuͤr dieſe Vermuthung ſagen, beſonders da die Anſtifter der Verſchwoͤ⸗ rung ſich lange in Litthauen aufgehalten hatten und dort wohl eine Verbindung mit einem der Landesfuͤrſten angeknuͤpft haben konnten. Zur Gewißheit iſt freilich auf keine Weiſe zu gelangen.

I) Nur eine urkunde des Herzogs Przemislav mit dem Datum: in vigilia nativit. s. Marie virg. a. d. 1284 im geh. Arch. Schiebl. 58. Nr. 8 giebt uns über dieſe Verhaͤltniſſe einige Nachricht.

2) Schütz Hist. rer. Pruss. p. 107 ſchreibt den Namen unrichtig Gudilo, ſagt aber, daß er propter corporis fortitudinem et ingenii solertiam et prudentiam celebris inter suos habitus fuerat. Dusburg c. 221 nennt ihn Scalowita. Es ſcheint aber offenbar jener gefluͤchtete Litthauer geweſen zu ſeyn.

Kriegszüge gegen die Litthauer (1284). 49 welcher dieſer in Litthauen einbrechen wollte. Keiner ahnete Girdelo's verrätherifchen Plan, über den er ſich mit dem Feinde zuvor ſchon verſtaͤndigt hatte. Er fuͤhrte den Streithaufen ins Samaitenland gegen die Burg Oukaym an der Dobeſe, mit deren Befehlshaber er die Vernichtung der Ordenskrieger ver⸗ abredet, und auf ein Zeichen brach plotzlich die Burgbeſatzung aus, fiel über die Ordensmannſchaft unvermuthet her und er⸗ ſchlug fie bis auf wenige Mann, welche die Flucht rettete n).

Solche Begegniſſe aber, wie jene Verſchwoͤrung der Bar⸗ ter und dieſe Verraͤtherei hatten den Ordensgebietigern Scheu und Mißtrauen eingefloͤßt gegen ſolche Fluͤchtlinge. Als da⸗ her jener vornehme Litthauer Peluſe, der nach Preuſſen ent⸗ flohen war, gleichfalls mit der Bitte um einen Heerhaufen bei dem Komthur des Hauſes Koͤnigsberg Albert von Meißen 2)

1) Dusburg c. 221. Lucas David B. V. S. 70. Schütz p. 45. Die meiſten Quellen nennen die Burg Otekaym oder Ottokaim; Dusb. c. 233 erwähnt auch einer Burg Onkaim, fo auch Kojalowiez p. 186. Nach den Handſchriften der Dusburgiſchen Chronik aber ſind Otckaim, Ottokaim und Onkaiu nur verſtuͤmmelte und durch ſpaͤtere Abſchriften verdorbene Namen. Bei Jeroſchin und dem Epitomator finden wir uͤberall den Namen Oukein, Oukayn oder Oukaym und Oukeym, wonach kein Zweifel iſt, daß die Burg einſt Oukain oder Oukaim hieß. In den erwaͤhnten Wegeverzeichniſſen kommt nun aber ſehr oft ein Ort und eine Gegend vor, welche Auken, Awken oder Aukon genannt iſt und nach allen Angaben nicht weit von Ro ſiſtna gelegen haben muß. Dort finden wir jetzt an der Lubiſſa den Ort Ugjany und nach allen darüber angeſtellten Vergleichungen kann jenes Oukayn kein anderes als dieſes Ugjany ſeyn. Nach den Wegeverzeich⸗ niffen liegt Auken ungefähr fünf Meilen von Gras yen oder Greysyen entfernt, und dieſes iſt das ſuͤdweſtlich von Ugjany liegende Grauschy noͤrdlich von der Mitwa. Vergleicht man nun die Stellen bei Dusburg c. 221. 233. 240. 274. 283, supplem. c. 8 mit cinander, fo paßt die Lage dieſes Ugjany als des einſtigen Oukayn auch ganz genau zu den davon erzählten Begebenheiten, und ſelbſt das oben erwähnte Ereigniß bekommt durch dieſe Localität ein intereſſanteres Licht. Der Name des Ortes Girtakolln, einige Meilen weſtwaͤrts von Ugjany, ſteht vielleicht zu dem erwähnten Girdele in gewiſſer Verbindung.

2) Die Ordens⸗Chron. bei Matthaeus p. 764 nennt ihn des Mark⸗ grafen von Meißen Bruderſohn.

2 *

20 Kriegszüge gegen die Litthauer (1285).

erſchien, vertraute ihm dieſer nur eine kleine Schaar und auch nur ſolche Kriegsleute an, deren Klugheit, Umſicht und Kriegs⸗ erfahrung ſchon laͤngſt erprobt waren. An ihrer Spitze ſtan⸗ den jene kuͤhnen Struter oder Parteigänger Martin Golin !), der Withing Konrad Tuͤvel und der kuͤhnentſchloſſene Sto⸗ bemel, die ſich ſchon fruͤher in des Ordens Kriegen oft durch tapferen Muth hervorgethan. Auch jetzt war es ein aͤußerſt gefahrvolles Wagniß, welches Peluſe mit dieſer kleinen Schaar auszufuͤhren gedachte. Durch Kundſchafter benachrichtigt, daß einer der Litthauiſchen Fuͤrſten, vor deſſen Nachſtellungen er aus dem Lande hatte entfliehen muͤſſen, ein glaͤnzendes Hoch⸗ zeitfeſt auszurichten Willens ſey, beſchloß er, gerade an die⸗ ſem Tage an ſeinem Feinde Rache zu uͤben. Unvermerkt in der Naͤhe angelangt, nahte ſich mit aller Vorſicht der kleine Haufe zur Nachtzeit des Fuͤrſten Burg ), wo die Haͤuptlinge und Edlen aus der Nachbarſchaft verſammelt ſich theils noch am Trunke erfreuten, theils ſchon dem Schlafe ergeben hatten. Da brach plotzlich Peluſe's Schaar mit Kriegsgeſchrei in die unbewachte Burg ein; keinem der Gaͤſte blieb Zeit, die Waffen zu ergreifen; alles erlag dem feindlichen Schwerte, ſiebenzig der vornehmſten Edlen das Landes) ſammt dem Herrn der

1) Die Ordens⸗Chron. bei Matthaeus p. 767 ſagt hier, man habe ihn auch Herr Unverzagt genannt.

2) Eine Chronik der Wallenrod. Bibliothek (zu Koͤnigsberg) nennt die Burg Struterie, ſ. Hartknoch ad Dusb. p. 305 und De Wal Hist. de TO. T. T. II. p. 202 nahm dieſen Namen auch unbedenklich an. Er beruht indeſſen offenbar auf einem Mißverſtaͤndniſſe eines Aus⸗ druckes, deſſen ſich Jeroſchin c. 223 bedient, indem er Dusburgs Worte: in latrociniis fuerunt plenius exereitati uberſetzt: „, Geuͤbt an Strutterie.“ Wir wiſſen aus Obigem B. III. S. 365 366, was dar⸗ unter zu verſtehen iſt. Jener Chroniſt indeſſen, mit der Bedeutung des Wortes unbekannt, nahm es fuͤr den Namen der Burg.

3) Dusb. c. 223 nennt dieſe Landes⸗Edlen regulos; Jeroſchin uͤberſetzt wörtlich: „Kuͤngelin“; der Epitomator umſchreibt den Aus⸗ druck durch Meliores terrae; in Urkunden z. B. im Rigaiſchen Zeugen⸗ verhör heißen fie Potentiores und bei Dogiel T. V. Nr. XXXVI. p. 26 bei den Semgallen ſchlechthin Dominj. Es waren offenbar kleine Reiks,

Kriegszüge gegen die Litthauer (1285). 21 Burg und vielen andern wurden niedergeſtreckt. Den Braͤu⸗ tigam und die Braut nebſt den Frauen und Kindern der Erſchlagenen mit hundert Roſſen und vielen Schaͤtzen an Gold und Silber entführte man nach Koͤnigsberg zur Rache des Hohnes und der Schmach, unter welcher Peluſe aus ſeinem väterlichen Beſitze vertrieben war.

Jene Kriegszuͤge des Landmeiſters und dieſe kuͤhne That

der Freibeuter hatten aber die Litthauer, wie es ſcheint, ſo erſchreckt und eingeſchuͤchtert, daß Jahre dahingingen, ohne daß ſie einen Einfall in das Gebiet des Ordens wagten; we⸗ nigſtens hat die Geſchichte nichts daruͤber aufbehalten. Der Landmeiſter uͤberließ es vorerſt jenen raubluſtigen Freibeutern, das feindliche Land zu belaͤſtigen und mit ihren kleinen Raub⸗ horden zu beunruhigen, wo und wie ſie konnten. Da Krieg und Fehde ihr Taggeſchaͤft, Raub ihr Unterhalt, Brand und Verheerung fuͤr ſie Luſt und Spielwerk waren und dichte Waldungen ihnen als Wohnung und ſichere Zuflucht dienten, ſo war das heidniſche Land auch mehre Jahre hindurch bald an der einen, bald an der andern Graͤnze ihren Einfaͤllen und Fehdezuͤgen Preis geſtellt. Leicht geruͤſtet erſchienen ſie auf ihren ſchnellen Roſſen bald in Samaiten, bald ſchreckten ſie Litthauen, bald lauerten ſie an Strömen auf beladene Fahr: zeuge, um ſich mit deren Gütern zu bereichern ), bald ſteck⸗ ten ſie die Saaten in Brand. Solch loſes und ungezuͤgeltes Kriegsgeſchaͤft nannte man damals Struterie und auch in Preuſſen fanden ſich viele, die es Jahre hindurch als gewohn⸗ tes Tagewerk betrieben 2). Herren und Gebieter über gewiſſe Gebiete, die unter der Oberherrſchaft des Großfuͤrſten ſaßen, vielleicht zum Theil auch unabhangig waren. Wenn man will, mag man die fpäteren Sczupane oder Bajoren dar⸗ unter finden. Der, deſſen Freudenfeſt hier geftört ward, mag ein treuer Untergebener des Großfuͤrſten Witen geweſen ſeyn. Die Begebenheit ſelbſt erzählt etwas ausgeſchmuͤckt auch Kojalowiez p. 188 189. Vgl. Schütz p. 45. Hist. rer. Pruss. p. 108. Hist. de TO. T. T. II. p. 203.

1) Vgl. die Pax Latrunculorum in Dogiel T. V. Nr. XXXVI. Dus b. c. 224.

2) S. oben B. III. S. 366.

22 Innere Landesverwaltung in Preuffen (1285).

Wahrend aber der Krieg gegen Litthauen mehre Jahre von Seiten des Ordens alſo ruhete, da wieder Streifzuͤge nach Rußland die heidniſchen Fuͤrſten beſchaͤftigten “), war es vorzuͤglich die innere Landesverwaltung, auf welche der Land⸗ meiſter mittlerweile ſeine ganze Sorgfalt wandte. Die Be⸗ gruͤndung neuer Staͤdte und Doͤrfer oder die beſſere Ordnung und Feſtſtellung des ſtaͤdtiſchen Gemeinweſens in den ſchon vorhandenen Staͤdten, daneben auch die Aufrichtung und ſtaͤr⸗ kere Befeſtigung der Landesburgen zur Wehr der Graͤnzen und zur allgemeinen Sicherheit des Landes und endlich vor allem die Erhebung und Befoͤrderung des Ackerbaues nahmen des Meiſters Eifer und Thaͤtigkeit unabläffig in Anſpruch. So erhielten zwei Staͤdte im Jahre 1285 ihre Entſtehung, Stras⸗ burg am Ufer des Drewenz-Fluſſes und Loͤtzen am Lewentin⸗ See, wahrſcheinlich um dadurch zugleich den Litthauern den Einfall ins Gebiet des Ordens zu erſchweren 2). Rheden im Kulmerlande erfreute ſich ſtatt ihrer alten, in den Kriegszeiten verlorenen Gruͤndungs⸗Urkunde Hermann Balks durch den Landmeiſter Konrad von Thierberg in demſelben Jahre einer neuen, vollſtaͤndigen Handfeſte, worin aufs neue ihre Rechte und Freiheiten geſichert und manches zum Nutzen der Stadt nach der Bürger Wunſch und Beiſtimmung verändert war’). Bald darauf ertheilte er in gleicher Weiſe auch der Altſtadt Koͤnigsberg in belohnender Anerkennung der Verdienſte ihrer Bürger in Zeiten der Gefahr fir Beförderung der Glaubens⸗ ſache ihr Hauptprivilegium uͤber ihre Freiheiten und Gerecht⸗ ſame und ihre ſtaͤdtiſche Gemeindeordnung). Dann ward

1) Karamſin B. IV. S. 122.

2) Henneberger Erklaͤr. der Preuſſ. Landtaf. p. 254. 438. Ti⸗ demanns Chron. (Mfer.) p. 11. De Wal. c. p. 207.

3) Sie ift ausgeſtellt am 2. März 1285 und es heißt namentlich darin, daß das privilegium sibi super fundacione civitatis in Redino a fratre Hermanno dicto Balk Magistro Prussie quondam indultun per negligenciam perditum.

4) Die Urkunde ift ausgeſtellt am SO. April 1286. Vgl. Baczko Geſchichte von Königsberg S. 522.

Innere Landesverwaltung in Preuſſen (1285). 23

einige Jahre ſpaͤter auch die Stadt Elbing, die in einem Brande unermeßlichen Schaden gelitten, in Rückſicht der Ge⸗ richtsordnung, in Erweiterung ihres Stadtgebietes und mehrer ſtaͤdtiſchen Freiheiten, als eigener Wahl ihrer Richter, freier Fahrt zum Handel auf dem Drauſen⸗See u. ſ. w. mit einem neuen Privilegium begabt ); und bald darauf ſtieg in ihrer Nähe, wiewohl wahrſcheinlich erſt von Konrads Nachfolger im Jahre 1290 gegründet, auf ihrer Berghöhe bei der alten Burg Pazlok die Stadt Preuſſiſch-Holland empor, ihren Na: men von Fluͤchtlingen aus Holland erhaltend, die dort ver⸗ trieben oder freiwillig ausgewandert in Preuſſen eine neue Heimat ſuchten und zur Bevölkerung. der jungen Stadt den erſten Grund legten 2). Wir ſahen aber ſchon fruͤher, wie

1) Crichton Urk. zur Preuff. Geſchichte S. 28. Preuſſ. Samml. B. II. S. 443. Fuchs Beſchreib. von Elbing B. I. S. 268. Die in der Urkunde enthaltenen Beſtimmungen uͤber die Gerichtsordnung in vor⸗ kommenden Streitfaͤllen bezogen ſich bloß auf die Buͤrger der Stadt ſelbſt. In Streitigkeiten der Stadt mit dem Orden ging man um Rechtsentſcheidung nach Lübeck, wie aus einem Beiſpiele im J. 1300 über die Auslegung einiger Stellen im Elbingiſ. Privilegium zu erſehen iſt.

2) Die Gründung von Preuſſiſch⸗Holland wird nach den meiſten Chroniſten in das J. 1290 geſetzt; |. Henneberger S. 158; vgl. Hartknoch Diss ert. Il. F. XV. und A. u. N. Preuſſ. S. 412. Ger⸗ ſtenberger Chron. laßt fie erſt 1302 geſchehen. Verſteht man jene An⸗ gabe von der erſten Niederlaſſung von Bewohnern an der Burg Pazlock, deren Beſitzer früher Gerko von Pazlock war, To läßt ſich wohl nichts dagegen einwenden; denn ein Anbau bei dem Castrum Pazlok, welches im J. 1297 noch ſtand und dem Orden gehoͤrte, war ohne Zweifel ſchon damals erfolgt. Zur eigentlichen Stadt erhoben und als Stadt ausge⸗ than wurde dieſer angebaute Ort aber erſt nach der Ankunft der Hol⸗ laͤndiſchen Einzoͤglinge, wie der Landmeiſter Meinhard von Querfurt in dem Gruͤndungsprivilegium ſelbſt durch die Worte bezeugt: Nos fun- davimus civitatem in territorio Pazlok iure Culmensi, quam secun- dum primos locatores, qui de Hollandia venerant, Holland appella- vimus. Nach der Angabe der Allgemeinen Geſchichte der Niederlande Th. I. S. 422 ſoll der Moͤrder des Grafen Florenz V von Holland Gisbrecht von Amſtel mit ſeinem Anhange im J. 1296 nach Preuſſen entflohen ſeyn und die Stadt Holland „gebauet haben oder bevdlkern helfen.“ Dieſe Nachricht ſtuͤtzt ſich indeſſen nur auf alte, muͤndlich fort⸗

24 Innere Landesverwaltung in Preuſſen (1285).

wichtig es fuͤr den ſtaͤdtiſchen Betrieb war, daß dieſe Hollaͤn⸗ der mit ihrer reichen Kenntniß und ihrer Thaͤtigkeit und Fer⸗ tigkeit in Fabrik⸗ und Manufactur⸗ Arbeiten ins Land kamen und zur Vervollkommnung ſtaͤdtiſcher Erzeugniſſe neuen An⸗ laß gaben ). Außer dieſen Bemuͤhungen um die Erhebung der Staͤdte und um die Ausbildung des ſtaͤdtiſchen Gemein⸗ weſens richtete der thaͤtige Meifter fein Augenmerk vorzüglich auch auf die Beförderung des Ackerbaues, wovon eine große Zahl bis jetzt vorhandener Verleihungen und Verſchreibungen der redendſte Beweis iſt, denn ſie zeigen, wie tief Konrad von Thierberg von dem Gedanken durchdrungen war, daß vor allem aus dem Landvolke die wahre Grundkraft des neuen Staates hervorwachſen und dem ganzen Aufbau der Ordens⸗ herrſchaft feſten Halt und ſichere Stuͤtzen geben muͤſſe; und auch in dieſer Hinſicht mochte die Ankunft der Hollaͤnder in Preuſſen nicht ohne Einfluß ſeyn, denn die Niederlaͤnder gal⸗ ten damals für die beſten Ackerleute ?). Gleiche Sorgfalt ver: wandte der Landmeiſter auf die policeiliche Sicherheit ſowohl in den Staͤdten als auf dem Lande. Ein Beweis davon iſt eine von ihm und dem Ritter⸗Convente zu Königsberg mit dem Schultheiß und Rath der Stadt beſchloſſene Verordnung, daß wenn Diebſtaͤhle von Preuſſen oder Samlaͤndern inner⸗ halb der Stadt begangen wuͤrden, ſolche zwar von den Or⸗ densrittern ſelbſt gerichtet, die Gerichtsbußen aber der Stadt vorbehalten werden ſollten, daß ferner ein Dieb bei einem Diebſtahle von einem Vierdung an Werth oder daruͤber ſei⸗ nen Hals mit ſechzehn Mark freien, bei einem Diebſtahle da⸗ gegen, der mit Staͤupen beſtraft wurde und ein Skot oder daruber oder unter einem Vierdung betrage, ſich vom Gerichte

gepflanzte Erzählung. Mit der Handfeſte wuͤrde ſich dieſes zwar ver⸗ einigen laſſen, da ſie erſt am Michaelis⸗Tage 1297 ausgeſtellt iſt; allein in Holland bedurfte es ſolcher gewaltſamer Veranlaſſungen zur Aus⸗ wanderung nicht und es ließe ſich wohl auch ſchon vor dem 3. 1296 eine Niederlaſſung der Hollander im Gebiete Pazlock annehmen.

1) S. B. III. S. 503.

2) Fiſcher Geſchichte des Deutſ. Handels B. I. S. 474.

Nachbarliche Verhältniffe (1285). 25

durch zwei Mark loͤſen und bei einem Diebſtahle unter einem Skote zu ſeiner Freiung eine Mark zahlen ſolle. Es wurde end⸗ lich noch feſtgeſetzt, daß auch ein Deutſcher, der einen Preuſſen oder Samlaͤnder beſtohlen habe, ſich mit derſelben Strafſumme frei zu kaufen verpflichtet fey, wie der Preuffe oder Same 1). Mit den nachbarlichen Landen ſtand der Orden in den letzten Jahren der Verwaltung dieſes Landmeiſters in durch⸗ aus friedlichen Verhaͤltniſſen, denn die Zwiſtigkeiten mit den Herzogen von Polen, wohl an ſich ſchon nicht von ſonder⸗ licher Wichtigkeit, waren im Laufe der beſtimmten Friedens⸗ friſt, wie es ſcheint, voͤllig ausgeglichen worden. Auf des Komthurs von Thorn Betrieb und aus Wohlwollen gegen den Landmeiſter verbürgte ſelbſt der Herzog Wladislav von Lanziz und Cujavien den Kaufleuten aus Thorn und Kulm für ihren Handel nach Rußland allen Schutz und voͤllige Si⸗ cherheit durch ſein ganzes Gebiet und erbot ſich ſogar, ihre Waarenſendungen ſowie ihre Perſonen bis an die Graͤnzen ſeines Landes unter bewaffneter Bedeckung geleiten zu laſſen 2).

1) Wir finden dieſe alte Policei⸗Verordnung im Fol. 7. p. 30 im geh. Archiv; ſie iſt gegeben zu Koͤnigsberg am 12. Maͤrz 1286 und gilt fuͤr eine der erſten, die uns aufbehalten ſind. Sie ſcheint ſchon ur⸗ ſpruͤnglich in der Deutſchen Sprache abgefaßt geweſen zu ſeyn, iſt aber bei der Unbehüͤlflichkeit, mit der man damals in dieſer Sprache in Ur⸗ kunden noch kaͤmpfte, nichts weniger als leicht verftändlich.

2) Die hieruͤber auch in Beziehung auf die Handelsgeſchichte Preuſ⸗ ſens wichtige, an den Komthur von Thorn gerichtete Original- Urkunde im geh. Archiv Schiebl. XVI. Nr. 10 iſt datirt: Lanchitie proximo sabbato ante rogaciones a. d. 1286. Es heißt darin: Legacionem fratris Johannis sacerdotis ordinis vestri recepimus continentem, quod Cives de Thorun et de Culmine mercatores videlicet qui sunt in terra Russie per terram nostram cum suis mercibus navigio sine inpedi- mento transire permitteremus, quod gratanter ob dilectionem Magistri et fratrum facimus, hoc etiam addicientes quod quicunque de civi- tatibus vestris cum suis pannis et aliis rebus per terraın nostram transire voluerint, secure transeant, insuper de voluntate bona et de consensu baronum nostrorum volumus predictos mercatores in nostra custodia a villa que vocatur Slussow per nostram miliciam secure et quiete usque ad metas terre nostre conducere.

26 Nachbarliche Verhältniffe (1285).

Auch der alte Hader zwiſchen Herzog Miſtwin von Pommern war nicht nur gaͤnzlich beſeitigt, ſondern es herrſchte zwiſchen ihnen an ſeiner Stelle ein ſo freundliches Vertrauen, wie es kaum je hätte erwartet werden koͤnnen., In einem Streite des Ordens mit Wislav Biſchof von Leßlau über den Bau einer Muͤhle am Fluſſe Veriſſa, welchen der Biſchof nicht zu⸗ laſſen wollte, entſchied der Herzog als erwaͤhlter Richter nicht nur völlig zu des Ordens Gunſten, wiewohl jener alles ans gewandt, um die Entſcheidung für ſich zu gewinnen ), ſon⸗ dern im Jahre 1285 uͤbergab er dem Orden auch einen nicht unbedeutenden Werder zwiſchen den Fluͤſſen Primislava und Groß ⸗Kabal in der Nähe der Weichſel als Schenkung für fein und feiner Vorfahren Seelenheil, ein Beweis, daß der Fürft ſeine fruͤhere Geſinnung gegen den Orden jetzt ſchon ganz geaͤndert hatte 2). Preuſſen genoß ſonach in dieſen Jahren ſowohl im Innern als nach außenhin einer ſo ungeſtoͤrten Ruhe, wie ſolche ihm ſeit langer Zeit nicht zu Theil geworden war und des thaͤtigen Landmeiſters Bemuͤhungen um das Ge⸗ deihen der Städte und den Wohlſtand des Landbewohners ließen daher auch die herrlichſten Erfolge erwarten ?).

1) Original- Urkunde über die ſchiedsrichterliche Entſcheidung des Herzogs, datirt: Wyschegrode Castro nostro an. 1284. im geh. Arch. Schiebl. 49. Nr. 26. S. Dregers Verzeichn. Pommer. Urkunden S. 14.

2) Original⸗urkunde im Duplicat, datirt: in Gdanzeke XVI Calend. Maij 1285 im geh. Arch. Schiebl. 49. Nr. 30.

3) Die Nachricht, welche uns um dieſe Zeit die Chron, Slavica ap. Lindenbrog p. 206 giebt, indem es hier heißt: Anno domini 1286 Cru- ciferi de domo Theutonica a Marchionibus Brandenburg. et Misnens. terram Prussiae fertilem et populosam pro magna summa pecuniae emerunt, quia suis metis erat contigua. Qui Marchiones dictam ter- ram cum exercitu magno eam intrantes contra Regem Poloniae, Rege jam in Polonia interfecto, per ipsos sibi subiecerunt, a cuius tamen terrae impetitione Poloni nunquam nec in praesenti requiescunt, be- zieht ſich ſichtbar auf die ſpaͤtere Erwerbung Pommerellens und iſt nur aus unkunde oder Mißverſtaͤndniß in dieſe frühe Zeit durch die Chroniſten verſetzt, denn etwas verändert findet ſich dieſelbe Nachricht in Stalndelii Chron. ap. Oefele T. I. p. 512, Corneri Chron. ap. Eccard. T. II. p. 937, Botho Chron. Bruns wic. pietur. ap. Leibnitz. T. III. p. 371 etc.

Livlands Verhaͤltniſſe (1286-1288). 27

Nicht ſo gluͤcklicher Friedensjahre erfreute ſich damals Livland, wo ſeit dem Jahre 1281 Wilhelm von Schauerburg als Landmeiſter an der Spitze des Ordens ſtand, einer der tapferſten Ritter in den dortigen Landen. Waͤhrend der erſten Zeit ſeiner Verwaltung hatten auch dort die Raubzuͤge der Litthauer des Ordens Kriegsmacht fort und fort beſchaͤſtigt ). Nun waren aber vor wenigen Jahren auch die Semgallen, angeblich wegen einer ſchweren Beleidigung ihres damaligen Oberhauptes Nameiſe durch einen Ordensritter, wieder abge⸗ fallen ) und ſeit Witen den großfürftlihen Stuhl in Lit⸗ thauen beſtiegen, hatten ſich die Semgallen, Samaiten und Litthauer zur Bekaͤmpfung des Ordens und zu raͤuberiſchen Einfällen in deſſen Land meiſtentheils verbunden. Da hie⸗ durch der Feind in ſeiner vereinten Kriegsmacht jetzt um ſo ſurchtbarer geworden war, fo beſchloß der Livlaͤndiſche Meiſter, ihn in ſeinem eigenen Lande aufzuſuchen und brach demnach im Jahre 1284 mit einem bedeutenden Heere zunächſt in Semgallen ein, unterſtuͤtzt von Huͤlfshaufen des Erzbiſchofs von Riga und des Statthalters der Daͤniſchen Beſitzungen. Es gelang ihm, bis zu einer Berghoͤhe vorzudringen, die man wegen ihrer religidſen Heiligkeit den heiligen Berg nannte ); er wurde mit einer Burg befeſtigt, von welcher aus eine Burgbeſatzung von dreihundert Mann das Semgalliſche Volk unabläffig beunruhigte “). Allein die Samaiten und Litthauer ſtanden den bedraͤngten Semgallen zu Huͤlfe; die neue Rit⸗

1) Das Nähere über dieſe Züge beſchreibt Alnpeck S. 136—137.

2) Wir erfahren dieſes durch das Rigaiſche Zeugenverhoͤr, wo ein Zeuge ausſagt: Quod audivit dici, quod in terra Semigalie fuit qui- dam Rex nomine Nameyxe, qui fuit christianus ipse et alii de Se- migalia, et quod audivit dici, quod unus frater de domo Theotoni- corum dedit illi Regi alapam, propter quod dictus Rex cum aliis de Semigalia apostataverunt a fide. Das ſagte freilich ein Gegner des Ordens aus; der Abfall müßte aber auf jeden Fall ungefähr im J. 1280 erfolgt ſeyn.

3) Alnpeck S. 138.

4) Alnpeck a. a. O. enthält das Nähere uͤber den Bau und die Befeſtigung der Burg.

28 Livlands Verhältniffe (1286—1288).

terburg auf Heiligenberg ward mehrmals in große Gefahr geſetzt; denn alles zielte auf ihre Vernichtung, und da der Widerſtand der Kriegsmacht des Ordens das kuͤhne Raubvolk wenig ſchreckte, ſo wagte es ſich ſogar bis an die Mauern von Riga vor, um dort feine Beute zu ſuchen n). Da ruͤckte einſt ein neues ſtarkes Heer von Semgallen und ihren Ver⸗ buͤndeten gegen Riga heran wie zum Hohne gerade in den Tagen, als der Landmeiſter im Jahre 1287 ein Landkapitel halten wollte und alle Komthure des Landes nebſt zwei Send⸗ boten des Hochmeiſters in Riga ſchon verſammelt waren. Daruͤber erzuͤrnt ſammelte er ſogleich einen Heerhaufen von fuͤnfhundert ruͤſtigen Kriegern und folgte dem Feinde nach. Er traf ihn am dritten Tage in einer aͤußerſt gunſtigen Stel⸗ lung vierzehnhundert Mann ſtark. Dennoch ward der Angriff gewagt. „Ich bringe die Semgallen in Noth oder wir blei⸗ ben alle todt!“ rief der Meiſter feiner Schaar entgegen 2) und ſtuͤrzte dem Feinde zu. Der Kampf begann mit außer⸗ ordentlicher Hitze und der Sieg blieb lange zweifelhaft. Als aber bald ein Theil des bewaffneten Landvolkes des Ordens aus der Schlacht entfloh, dann auch ein Theil der uͤbrigen Mannſchaft vom Feinde ſtark bedraͤngt den Kampf aufgab, viele von den Ordensrittern und Komthuren ſchon gefallen und in ſolcher Weiſe die noch gebliebenen Heerhaufen ihrer Fuͤhrer meiſt beraubt waren, und als endlich auch der tapfere Landmeiſter ſelbſt im ritterlichſten Kampfe erſchlagen ward, erlag die ganze uͤbrige Mannſchaft dem ſiegenden Feinde. Dreiunddreißig der tapferſten Ordensritter blieben auf dem Kampfplatze, ſechzehn wurden gefangen und jaͤmmerlich er⸗ mordet, theils mit Knuͤtteln todt geſchlagen, theils auf dem Roſte langſam verbrannt. Aus der Zahl der Feinde war der Hauptmann der Semgallen nebſt ſechzig der vornehmſten Edlen gefallen ).

1) Alnpeck S. 142 143.

2) Die Worte bei Alnpeck S. 146.

3) Am vollſtaͤndigſten erzählt alle dieſe Ereigniſſe Alnpeck S. 136 149. Ordens⸗Chron. (Mſcr.) S. 55, bei Matthaeus p. 747, wo

Der Hochmeifter Burchard v. Schwenden in Pr. (1286-1288). 29

Da die Nachricht dieſes unglücklichen Ereigniſſes durch eine Botſchaft von Ritterbruͤdern aus Livland an den Hoch⸗ meiſter Burchard von Schwenden !) gelangte, erließ er ſofort an die Gebietiger in Schwaben und Franken den Befehl, ihm die tuͤchtigſten und ſtreitbarſten Ordensritter ihrer Convente zuzuſenden, die den Verluſt der Bruͤder in Livland erſetzen konnten. Und als ihm Diefer eine anſehnliche Zahl zugekommen war, machte er ſich eiligſt auf, um in Preuſſen ſelbſt ſich mit den vornehmſten Gebietigern des Ordens uͤber die Lage der Verhaͤltniſſe uͤberhaupt und beſonders uͤber den Schutz der Ordensgebiete gegen das gefaͤhrliche Volk Litthauens und Sa⸗ maitens zu berathen 2). Es war in den erſten Tagen des

der Landmeiſter unter dem Namen Willikyn von Schierborch vorkommt. Vgl. auch Arndt Th. II. S. 67. Hiärn S. 185. Gadebuſch Livl. Jahrb. B. I. S. 325 ff.

1) Der Hochmeiſter hielt ſich im J. 1287 meiſtens in Deutſchland auf; Acta Academ. Palat. T. II. p. 28. De Wal Recherches T. II. p. 225. Außerdem erſehen wir dieſes auch aus einer Urkunde des Bi⸗ ſchofs Johannes von Tusculum, der ſich in den Jahren 1286 und 1287 als paͤpſtl. Legat in Deutſchland befand, ſ. Raynald. an. 1286. Nr. 2 4. und mit dem Hochmeiſter, von ihm Borcardus de Sunaden genannt, eine Unterredung hatte, in deren Folge er ſeinen Kapellanen befiehlt, von dem Orden in Preuſſen und Livland aus Rüdfiht feiner großen Verdienſte und Opfer um die Aufrechthaltung des chriſtl. Glau⸗ bens in dieſen Landen fuͤr ſein Procurations⸗Geſchaͤft keine Gebuͤhren einzufordern. Außerdem heißt es aber noch: Duximus indulgendum de procurationibus quogne, quas nobis solvere tenentur occasione domo- rum et locorum, que habent in Polonia pro dicto tempore usque ad viginti marcharum summam eisdem fratribus remittentes, ita quod si aliquid ultra dictam summam fratribus ipsis fuerit impositum, illud golvere teneantur. Urk. im geh. Arch. Schiebl. 23. Nr. 3.

2) Die obenerwaͤhnten Quellen ſagen ausdruͤcklich, daß dieſes der nächſte Anlaß der Reiſe des Hochmeiſters nach Preuſſen geweſen ſey. Am vollftändigften hierüber der Zeitgenoſſe Alnpeck S. 152. Von den ihn begleitenden Rittern heißt es hier:

Im wart von manchen enden Junger bruder vil geſant

Von ſwaben und von vranken lant Quamen bruder zu im dar

30 Der Hochmeiſter Burchard v. Schwenden in Pr. (12861288).

Februars im Jahre 1288, als er an der Spitze ſeiner „wohl bereiten“ Ritterſchaar im Lande uͤberall, wie es bei eines Hochmeiſters Ankunft Sitte war, aufs feſtlichſte empfangen, zu Elbing ein Ordenskapitel verſammelte n). Es erſchienen die wichtigſten Gebietiger des Landes, außer dem Landmeiſter Konrad von Thierberg der Komthur von Brandenburg Mein⸗ hard von Querfurt, Hermann von Schoͤnenberg Landkomthur von Kulm, der Komthur von Koͤnigsberg Albert von Meißen, einer der froͤmmſten und lobenswuͤrdigſten Ritter im ganzen Orden, Berthold Bruͤhaven Komthur des Hauſes Balga, Hein⸗ rich von Wilnowe Komthur von Marienburg, auch der Or⸗ densmarſchall Helwig von Goldbach und viele andere. Nach⸗ dem man zuerſt Preuſſens näher liegende inneren Verhaͤltniſſe und den Zuſtand ſeiner Ordensburgen ſorgſam berathen und was nothwendig und heilſam ſchien angeordnet, ward vor allem theils für des Landes Verwaltung, theils auch für deſſen aͤußeren Schutz und fuͤr die Kriegsfuͤhrung gegen die nach⸗ barlichen heidniſchen Voͤlker eine Veraͤnderung der oberſten Gebietiger fuͤr zweckmaͤßig befunden. Der bisherige Land⸗ meiſter Konrad von Thierberg ward feines Amtes entlaſſen, denn wiewohl er ſich hohe Verdienſte in ſeiner Verwaltung erworben, ſo ſchien er doch von jeher mehr noch fuͤr das Kriegsweſen geeignet zu ſeyn, weshalb ihm jetzt der Hoch⸗ meiſter auch die ſchon fruͤher von ihm bekleidete Wuͤrde des Ordensmarſchalls von neuem uͤbertrug und den bisherigen Verwalter dieſes Amtes Helwig von Goldbach in das Kom— thuramt von Chriſtburg verſetzte?). Zum Landmeiſter von Preuſſen aber ward vom Hochmeiſter und dem Ordenskapitel erkoren der bisherige Komthur von Brandenburg Meinhard

Das ir wart ein michel ſchar Wol bereiter helde gut.

1) Alnpeck S. 152.

2) Hellwig von Goldbach erſcheint als Komthur von Chriſtburg ſchon am 7. April 1288 in einer von ihm ſelbſt ausgeſtellten Urkunde, worin er das Erbrichteramt der Stadt Chriſtburg dem Schultheißen Bernhard verlehnt; Dregers Samml. Pommer. Urk. Nr. 761.

Der Hochmeiſter Burchard v. Schwenden in Pr. (1236-1288). 31 von Querfurt und an die Stelle des erſchlagenen Landmei⸗ ſters von Livland der Ritter Konrad von Herzogenſtein, dem der Hochmeiſter vierzig neue Ordensbruder mit nach Livland gab :). Ebenſo erhielten auch einige Komthuraͤmter andere Verweſer; in das wichtige Amt zu Elbing trat Siegfried von Rechberg, das erledigte Amt zu Brandenburg uͤbernahm Lud⸗ wig von Schippen. Dann ward beſchloſſen, das Ordensge⸗ biet am Memel⸗Strome durch einige ſtarke Wehrburgen ge⸗ gen den Einfall des nahen Feindes noch mehr zu ſichern und nach ihrem Aufbau den Kampf gegen die Samaiten und Lit⸗ thauer wieder mit Eifer fortzuſetzen. Endlich moͤgen auch über das innere Weſen, die Verfaſſung und die Ordnung des Ordens ſelbſt manche Verhandlungen in dieſem Kapitel gepflogen worden ſeyn, obgleich uns daruͤber naͤhere Berichte fehlen?). Wir erfahren nur, daß der Hochmeiſter die wich⸗ tigſten Ordensburgen des Landes noch ſelbſt beſucht, ſich über alles genau unterrichtet), auch in Betreff des kirchlichen Weſens manche Anordnungen getroffen und unter andern den Kulmiſchen Domherren das Recht verliehen habe, durch Kauf auch Lehenguͤter an ſich bringen zu koͤnnen, doch mit der Verpflichtung, auch die auf dieſen Guͤtern ruhenden Dienſte

1) Nach Alnpeck S. 152 uͤbernahm er das Amt mit Widerſtre⸗ ben; S. 164 nennt ihn der Chroniſt Kune von Hazigenſtein und ſagt von ihm: „Er was der huͤbeſchten bruder ein, den man mit ougen mochte ſehn.“

2) Es erwähnen dieſes Landkapitels die Ordens⸗Chron. S. 55, bei Matthaeus p. 747, Alnpeck S. 152 u. a., aber alle nur in Bezie⸗ hung auf die Veränderungen in Beſetzung der Ordensaͤmter. Daß auch Landes⸗ und ſtäͤdtiſche Angelegenheiten dort verhandelt und entſchieden wurden, ſehen wir aus dem ſchon früher beruͤhrten Elbingiſchen Privi⸗ legium bei Crichton a. a. O. S. 28. Was Simon Grunau Tr. VIII. c. 16. §. 1. von dieſem Kapitel erzaͤhlt, iſt in Ruͤckſicht des Jah⸗ res 1285, in welchem es nach ihm gehalten ſeyn ſoll, ſowie in Betreff der Gebietiger- Namen, die ihm auch Lucas David B. V. S. 41 nachſchreibt, fo grundfalſch, daß wir auch ſeinen uͤbrigen Nachrichten darüber keinen Glauben ſchenken duͤrfen.

8) Alnpeck S. 152.

32 Der Landmeiſter Meinhard v. Querfurt (1288).

zu leiſten!). Darauf kehrte nach einiger Zeit der Hochmei⸗ ſter nach Deutſchland wieder zurüd.

In ſolcher Weiſe ſtand nun der Landmeiſter Meinhard?) von Querfurt der Landesverwaltung in Preuſſen vor, „ein aufrichtiger, freundlicher und ſittiger Mann, auch wohl ein ernſter Kriegsheld“ 3), auf dem mit Recht große Hoffnungen ruheten. Aus dem beruͤhmten Hauſe der edlen Grafen von Querfurt entſproſſen, der fuͤnfte Sohn Gebhard des Sechſten von Querfurt *), war er ſchon frühzeitig in den Deutſchen Orden getreten und mit Hartmann von Heldrungen und Anno von Sangerhaufen nach Preuſſen gekommen, alfo ohne Zwei⸗ fel ſchon ein Mann von ziemlich hohem Alter s), als er die Landmeiſterwuͤrde erhielt. Ueber vier Jahre lang hatte er dem Komthuramte des Hauſes Brandenburg mit Ruhm vorge⸗ ſtanden und im Jahre 1284 auch einmal ſchon das landmei⸗

1) Dieſer Sache erwaͤhnt Lucas David B. V. S. 42 mit den Worten: „Ich habe funden ein Privilegium den Thumbherren der Cul⸗ miſchen Kirchen zu Thorn i. J. 1287 am 4. Dec. geben, darin ſie be⸗ gnadet, daß fie durchn Kauf Lehnguͤter an ſich bringen mögen, doch daß ſie auch die Dienſt thun, die der vorige Beſitzer des Guts zu thun ſchul⸗ dig war. Ob das aber auf dem Ein⸗ oder Auszuge (des Hochmeiſters) geben, ift mir unbewuſt, doch iſt daraus wol zu verſtehen, daß er umb die Zeit alhie im Lande geweſen.“ Daraus geht wenigſtens hervor, daß der Hochmeiſter dieſes Privilegium ſelbſt ertheilt hatte.

2) Die Namen Meyner oder Meinecke ſind nur Verkuͤrzungen, wie Kune ſtatt Konrad.

3) Lucas David B. V. S. 77. Dusburg c. 227.

4) Die Fabel, daß Meinhard der neunte Sohn des Grafen Geb⸗ hard aus einem und demſelben Wochenbette ſeiner Mutter geweſen ſey, hat den luͤgneriſchen Moͤnch Simon Grunau Tr. VIII. c. 20. §. 2 zur Hauptquelle und iſt von dieſem auf Lucas David B. V. S. 78, Henneberger S. 53. Schütz p. 46 u. a. übergegangen. Daß ber Moͤnch von Tolkemit ſie erſonnen hat, iſt kaum zu bezweifeln und da⸗ her um fo mehr zu bewundern, daß in den Preuff. Lieferung. B. I. S. 265 290 fo viele Mühe auf ihre Widerlegung verwandt worden ift. Nach Schütz Hist. rer. Pruss. p. 108 ſtammte Meinhard ex familia comitum Heldrungensium et Mansfeldensium.

5) Franke Hiſtorie der Grafſch. Mansfeld S. 52. Spangen⸗ berg Querf. Chron. S. 345. Pauli a. a. O. S. 103.

Der Landmeiſter Meinhard v. Querfurt. (1288). 33

fierliche Amt in Stellvertretung Konrads von Thierberg ver⸗ waltet !). So hatte er in den Geſchaͤften der Landesverwal⸗ tung ſchon manche Erfahrung eingeſammelt und manchen Blick in das Leben gethan. Mit dieſer Erfahrung aber und mit der klaren Erkenntniß der Erfordernis e und Pflichten ſeines wichtigen Amtes verbanden ſich in ihm die ſtrengſte Gerech⸗ tigkeit, die offenſte Wahrheitsliebe, Großmuth im Denken wie im Handeln, ein raſtloſer Eifer fuͤr die Wohlfahrt und Ge⸗ deihen der ihm untergebenen Lande und Guͤte und Milde ge⸗ gen alle, die feiner Hülfe und feines Rathes bedurften, be⸗ ſonders auch gegen die Geiſtlichen; nicht minder waren auch Tapferkeit und Heldenmuth gegen den Feind die ausgezeich⸗ netſten feiner Tugenden 2).

Des Landes Heil und Gedeihen war das Erſte, worauf der neue Meiſter ſeine ganze Sorgfalt wandte und mit einem großen Gedanken, der ihn vielleicht zu dem Ehrenamte eines Meiſters von Preuſſen mit erhoben hatte, trat er ſeine Ver⸗ waltung an. Wenn ſich das Auge von der Ordensburg El⸗ bing aus gen Weſten oder auf dem Ordenshauſe Marienburg nach Morgen oder nach Abend und Mitternacht richtete, uͤber⸗ blickte es eine meilenweite wilde Gegend, die der thaͤtigen Hand des Menſchen faſt noch nirgends zugaͤnglich geworden war, voll großer Suͤmpfe und grundloſer Moraͤſte, ſo daß in der ganzen weiten Umgebung nur fuͤnf aͤrmliche Doͤrfer auf mäßigen Anhoͤhen hatten erbaut werden koͤnnen ). In uralter Zeit den Meeresboden bildend *) waren dieſe Suͤmpfe und Moraͤſte in den Niederungen jetzt die traurigen Erfolg: niſſe der faſt jährlich wiederkehrenden Ueberſtroͤmung der Nogat und der Weichſel, deren flache Strombetten in dem niedrigen Lande die Waſſermaſſen nicht mehr faſſen konnten, ſobald ſie ſich nur irgend uͤber ihren gewoͤhnlichen Stand erhoben. Dieſes ſumpfige und vom Moraſte tief durchfreſſene meilenweite Land >

1) Nach einer Urkunde im Fol. XI. p. 93 im geh. Archiv. 2) Dusb. I. c. Lucas David a. a. O. 8) Waissel Chron. S. 102. 4) ©. oben B. I. S. 11. IV. 3

34 Die Weichſel- und Nogatdaͤmme (1288).

voͤllig auszutrocknen, fuͤr menſchlichen Fleiß und Anbau zu gewinnen und gegen die Ueberfluthungen der Stromgewaͤſſer zu ſichern: das war das gewaltige Unternehmen, dem ſich der neue Landmeiſter mit allem Eifer unterzog. Er begann es ſchon im Jahre 1288, dem erſten feiner Amtsverwaltung !). Es war mit unbeſchreiblichen Schwierigkeiten verbunden. Die Stroͤme mußten viele Meilen weit durch ſtarke und hohe Damme gefangen, in ihre Graͤnzen gewieſen und der Damm⸗ bau ſo geſichert und befeſtigt werden, daß er auch bei dem oft ſo maͤchtigen Andrange der Gewaͤſſer der nicht ſelten ganz außerordentlichen Gewalt des Elements den noͤthigen Wider⸗ ſtand zu leiſten vermochte. Von Elbing hinuͤber nach Ma⸗ rienburg zu mußten zwei dieſer Wehrdaͤmme an den Ufern der Nogat unter unſaͤglichen Muͤhen und Schwierigkeiten uͤber Moraͤſte uud ſumpfige Untiefen aufgeführt werden, wenn zur linken und rechten Seite des Fluſſes das niedriggelegene Land für menſchliche Kultur gewonnen werden ſollte. Einen aͤhn⸗ lichen ſtarken Dammbau forderte auch der wilde Weichſel⸗ Strom, da feine Waſſermaſſen für die nächiten Landgebiete deshalb noch ungleich gefaͤhrlicher und verderblicher waren, weil ſie faſt mit jedem Winter bei ſtarken Eisgaͤngen ſich bald hier, bald dort neue Betten brachen und ſich in ſolcher Weiſe ein Stromgebiet gebildet hatten, welches in manchen Gegen⸗ den die Breite einer Meile faßte. Sechs Jahre hindurch wa⸗ ren für dieſe ungeheueren Werke Tag für Tag Tauſende von Menſchen und Tauſende von Wagen beſtaͤndig in Arbeit und Bewegung, bis endlich im Jahre 1294 das große Unterneh⸗ men vollendet daſtand?) und Meinhards hoher Schoͤpferge⸗ danke fuͤr die Ewigkeit verwirklicht war. Noch jetzt ſtaunt der Wanderer uͤber das rieſenmaͤßige Werk, das herrlichſte Denkmal für Meinhards Namen, dem an Groͤße und Wich⸗

1) Lucas David B. V. S. 81 ſagt: „Er ward im Winter (Fe⸗ bruar) zum Landmeiſter erwählt und begann den Damm von Elbing her bald hernach in der Faſten.“

2) Lucas David a. a. O. Schütz Histor. rer. Pruss. p. 110. Hartwichs Beſchreib. der drei Preuſſ. Werder.

Die Weichſel- und Nogatdaͤmme (1288). 35

tigkeit in ſeinen ſegensreichen Folgen nichts gleich kommt, was je der Ritterorden für Kultur und Anbau in dieſem Lande geſtiftet und gegruͤndet hat. Die goldenen Auen der Niede⸗ rungen von Elbing bis Marienburg und die fruchtreichen Ge⸗ biete im Süden und Norden dieſer Linie find für Jahrtau⸗ ſende einzig Meinhards Schoͤpfungen und Ein Gedanke ſeines Geiſtes gab ihnen das Daſeyn.

Das Land aber ſollte den wilden Stroͤmen nicht bloß abgewonnen, ſondern es ſollte auch bevoͤlkert, belebt und be⸗ pflanzt werden. Deshalb bewilligte der Landmeiſter allen, welche ſich dort nieberlaffen wollten, eine fünfjährige Freiheit von allen Leiſtungen, Dienſtbarkeiten und Abgaben und der überaus fruchtbare Boden mit dem reichen Segen, der ſich aus ihm verſprechen ließ, lockte beſonders aus Deutſchland bald zahlreiche Schaaren von Anpflanzern und Bearbeitern herbei, die durch Vorbaue, Graben und Schleuſenwerke die noch uͤbrigen Gewaͤſſer auffingen und ableiteten und in ſol⸗ cher Weiſe durch Deutſchen Fleiß die vormals ſumpfige und faſt menſchenleere Wuͤſtung zu einer ſo uͤppigen Fruchtbarkeit brachten, wie ſie nirgends in ganz Preuſſen und ſelbſt weit umher in den Nachbarlanden nicht wieder zu finden iſt !). Auch dieſes war Meinhards großes Werk; auch dieſes neu- geſchaffene Leben auf dem neugewonnenen Lande ſichert fei- nem Namen die Unſterblichkeit. Fuͤr ihn duͤrfte ſonſt das Buch der Geſchichte geſchloſſen ſeyn ?); ſchon um dieſer Schoͤ⸗ pfung willen wuͤrde Preuſſens Volk dankbar ſein Andenken von Geſchlecht zu Geſchlecht und auf ewige Zeiten verherr⸗ lichen muͤſſen.

Aber keineswegs war Meinhards Sorge und Thaͤtigkeit für des Landes Gedeihen nur auf jene Gegenden beſchraͤnkt; vielmehr zeugt noch jetzt eine große Zahl urkundlicher Ver⸗

1) Schütz p. 47. Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 406. Vgl. meine Geſchichte Marienburgs S. 32 33.

2) Daher ſagt auch Dusburg c. 227 von ihm: Quam gloriosus iste fuerit in officio suo, testantur facta magnifica. Audebat enim aggredi rem arduam, quam alius timuerit cogitare.

3 *

36 Innere Landeskultur (1288).

leihungen über laͤndliches Beſitzthum von dem unermuͤdlichen Eifer, mit dem er auch in den andern Landſchaften Preuſſens Ackerbau und Landeskultur auf alle Weiſe zu foͤrdern und zu heben ſtrebte. Wenn es in den neugewonnenen Niederungen

faſt ausſchließlich nur Deutſche waren, welche dort ſich anſie⸗ delnd das moraſtige Geſuͤmpf in bluͤhendes Ackerland umſchu⸗ fen, ſo lohnte anderwaͤrts der Landmeiſter beſonders verdien⸗ ten Preuſſen ihre Treue und Ergebenheit durch zugewieſenen Landbeſitz und nicht ſelten auch durch beſondere Vorrechte, oder er ermunterte wohl auch durch ſolche Verleihungen zur thaͤ⸗ thigen Beihuͤlfe und Unterſtuͤtzung des Ordens gegen ſeine Feinden). Gleichen Eifer aber fir das Gedeihen des Landes und namentlich für den Anbau und die Bevoͤlkerung der ver⸗ wuͤſteten und menſchenleeren Gegenden bewaͤhrten in ihren Landestheilen auch die Biſchoͤfe, vorzuͤglich der Biſchof Hein⸗ rich der Zweite von Ermland, deſſen Gebiete freilich auch in der früheren Zeit durch die Einfälle der Heiden und die Ver⸗ heerungen der abtruͤnnigen Neubekehrten unbeſchreiblich gelitten hatten, ſo daß hie und da meilenweit kaum noch die Spur einer menſchlichen Hand zu erkennen war. Daher rief der Biſchof uͤberall auch neue Bewohner herbei, erleichterte ihnen den Anbau auf jede moͤgliche Weiſe und beguͤnſtigte ſie mit großen Vorrechten, reichen Beſitzungen und wie er ſonſt nur konnte, um fo das Land aus feiner Eroͤdung und wilden Ver: wuͤſtung wieder emporzuheben ?). Aber auch das Aufkom⸗

1) Um von den zahlreichen Beiſpielen nur eines zu erwaͤhnen, ſo verlieh er dem getreuen Samlaͤnder Walgune und feinen Erben „fünf geſind (familias) zeu Littowen, ob wir uns dy Littowen undirtanig machin, fry von zeendin und gebürlicher Arbeit als unſer luythe uns pflegen zeu thunde.““

2) Auch hievon unter vielen nur Ein Beiſpiel: So heißt es in einer Verſchreibung des Biſchofs fuͤr Johann Flemming uͤber 100 Hu⸗ ben vom J. 1288: Reformacioni ecclesie nostre et terre, que per gentiles ac neophitos pruthenos est penitus devastata, quocunque modo possumus intendere cupientes nec habentes modum alium nisi ut ad terras nostras homines prout possumus, convocemus, viro dis- creto Iohanni Flemmingo verisque suis heredibus hoc ponderantes et

Innere Landeskultur (1288). 37

men und die gedeihliche Ordnung der Staͤdte ließ der Land⸗ meiſter nicht unbeachtet. So erfreute ſich Chriſtburg mancher Beweiſe ſeiner Sorgfalt, denn im J. 1288 wurden der Stadt nicht bloß alle Gewohnheiten, Gerechtſame und Freiheiten der Kulmer auf ewige Zeit zugeſichert !), ſondern fie erhielt bald darauf im Jahre 1290 auf die Bitte ihres Schultheißen und der geſammten Bürgerfchaft vom Landmeiſter auch das Mag: deburgiſche Recht, freie Schifffahrt auf dem Drauſen⸗See, freie Fiſcherei in der Sirgune und manche andere Bewillfin- gen, die ihren Wohlſtand foͤrderten 2).

Unter dieſen Bemuͤhungen aber fuͤr das Wohl und Ge⸗ deihen im Innern des Landes vergaß der Meiſter auch keines⸗ wegs die Sorge fir feine Sicherheit von außenher. Seit auf dem Landkapitel zu Elbing der Aufbau einiger feſten Wehrburgen an dem Memel⸗ Strome beſchloſſen worden, wa⸗ ren dort die Verhaͤltniſſe gegen die Nachbarlande noch be⸗

merito quod ipse multas et diversas passus pro ecclesie nostre re- formacione miserias primus extitit, qui se in episcopatu recepit et ipsum desolatum penitus reformavit etc. S. Ermland. Verſchreib. p. WI im Fol. des geh. Arch.

1) Abſchrift einer Urkunde des Komthurs von Chriſtburg Helwig von Goldbach vom 7. April 1288, worin es unter andern heißt: „Wir wellen ouch das gewonheiten, freyheyten und gerechtikeit der Colmener in der eegenanten Stad ewiklich gehalden werden.“

2) Die Urkunde des Landmeiſters vom 20. November 1290 ſagt hieruͤber: Cum dilecti nostri scultetus et cives de Christburg nos adierint suppliciter exorantes, quatenus ipsis aliquod ius assignare- mus, secundum quod se possent regere in judiciis secularibus exer- cendis et aliis consuetudinibus et libertatibus sicut et alii incole no-

strarum civitatum, quoniaın hactenus in incerto positi nullum habe rent ius sibi finaliter deputatum. Et quia petitionibus, que sunt rationi consone jurique consentanee nos merito annuere debemus, nec decet eos dilationibus aliquibus fatigari, qui iusta petunt pariter et honeste. Hinc est quod ad noticiam tam presentium quam futu- rorum cupimus devenire, quod nos de consilio et matura delibera- tione fratrum nostrorum contulimus incolis predicte civitatis Christ- burg ius Meydeburgense, ut eo jure et libertate se sentiant et gau- deant privilegiatos quo et terra Culmensis.

38 Aufbau von Ragnit und Tilſit (1288).

denklicher und die Gefahren für das Ordensgebiet noch un: gleich drohender geworden, da in Semgallen und im Samai⸗ tenlande ſeit der Ankunft des neuen Meiſters in Livland alles in Kriegsruͤſtung begriffen war!). Auf die Nachricht hievon ſammelte Meinhard im Anfange des Jahres 1289 die ganze Streitmacht des Landes, theils um die Graͤnzen gegen den drohenden Feind zu decken, theils um unter dem Schutze der Waffen jene Wehrburgen aufzurichten. Am elften Januar zog er mit dem Heere unter großen Schwierigkeiten auf den ungebahnten Wegen der duͤſtern Waldwildniß, die man zu jener Zeit den Grauden nannte 2), in die Landſchaft Scha⸗ lauen ein und alsbald ward an der Memel auf einer Anhoͤhe der Aufbau einer Burg begonnen. Da alles Bauwerk zuvor ſchon vorbereitet, die Zahl der Arbeiter und Handwerker über- aus bedeutend und unter dem Schutze der wachenden Heer⸗ ſchaar die Arbeit nicht geſtoͤrt worden war, ſo hatte der Bau in großer Schnelle vollendet werden koͤnnen ). Die Burg ward Anfangs nach ihrer Beſtimmung Landshut genannt, er⸗ hielt indeſſen ſpaͤterhin von einem nahen Fluͤßchen, an wel⸗ chem eine altheidniſche Burg deſſelben Namens gelegen hatte, den Namen Nagnit *). Zum erſten Komthur des neuen Ordenshauſes erkor der Landmeiſter den bisherigen Kom⸗ thur von Balga Berthold Bruͤhaven 5), aus Oeſterreich ge

1) Alnpeck S. 156.

2) Schon damals, wie noch ſpaͤter im 14. Jahrhundert war der Grauden- Wald eine kaum durchdringliche Wildniß, von welcher Peter Suchenwirt, der ſie mit eigenen Augen ſah, ſagt:

Ein wildnuß haiſt der Graudenz

Gen weſten noch gen ſauden (Suͤden) So poz (böfe) gevert ich nye gerayt, Daz ſprich ich wol auf mein ayt!

Wen an den ſatel ſtunt ein ros

In leten (Lehmgrund) und in tiefem mos So lag vor ym ein grozze von (Wall).

3) Lucas David B. V. S. 84.

4) Dusburg c. 228. Lucas David S. 83. Schütz p. 47.

5) Komthur von Balga war Berthold in den J. 1287 und 1288. Im

Einfall der Litthauer in Samland (1289). 39

burtig !), einen Ritter, der nicht minder durch feine Tapfer⸗ keit und kriegeriſchen Muth, als wegen feiner Strenge in Beobachtung ſeiner Ordenspflichten, beſonders der Enthalt⸗ ſamkeit 2) unter den Ordensbruͤdern in hoher Achtung ſtand. Ihm zugeſellt waren vierzig andere Ordensritter und eine reiſige Schaar von hundert Kriegsleuten zu der Burg Ver⸗ theidigung. Und kaum war dieſe Burg vollendet, als der Meiſter weiter weſtwaͤrts am Ufer deſſelben Stromes noch eine zweite erbauen ließ, die zum Schutze und als Zufluchtsort der Schalauer dienend, die Schalauer-Burg genannt ward, ihren Namen aber nachmals ebenfalls veränderte und ſeitdem Tilſit hieß). Da auch dieſes neue Ordenshaus ſtark befeftigt und ziemlich zahlreich bemannt wurde, ſo glaubte der Meiſter auf ſolche Weiſe die umhergelegenen Lande gegen feindliche Ein⸗ fälle hinlänglich geſichert und zugleich die Fahrt auf dem Me⸗ mel- Strome aufs beſte gedeckt zu haben.

Allein es war dem nicht alſo. Große Beſorgniſſe riefen den Meiſter mit ſeiner Streitmacht eiligſt ins Innere des Landes zuruͤck, denn wie ſchon fruͤher erwaͤhnt, geſchah es beim Aufbau Ragnits, daß die von den aus Litthauen zurüͤck⸗ gekommenen Bartern, Pogeſaniern und den Bewohnern mehrer anderer Landſchaften angeſponnene Verſchwoͤrung zum Abfalle vom Orden entdeckt ward“). Zwar gelang es dem fo ent⸗ ſchloſſenen als ſcharfſichtigen Meiſter, das frevelhafte Gewebe ſchnell zu zerreißen und dieſe Gefahr abzuwenden; allein die Faͤden waren wahrſcheinlich weiter geſponnen, als man im

J. 1285 war er noch ohne Amt und hielt ſich als Ordensbruder in Alt⸗Kulm auf.

1) Dusb. I. c. Eine Familie von Bruͤhaven kommt auch im Biſth. Freiſingen vor. S. Falckenſteins urkunden und Zeugniſſe das Burg⸗ grafth. Nuͤrnberg betreff. Nr. 64. S. 71.

2) Von feiner Keuſchheitsprobe giebt Dusb. c. 229 ein Geſchicht⸗ chen, welches man dort ſelbſt nachleſen möge. Pauli S. 131 bemüht ſich, die Sache auf natürlichen Wege zu erklaren, da ihm die Probe fuͤr Fleiſch und Blut zu uͤbernatuͤrlich ſchien.

3) Dusb. c. 228. Lucas David B. V. ©. 86. 4) Dusburg C. 222.

40 Einfall der Litthauer in Samland (1289).

Augenblicke der Entdeckung des Verrathes wohl glauben mochte. Es geſchah wenigſtens um dieſelbe Zeit, daß Witen, der Großfuͤrſt von Litthauen, vielleicht der Meinung, Preuſſen ſtehe durch die Umtriebe der Verſchwoͤrer in vollem Aufſtande und ohne Wehr und Schutz !), ploͤtzlich gegen den Herbſt des Jahres 1289 mit einer Reiterſchaar von achttauſend Mann bis in die Landſchaft Samland eindrang, waͤhrend deren Bi⸗ ſchof Chriſtian ſich damals in Deutſchland befand ). Da man indeß zuvor, vielleicht durch das Geſtaͤndniß der Ver⸗ ſchwoͤrer, von Witens feindlichem Plane ſchon unterrichtet war ), fo hatte ſich das Volk mit allem, was gerettet wer⸗ den konnte, in die Ordensburgen geflüchtet und der raubgie⸗ rige Feind fand daher nichts weiter als leere Häufer und die Saaten des Feldes, die er großen Theils durch Feuer ver⸗ nichtete. Statt dem feindlichen Heere mit offener Macht ent⸗ gegen zu gehen, ſchien es dem Landmeiſter zweckmaͤßiger, die im. Einzelnen oft ſehr zerſtreuten Streifhorden von jeder Burg aus zu uͤberfallen und zu vernichten, wie es denn dem tapfern Komthur von Balga Heinrich von Dobyn bei einem ſolchen Ueberfalle auch gelang, einen pluͤndernden Haufen von faſt hundert Litthauern bis auf den letzten aufzureiben ). Doch

1) Es iſt bei dem Dunkel, welches über dieſer Verſchwoͤrungsge⸗ ſchichte liegt, wenigſtens ſehr möglich, daß man auch den Großfuͤrſten von Litthauen mit in die Sache gezogen hatte.

2) Chron. S. Petri Erfurt. ap. Mencken Script. rer. Germ. T. III. p. 297298. Im Anfange des Februars 1290 hielt ſich der Biſchof in Erfurt auf; ebenſo noch im J. 1291, wo es in der erwaͤhnten Chronik heißt: Propter frequentiam hospitum et eorum insolentias, ut time- bamus, ad maiorem cautelam et certitudinenm reconciliatum est mo- nasterium nostrum Dominica Exurge a Domino Christiano Episcopo Samniensi de ordine Domus Teutonicae.

3) Bei Dusburg c.230 wird ausdruͤcklich geſagt: Fratres adven- tum suum long tempore praesciverunt.

4) Heinrich von Dobyn war im Februar 1289 noch Komthur in Graudenz; nach Berthold Bruͤhavens Abgang finden wir ihn als Kom⸗ thur in Balga. Die Zahl der von ihm erſchlagenen Litthauer giebt Dusb. I. c. auf 80, Kajalowicz p. 192 auf 88, eine andere Chronik aber auf 200 an.

Semgallens Unterwerfung (1289). 41

vierzehn Tage lang durchſtuͤrmte der Feind die Lande die Weite und die Breite von einer Graͤnze zur andern, bis er endlich, da es an Beute gaͤnzlich gebrach, die Heimkehr antrat. Mitt⸗ lerweile aber hatte der Meiſter im Oberlande eine anſehnliche Kriegsmacht verſammelt, eilte ſchnell dem Feinde nach, uͤberfiel ihn beim Uebergange uͤber einen Fluß, nahm ihm ſaͤmmtlichen Raub wieder ab und erſchlug im Kampfe eine ſolche Schaar der feindlichen Krieger, daß kaum noch die Haͤlfte ihre Hei⸗ mat wieder ſah !).

Mit noch groͤßerem Erfolge hatte waͤhrenddeſſen der Mei⸗ ſter von Livland den Kampf gegen die Feinde des Ordens fortgefuͤhrt, denn ſo maͤchtig oft die Streitmacht der Sem⸗ gallen und Samaiten in ihrer Verbindung gegen den Orden geweſen und fo kuͤhn fie ihre Einfälle und Raubzuͤge bis tief ins Gebiet der Ritter ausgedehnt, ſo waren im Laufe von einigen Jahren im Lande der Semgallen die feſten Burgen doch faſt alle vernichtet; Doblen, Raken und Sidroben lagen in Aſche und das Volk, des fruchtloſen Kampfes muͤde, hatte ſich theils den Ordensrittern zu Gehorſam unterworfen, theils ausgewandert in Litthauen neue Niederlaſſungen geſucht ). Ganz Semgallen konnte demnach als völlig bezwungen be trachtet werden. Maͤchtiger dagegen und drohender ſtanden in der Mitte der Ordensgebiete Livlands und Preuſſens noch die Samaiten da, an ihrer Spitze jetzt der kriegeriſche Koͤnig Butegeyde ), der alles aufbot, feinem Volke die alte Freiheit zu bewahren. Gelang es nun dem Orden nach Semgallens Unterwerfung auch Samaiten zu uͤberwaͤltigen, ſo war der alte Plan, die Ordensgebiete Preuſſens und Livlands als Nachbarlande zu vereinigen, verwirklicht. Und in der That faßten die beiden Meiſter von Livland und Preuſſen dieſen

1) Auch Dusburgs Epitomator ſagt, daß noch viele Litthauer in transitu deprehensi fuerunt. Lucas David B. V. S. 89. Schütz 47. Histor. rer. Pruss. p. 110. 2) Dieſe Fehden und Kämpfe genauer bei Alnpeck ©. 154-165. 3) Urkunde im geh. Arch. Schiebl. XI. Nr. 1., worauf wir bald näher kommen werden.

42 Meinhards von Querfurt Kriegszug gegen Kalayne (1290).

Gedanken auf und vereinten ſich ſchon im voraus uͤber eine Theilung der Lande Schalwen, Karſau, Twerkiten und der andern Gebiete des Samaitenlandes; ſie ſandten ſolche dem Hochmeiſter zur Beſtaͤtigung zu mit der Erklärung, daß man bis dorthin mit vereintem Streben das Gebiet des Ordens hinausruͤcken, neue Ordensburgen dort aufrichten und die ge⸗ wonnenen Lande mit neuen Bewohnern beſetzen wolle. Bald erfolgte auch von Rom aus, wo ſich der Hochmeiſter aufhielt, die gewuͤnſchte Genehmigung!). Ohne Zweifel hatte das Kriegsgluͤck in Livland und der Aufbau von Ragnit und Tilfit dieſen Plan veranlaßt; durch beides hatte man ſich ſchon be⸗ traͤchtlich genaͤhert und dieſe Burgen konnten nun als Grund⸗ lage und Haltpunkte bei der Ausführung des Planes dienen. Samaitens Ueberwaͤltigung war alſo nun das naͤchſte Ziel. Bevor der Meiſter von Preuſſen ihm aber entgegen gehen konnte, beſchaͤftigten ihn in den letzten Monden des Jahres 1289 noch manche innere Landesverhaͤltniſſe, die einer beſſeren Ordnung bedurften, vorzuͤglich ein langwieriger und verwickel⸗ ter Streit zwiſchen den Biſchoͤfen Werner von Kulm und Tho⸗ mas von Ploczk, den er nach vielen Verhandlungen als Schiedsrichter und Vermittler endlich dahin beilegte, daß der letztere alle ſeine Anrechte und Forderungen, die er aus den

1) Das Original dieſer Beſtaͤtigungs⸗urkunde des Hochmeiſters, hier Burchardus de Svanden geſchrieben, datirt: Rome a. d. 1289 septimo Idus Februar. (7. Febr.) indietione secunda befindet fi) im geh. Archiv Schicbl. XL Nr. 2. Damals war man freilich erſt mit dem Aufbau von Ragnit und Tilſit beſchaͤftigt; allein die Verhaͤltniſſe ſtanden ohne Zweifel im Zuſammenhange. Die beiden Landmeiſter, an welche die Urkunde gerichtet iſt, hatten den Hochmeiſter, wie er ſelbſt ſagt, unter Vorlegung der von ihnen angeordneten Laͤndertheilung er⸗ ſucht, ut compositionem seu divisionem terrarum Schalwen, Karsowe, Twerkiten ac aliarum provinciarum per vos et maturos fratres ve- stros factam, in quibus domino vobis opitulante edificare et insedere intenditis, vellemus nostro suffragio confirmare. Die bezeichneten Ge biete lagen, wie es ſcheint, in der Richtung zwiſchen Ragnit und Zilfit und Bausk am Aa⸗Fluſſe, wo in der Mitte Samaitens Schawly und Kurſchau zu finden find.

Meinhards von Querfurt Kriegszug gegen Kalayne (1290). 43

früheren Verhaͤltniſſen feiner Kirche zum Kulmerlande herlei⸗ tend jetzt von neuem im Kulmiſchen Biſthum geltend zu ma⸗ chen ſuchte, für immer aufgeben mußte und dafuͤr vom Kul⸗ miſchen Biſchofe das oͤſtlich von Kulmſee liegende Dorf Or⸗ ziechowo nebſt einigen andern Beſitzungen als Eigenthum feiner Kirche uͤbernahm!). So kam es, daß der Meiſter ſich erſt im Winter des Jahres 1290 zu dem Kriegszuge gegen die Heiden ruͤſten konnte; da indeſſen der Meiſter von Livland feinem Amte um dieſe Zeit entſagte 2), fo mußte die Unter: nehmung auf Samaiten vorerſt noch verſchoben werden. Mein⸗ hard beſchloß jedoch, den Feind anderwaͤrts zu beſchaͤftigen, zog im April mit einem Heerhaufen von fuͤnfhundert Reiſigen und zweitauſend Mann Fußvolk laͤngs der Memel hin und belagerte am Tage des heil. Georgs mit aller Macht die feſte Burg Kalayne, eine der erſten in Litthauen am Ufer des Memel⸗Stromes ). Das Fußvolk auf Kaͤhnen bis unter

1) Die vollſtaͤndigere Auseinanderſetzung dieſes Streites der beiden Biſchoͤfe findet man theils in der Urkunde in den Actis Boruss. B. III. S. 268 274, theils bei Lucas David B. V. S. 18. Bei dieſem heißt es: „Thomas der Biſchoff von Plotzkau wolte mit Ime (dem von Kulm) rechten von wegen des Biſthumbs und dasſelbe als zum Plotzker Biſthumb gehörig fordern oder In aufs wenigſte als einen Suffraga⸗ neum ſeiner Kirche ſich underwerfen, darumb daß etwa das Culmiſche Landt ins Plotzker Biſthumb gehörig geweſen und doraus zum Teil ger ſtifftet were und alſo jhaͤrlich von Ime etliche gerechtikeiten haben.“ Aus der erwaͤhnten Urkunde geht hervor, daß die Streitſache in Thorn verhandelt und die Entſcheidung am 6. December 1289 gegeben wurde.

2) Arndt Th. II. S. 68 ſetzt ſeinen Tod in das J. 1288 und Bachem läßt ſeinen Nachfolger ſchon 1289 im Amte ſeyn. Beides iſt unerweislich und ſtreitet gegen Arnpeck S. 165, nach welchem Konrad von Herzogenſtein ſein Amt zwei Jahre, alſo 1288 und 1289 oder bis in den Anfang des J. 1290 verwaltete. Damit ſtimmt nicht bloß das Verzeichniß bei Bray Essai critique T. IL p. 329 überein, fondern wir haben auch von ſeinem Nachfolger keine urkunden vor dem J. 1290. Nach Hiärn S. 189 dankte Konrad ſchon im J. 1289 ab, nach Aln⸗ peck S. 165 ſcheint dieß erſt im J. 1290 geſchehen zu ſeyn.

3) Der Text bei Dusburg c. 231 nach der Ausgabe von Hartknoch iſt fehlerhaft, denn ſtatt in die S. Gregori muß es heißen in die S

44 Meinharde von Querfurt Kriegszug gegen Kalayne (1290).

die Mauern der Burg gelangt, betrieb die Belagerung am meiſten, waͤhrend die Reiterſchaar theils auf Raub auszog, theils die herankommenden feindlichen Haufen von Angriffen auf die Belagerer zuruͤckzuhalten ſuchte. Die Errettung der Burg ſchien unmoͤglich, denn ſo tapfer und entſchloſſen ihr Befehlshaber Surmine und ihre Beſatzung von hundertund⸗ zwanzig Mann ſie auch vertheidigten, ſo waren die Stuͤrme der Belagerer doch ſo heftig und die Zahl der Todten und Verwundeten unter den Vertheidigern bald ſo groß, daß das Blut von den Mauern floß und die ganze Beſatzung der Burg zuletzt nur noch aus zwoͤlf tapfern Kriegern beſtand. Stuͤndlich erwartete der Meiſter ſchon die Uebergabe, als plotzlich eines Abends bei einbrechender Dämmerung jene aus⸗ geſandte Reiterſchaar, des Raubens und Wachehaltens müde, mit hellem und wildem Kriegsgeſchrei auf das Lager los⸗ ſprengte. Man hielt ſie fuͤr einen feindlichen Heerhaufen, der die Belagerer uͤberfallen wolle. Schrecken und Entſetzen verbreitete ſich ſchnell im ganzen Lager; alles ergriff die Flucht und eilte nach dem Strome zu den Fahrzeugen. Alle Er⸗ mahnungen und Bitten des Meiſters und der Ordensritter blieben beim Volke erfolglos; mit einemmal war aller Muth entwichen und Meinhard ſah ſich gezwungen, die Heimkehr anzutreten. Kaum aber war die Burg vom Feinde frei, als der Hauptmann Surmine in Furcht, die Ordensritter moͤchten wiederkehren, mit den wenigen noch unverwundeten Kriegern aus der Feſte entfloh mit dem Schwure bei ſeinen Goͤttern,

Georgii; fo leſen nicht nur die Mser. Berolin. und Regiomont., ſon⸗ dern auch der Epitomator, Jeroſchin und Lucas David B. V. S. 91. Statt Colaine haben dieſe drei letzten Quellen Calaine und dieſes iſt ohne Zweifel richtiger. Es giebt zwei Orte, auf welche dieſer Name hinweiſen kann. Der eine, Kallenen, liegt nordwaͤrts von Nagnit an der Jura, der andere, Kalneny, an der Memel, weſtwaͤrts von Georgen⸗ burg. Der Name des erſtern ſcheint dem alten Namen Calayne aller⸗ dings zwar mehr zu entſprechen, allein vergleicht man Dusb. c. 232 mit c. 286, fo muß man ſich doch für das letztere entſcheiden, auch wenn Kojalowicx c. 193 fie nicht nennte prima in Lituania arx Prus- siam versus ad Nemenun, womit offenbar Kalneny gemeint iſt.

Meinhards von Querfurt Kriegszug gegen Kalayne (1290). 45 daß er nie wieder in einer Burg eine Belagerung der Or⸗ densritter erwarten wolle ).

Der heidniſche Hauptmann ſann jedoch auf Rache fuͤr das Blut ſeiner gefallenen Kriegsgenoſſen. Als daher auf des Meiſters Befehl um Himmelfahrt der Ordensritter Erneke Hauskomthur von Ragnit ?) mit dem Ordensbruder Johannes von Wien und fuͤnfundzwanzig Kriegsleuten zu Schiff ins Litthauiſche Gebiet auszog, dort auszuforſchen, ob die Heiden ſich zu neuen Unternehmungen ruͤſteten, ward Surmine, auf die Burg zurückgekehrt, des Kriegshaufens gewahr, da er bei der Feſte Kalayne voruͤberfuhr, und rief eiligſt ſeine Burg⸗ leute zuſammen, mit ihnen den Plan zur Vernichtung der Ritter zu berathen. Man vereinigte ſich zu folgender Liſt. Als des Komthurs Schiff auf dem Memel⸗ Strome heimkeh⸗ rend ſich der Burg Kalayne naͤherte, eilte ſchnell ein junger Litthauer Nodam, der Polniſchen Sprache kundig und in Wei⸗ berkleider gehuͤllt, von noch ſechzig wehrhaften und tapfern Kriegern begleitet, die ſich in ein nahes Gebüfch verſteckten, an das Ufer des Stromes hinab, und als das Schiff nun herankam, rief er haͤnderingend und flehentlich bittend den

1) Dusb. c. 231. Lucas David B. V. S. 91. Schütz p. 47 und Kojalowiez p. 193 weichen in der Erzählung etwas von einander ab, denn nach dem letztern kehren die Belagerer nach erkanntem Irrthum wieder zur Burg zuruͤck, finden ſie aber leer und verlaſſen, da Surmine die gelegene Zeit zur Flucht benutzt hatte. Darauf wird die Burg ver⸗ nichtet. Dusb. verdient indeſſen mehr Glauben, wenn er ſagt: Unde a dieta impugnatione recesserunt. Surminus autem Capitaneus non longe postea dietum castrum desolatum reliquit.

2) Wir finden dieſen Ordensritter im J. 1285 noch als bloßen Conventsbruder in Balga und feinen Namen Ernko geſchrieben; Dusb. hat Erneko. Hennig meint bei Lucas David B. V. S. 94, er habe um dieſe Zeit noch nicht Komthur von Ragnit ſeyn konnen, obgleich ihn Dusb. fo nennt, da der Komthur von Koͤnigsberg Berthold Bruͤha⸗ ven zugleich auch mit Komthur von Ragnit geweſen ſey. Wahrſchein⸗ lich war Erneke nur Hauskomthur zu Ragnit; Schloͤzer Geſch. v. Litthauen S. 53 nennt ihn Ernel, Statthalter von Ragnit nach Koja- lowiez p. 194. Im naͤchſten J. 1291 kommt ſchon Konrad Stange als Komthur zu Landshut oder Ragnit vor.

46 Kriegdereigniffe gegen die Litthauer und Samaiten (1200).

Rittern zu: „er ſey eine unglüdliche gefangene Polin; in die Knechtſchaft der Heiden gerathen und zu ewiger Sklaverei verdammt, erleide er die ſchrecklichſten Mißhandlungen; man moͤge ſich ſeiner erbarmen, ihn aufnehmen und ſeine Seele vom Verderben retten.“ Der Hauskomthur traute den Wor⸗ ten und landete. Da ergriff aber plotzlich der verkleidete Lit⸗ thauer das Tau des Schiffes, zog das Fahrzeug mit aller Kraft auf den Sand, rief die verſteckte Mannſchaft aus dem Gebuͤſche herbei, uͤberfiel die Ordensritter und erſchlug ſie mit Hülfe der Seinen bis auf den letzten Mann 1).

Die verwegene That erweckte in den Heiden neuen Muth. In der Meinung, in jenen Rittern ſey der groͤßte Theil der Beſatzung Ragnits vernichtet, wagte ſich ſofort eine plundernde Streifhorde aus der Umgegend der Burg Oukaim bis unter die Mauern von Ragnit vor. Da eine ungluͤckliche Weiſſa⸗ gung eines geworfenen Looſes ſie vom Angriffe auf die Burg abgeſchreckt, ſo eilte ſie in ihre Heimat zuruͤckzukehren; allein die Wartleute, von den Rittern auf Ragnit zur Bewachung der Wege ausgeſtellt, hatten bereits von des Feindes Naͤhe Nachricht gegeben. Die tapfern Ritter Ludwig von Liebenzell und Marquard von Revelingen folgten eiligſt mit einer Streit⸗ ſchaar den fliehenden Heiden nach, kamen mit ihnen zum Kampfe und fuͤnfundzwanzig der Feinde buͤßten mit ihrem Le⸗ ben für ihr kuͤhnes Unternehmen ).

Man entſandte eiligſt Botſchaft, dem Landmeiſter dieſe erfreuliche Nachricht zu verkuͤndigen. Meinhard war jedoch in Beſorgniß, daß den Orden ein anderer großer Verluſt betroffen haben koͤnne. Jeisbute, ein Haͤuptling in Litthauen, dem Orden aber ſchon lange freundlich zugethan ), obgleich er

1) Außer den eben erwähnten Quellen vgl. auch Schätz p. 47. Histor. rer. Pruss. p. 111.

2) Dusburg c. 233. Lucas David B. V. S. 95 96. Schütz P. 48.

3) Sesbuto, wie der Name bei Dusb. c. 234 ſteht, iſt verdorben. Die Mscr. Berolin. und Regiom. leſen Iesbuto, der Epitomator da: gegen und Jeroſchin c. 234 richtiger Ieisbute, fo auch Lucas Da⸗

Kriegsereigniſſe gegen die Litthauer und Samaiten (1290). 47

noch Heide war, hatte unlängft den Landmeiſter heimlich be nachrichtigt, er ziehe mit einem Streithaufen von fuͤnfhundert erleſenen Kriegern zu einem Raubzuge nach Polen aus und hoffe mit reicher Beute und einer großen Zahl Gefangener zuruͤckzukehren. Meinhard hatte ſofort den Ordensbruder Hein⸗ rich Zuckſchwert !), damals wahrſcheinlich Vogt von Natangen, mit noch neunundzwanzig Rittern und zwoͤlfhundert tapfern Kriegsleuten bis in die Wildniß zwiſchen den Fluͤſſen Lyck und Narew ausgeſandt, um dort den Feind zu uͤberfallen und ſich der Beute zu bemaͤchtigen. Acht Tage aber harrete dort der Heerhaufe von Mangel und Hunger gequaͤlt auf den heimkehrenden Feind und der Meiſter befuͤrchtete, die ganze ausgeſandte Schaar moͤge durch feindlichen Verrath vernichtet worden ſeyn. Allein noch in derſelben Stunde, als ihm die erfreuliche Botſchaft aus Ragnit kam, traf ein anderer Bote mit der Nachricht bei ihm ein: „auch hier habe Sieg die Ordensbruͤder begluͤckt. Durch ein warnendes Loos der be⸗ fragten Goͤtter geſchreckt habe der Feind der Gegend, wo die Ordensſchaar im Hinterhalte gelegen, zwar auszuweichen ge⸗ ſucht; Jeisbute aber, der wohlgeſinnte Haͤuptling, habe ihn dennoch dorthin gefuͤhrt; die Ritterbruͤder ſeyen plotzlich aus dem Hinterhalte auf den feindlichen Haufen eingeſtuͤrzt, drei⸗ hundert und funfzig Heiden im wildeſten Kampfe unter dem vid B. V. S. 96. Dusburg ſagt ausdruͤcklich von ihm: licet esset cum infidelibus, occulte tamen dilexit fratres. Was in ihm dieſe Zu: neigung zu dem Orden erzeugt hatte, bleibt uns dunkel. Kojalowiez p- 197 nennt ihn Iezbuto vir praecipuae inter Lituanos nobilitatis und der Epitomator Dusburgs ſchildert ihn als einen Lithuanus valde astutus; vgl. Schütz p. 48. Nach De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 315 wäre Iesbute un des plus grands Seigneurs de la Samogitie geweſen; allein dieſe Nachricht iſt aus Simon Grunau Tr. X. c. 7

entnommen.

1) Heinrich Zuckſchwert war im J. 1290 noch nicht Komthur von Balga, wie gewoͤhnlich angenommen wird, ſ. Schubert de Gubernat. Pruss. P. 54, ſondern Heinrich von Dobyn verwaltete dieſes Amt noch bis zum J. 1291, wo Heinrich Zuckſchwert ihm folgte. Nach einer Ur⸗ kunde war dieſer im J. 1290 wahrſcheinlich Vogt von Natangen.

48 Kriegsereigniſſe gegen die Samaiten (1290).

Schwerte der Ritter gefallen und die übrigen in die Wildniß entflohen; von dieſen haͤtten ſich viele in Verzweiflung an Bäumen aufgehängt, andere ſeyen vor Hunger und Durſt geſtorben und ſo nur wenige von der ganzen Schaar geret⸗ tet !).“ Hocherfreut vernahm der Meiſter die Erzaͤhlung des Botſchafters; und kaum hatte dieſer ſeine Rede geendigt, ſo trat ein dritter Bote in des Meiſters Gemach mit der Nach⸗ richt, daß jener nachbarliche Fuͤrſt geſtorben ſey, der ſo lange darauf geſonnen habe, den Orden aus Preuſſen zu vertreiben und ſich des Landes zu bemaͤchtigen. Nichts hatte ſeit langer Zeit den Meiſter und alle Ordensbruͤder mit ſo hoher Freude erfüllt, als dieſe in Einer Stunde verkuͤndigten gluͤcklichen Ereigniſſe 2).

Mittlerweile war im Sommer dieſes Jahres (1290) der neue Landmeiſter von Livland Halt von Hohenbach ) durch Preuſſen gekommen und hatte ſich mit Meinhard von Quer⸗ furt über den ſchon erwähnten Plan zur Bekaͤmpfung und Unterwerfung der Samaiten berathen. Man hatte deshalb zuvor noch eine Sendung an das General-Kapitel des Ordens fir nothwendig befunden und dieſe, obgleich fie ohne Erfolg blieb, war die Urſache der Verzoͤgerung in der Ausfuͤhrung

1) Dusburg I. c.

2) Dusburg c. 235. Ob die Nachricht von dem Tode des Fuͤr⸗ ſten, qui voluit, ut communiter referebatur, sibi Pruschiae terram ejectis fratribus subiugare, auf die früher erwähnte Verſchwöͤrung zu beziehen ſey, muͤſſen wir nach dem, was oben daruͤber geſagt iſt, und bei der Dunkelheit, mit der auch hier Dus burg darüber ſpricht, dahin geſtellt ſeyn laſſen.

3) Alnpeck S. 165 ſagt von ihm:

Er was des liebes ein helt

und rechter zuchte ein ſtam

Er was wiſe und kluc

Und hette tugende genuc. Nach dieſem Chroniſten geſchah ſeine Wahl zu Mergentheim. Er nennt ihn Holt; dagegen wird in des Meiſters eigenen Urkunden fein Name immer Halt geſchrieben; vgl. hierüber auch Arndt Th. II. S. 69. Schubert I. c. p. 46. Balthaſar wird er in Urkunden aber nie genannt.

Kriegsereigniſſe gegen die Samaiten (1290). 49

geweſen. Auch der neue Livlaͤndiſche Meiſter hatte den Plan mit vollem Eifer aufgefaßt und ſogleich beim Antritte ſeines Amtes alles aufgeboten, um eine Kriegsmacht aufzubringen, die ſtark genug ſey, die kecken und kuͤhnen Anfaͤlle der Sa⸗ maiten und beſonders die verheerenden Raubzuͤge ihres Koͤ⸗ niges Butegeyde mit Nachdruck zu vergelten und das Land zu uͤberwaͤltigen. Allein feine Bemühungen waren ohne Er⸗ folg geblieben. Er meldete daher im November dieſes Jahres dem Landmeiſter von Preuſſen: „Seit wir uns von euch ge⸗ trennt, haben wir in dieſem Sommer ſechsmal die einzelnen Herren unſeres Landes um Huͤlfe angegangen und ſie inſtaͤn⸗ digſt gebeten, ein Kriegsheer ausfuͤhren zu koͤnnen, und eben jetzt am S. Katharinen-Tage!) haben wir nochmals alle, ſowohl die Biſchoͤfe, als den Hauptmann 2), die Ritter und Vaſallen verſammelt gehabt und drei Tage unter manchen Beſchwerden mit ihnen unterhandelt; aber dennoch haben wir nichts erreicht, da ſie uns alle Huͤlfe verſagen und ſich wei⸗ gern, ein Heer gegen die Litthauer ) über die Duͤna hinaus zu begleiten, nur mit Ausnahme des Erzbiſchofs von Riga, deſſen Macht ſchwach und unbedeutend iſt, denn wie uns unſer Ordensbruder Eckhard, der Vogt des Herrn Erzbiſchofs mit Wahrheit meldet, kann dieſer aus ſeinem Gebiete uͤber die Duͤna ins Land der Litthauer nicht mehr als dreihundert Land⸗ volk und achtzehn Deutſche fuͤhren, auch wenn er alle zuſam⸗ menzaͤhlt. Und unſere eigene Macht ſowohl aus Kurland als Eſthland und von den Gegenden der Duͤna, die wir uͤber dieſen Strom hinaus führen koͤnnen “), beträgt in ihrer gan⸗ J) D. i. 28. November.

2) Unter dieſem Capitaneus ift der Hauptmann oder Statthalter des Koͤniges von Daͤnemark gemeint, der die Herrſchaft Über Eſthland führte.

3) Nach der fruͤhern Bemerkung verſteht auch hier der Landmeiſter unter den Litthauern die Samaiten, wie er denn im Briefe auch einmal ausdruͤcklich ſagt: hostes Lettowinos videlicet de Samey ten.

4) Wie naͤmlich in Preuſſen, ſo waren auch in Livland viele Land⸗ beſitzer nur zur Landwehr und nicht zu Kriegsreiſen (jene defensiones terrae, dieſe expeditiones genannt) verpflichtet. Die Duͤna bildete die Grönzſcheide der Landwehr und der Kriegsreiſen.

IV. 4

50 Kriegsereigniſſe gegen die Samaiten (1290).

zen Zahl wie an Deutſchen fo an Landvolk nur achtzehnhun⸗ dert Mann.“ Deſſenungeachtet wuͤnſchte der Meiſter von Liv⸗ land, ins Land der Samaiten noch im naͤchſten Winter mit einem Heere einzufallen; er bat den Landmeiſter von Preuſſen, das feindliche Gebiet zur naͤmlichen Zeit auch an der andern Seite anzugreifen und ihm daruͤber durch einige bewaͤhrte Or⸗ densbruͤder den noͤthigen Kriegsplan zuzuſenden, um mit eis nemmal das ganze Land des Koͤniges Butegeyde !) uͤberwaͤl⸗ tigen zu koͤnnen; und endlich erſuchte er Meinharden, ihm eiligſt auch anzuzeigen, auf welche Hülfe er feiner Seits wohl rechnen duͤrfe, wenn der Feind in ſeine Gebiete einbreche oder eine ſeiner Burgen belagern werde, woruͤber er ihm ſchleunigſt Nachricht ertheilen wolle ).

1) „Toto posse nostro terram Regis Butegeyde eodem tempore invademus. Wir lernen hieraus das damalige Oberhaupt der Samai⸗ ten kennen, denn der Großfuͤrſt von Litthauen ſcheint nicht uͤber Sa⸗ maiten geboten zu haben und wahrſcheinlich war dieſer Butegeyde ganz unabhaͤngig.

2) Ueber alle dieſe Verhältniffe ſchweigen die Chroniken ganzlich und wir lernen ſie nur aus einer Urkunde im geh. Archiv Schiebl. XI. Nr. 1, auf welche ſchon Hennig bei Lucas David B. V. S. 83 hingewieſen hat, genauer kennen. Es iſt nämlich ein Handſchreiben des Livlaͤndiſchen Landmeiſters Halt an den Landmeiſter Meinhard von Quer⸗ furt. Obgleich es kein Datum hat, ſo muͤſſen wir es doch in den No⸗ vember des J. 1290 ſetzen. Der Meiſter Halt hatte ſein Amt ohne Zweifel im Vorſommer angetreten und war auf ſeiner Reiſe von Mer⸗ gentheim nach Livland durch Preuſſen gekommen, wo er ſich mit Mein⸗ hard berathen hatte; darauf ſpielt er in ſeinem Schreiben ſelbſt an, indem er ſagt: Ut autem sciatis posse nostrum, scire debetis, quod sicut ab ultimo a vobis fuimus separati sex vicibus hac estate sin- gulariter singulos terre nostre dominos adivimus, eorum auxilium pro educendo exercitu instantissime inplorantes. Daß der Brief zu Ende des Novemb. geſchrieben iſt, geht aus den Worten hervor: postremo autem zune in die beate Katerine congregavimus omnes in unum, tam episcopos, quam Capitaneum, milites et vasallos et per triduum continue placitantes etc. Der Livlaͤndiſche Meiſter ſagt Meinharden noch: zu einer perfönlichen Zuſammenkunft mit ihm ſey jetzt die Zeit nicht geeignet, aber quia novimus, sanius apud vos quam apud nos esse consilium propter plures fratres, quos habetis industrios maxime

Der Hochmeiſter in Rom (1290). 51

Dieſes Eifers ungeachtet, mit welchem der Meiſter von Livland an einer großen Unternehmung gegen die Samaiten arbeitete, geſchah im naͤchſten Winter des Jahres 1291 doch wenig fuͤr den vorgezeichneten Plan zu Samaitens Unterwer⸗ fung. Zwar brach im Anfange des Februars der Komthur von Koͤnigsberg Berthold Bruͤhaven mit einer Streitmacht von funfzehnhundert Mann und mehren Ordensrittern in das Gebiet der Heiden ein, um die Burg Kalayne nochmals zu belagern; da er ſie aber ohne Beſatzung und ganz wehrlos fand, ſo ſteckte er ſie in Brand und zog mit ſeinem Heere zu Raub und Beute weiter noͤrdlich hinauf in das Samai⸗ tiſche Gebiet Junigede, jedoch ohne einen andern bedeutenden Erfolg, als daß man aus dem feindlichen Lande gegen ſieben⸗ hundert Heiden gefangen nahm oder toͤdtete !). Der Grund dieſes Mangels an ruͤſtigerer Thaͤtigkeit für den erwähnten Plan lag ohne Zweifel zum Theile mit in den veränderten Verhaͤltniſſen der Nachbarlande Pommern und Polen, zum Theile aber auch in Ereigniſſen im Morgenlande, die fuͤr das Schickſal und die kuͤnftige Stellung des Ordens, beſonders auch in Preuſſen von ungemein wichtigen Folgen begleitet waren, obgleich ſie Anfangs im Orden große Beſorgniſſe erregten.

Der Hochmeiſter Burchard von Schwenden war naͤmlich von ſeiner Reiſe aus Preuſſen nach Deutſchland kaum zurück⸗ gekehrt, als ihn Koͤnig Rudolf von Habsburg im Vertrauen auf feine Gewandtheit in Weltgeſchaͤften in den erſten Mo⸗ naten des Jahres 1289 2) nach Rom ſandte, um mit dem

et discretos, supplicamus omni qua possumus precium instancia, qua- tenus super predictis articulis nobis vestrum maturum consilium re- scribatis. -

1) Dusburg c.236. Den Namen des erwähnten Gebietes und der Burg, den mit Dusburg alle andere Quellen Iunigede leſen, finden wir in allen Stellen bei Dusburgs Epitomator bald Mingidyn, Mingindyn, Mingendyn, bald Mingedyn und Mingede. Die Burg lag nach Dus- burg c. 247 in der Nähe von Biſten, alfo zwiſchen Wiliona und Kauen an der Memel, aber etwas noͤrdlich hinauf.

2) Nach Raynald. Annal. eccles. an. 1289 Nr. 46 müßte die Reife des Hochmeiſters etwa in den Maͤrz 1289 fallen, da das Schreiben des

4 *

52 Der Hochmeiſter in Rom (1290).

Papſte Nicolaus dem Vierten die nöthigen Verhandlungen über feine Kaiſerkrönung einzuleiten, zugleich aber auch dieſen zu benachrichtigen, daß Rudolf ſeinen Roͤmerzug noch im Laufe des naͤchſten Sommers oder im Anfange des Winters zu un⸗ ternehmen gedenke !). Da der Papſt Aufſchub zu gewinnen und die Krönung noch hinzuhalten ſuchte ?), fo ſah ſich der Hochmeiſter genoͤthigt langer am Roͤmiſchen Hofe zu verwei⸗ len, als er gewollt. So wenig indeſſen der Zweck ſeiner Sendung bei des Papſtes ſchlauem Verfahren erreicht werden konnte, ſo wichtig war doch ſein Aufenthalt in Rom fuͤr die Verhaͤltniſſe des Ordens und in den weiteren Folgen ſelbſt auch fuͤr Preuſſen. Seit laͤngerer Zeit ſchon ſtand der Orden bei weitem nicht mehr in der engen, freundlichen Verbindung mit dem Hofe zu Rom, wie früherhin. Der ſchnelle Wechſel der Paͤpſte, deren in den letzten funfzehn Jahren ſechs einan⸗ der gefolgt waren, hatte in keinem eine lebendige Theilnahme weder an dem Orden überhaupt, noch an ſeinen Verhaͤltniſſen in Preuſſen und Livland insbeſondere entſtehen laſſen. Bur⸗ chards von Schwenden, des auch vom Papſte hochgeſchaͤtzten Meiſters Anweſenheit in Rom aber regte in Nicolaus dem Vierten die alte Vorliebe und Zuneigung des paͤßſtlichen

Papſtes an Rudolf von Habsburg, worin er des Hochmeiſters Ankunft in Rom meldet, vom 13. April 1289 datirt iſt; allein wir haben im geh. Archiv (vgl. daſelbſt Hennigs Copienbuch T. V. p. 357) eine Ur⸗ kunde des Meiſters, die er in Rom ſchon am 7. Februar 1289 abgefaßt hat und deren wir ſchon oben S. 42 erwaͤhnt. In der Mitte Aprils aber war der Hochmeiſter von Rom ſchon wieder abgereiſt, wie aus einer Bulle des Papſtes, datirt: Rome apud S. Mariam Maiorem Idus Aprilis an. II in Regest. Nicolai IV. epist. 894, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 366, hervorgeht.

1) Eine Bulle des Papſtes, datirt: Rome apud S. Mariam Maiorem Idus Aprilis an. II. in Regest. Nicolai IV. epist. 893, im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 365 ſpricht dieſen Zweck der Sendung des Hochmei⸗ ſters beſtimmt aus.

2) Wie ſchon aus dem erwähnten Schreiben bei Raynald.L c. hervorgeht. Auch von Burchards guͤtiger Aufnahme bei dem Papſte zeugt dieſes Schreiben.

Der Hochmeiſter in Rom (1290). 53

Stuhles gegen die Ritter vom Deutſchen Hauſe wieder von neuem an. Es war nicht mehr bloß eine gewoͤhnliche, allges meine Beſtaͤtigung feiner Freiheiten, Gerechtſame und Beguͤn⸗ ſtigungen, durch welche Nicolaus nach der Weiſe feiner Vor⸗ gaͤnger dem Orden ſogleich im erſten Jahre ſeines Amtes feine Geneigtheit zu erkennen gab!), er entband ferner auch nicht nur die Deutſchen Ordensritter ebenſo wie den Orden der Tempelherren und Johanniter von der Verpflichtung, den Zehnten als Steuer zur Unterſtuͤtzung des Koͤnigreiches Si⸗ cilien von dem dritten Theile ihres Einkommens, den ſie zur Beihuͤlfe ins Morgenland ſenden mußten, zu entrichten 2), ſondern er bewies dem Hochmeiſter, ſo lange dieſer am paͤpſt⸗ lichen Hofe verweilte, auch auf mancherlei andere Weiſe, vor⸗ züglich auch jetzt noch durch feinen Schutz und Beiſtand ge⸗ gen ſo manche erneuerte Anforderungen und Eingriffe der hohen Geiſtlichkeit in des Ordens Rechte und Privilegien ſei⸗ nen beſondern Eifer und ſein lebendiges Beſtreben fuͤr des Ordens Wohlfahrt, Ruhe und Gedeihen ö).

1) Dieſe Beftätigungs- Bulle befindet ſich im großen Privilegien⸗ buche p. 50, mit dem Datum: Reate VI Calend. Iunii p. n. an. I (27. Mai 1288).

2) Die Bulle, datirt: Apud Urbem veter. X Calend. Martii an. III. in Regest. Nicolai IV. an. III. epist. 733. Tom. II., im Copienbuche des geh. Archivs Nr. 368.

3) So befindet ſich im großen Privilegienbuche p. 63 eine Bulle dieſes Papſtes, datirt: Rome apud sanctam Mariam Maiorem IV Non. April. p. n. an. II (2. April 1289), worin er der hohen Geiſtlichkeit eine ſcharfe Vermahnung daruͤber ertheilt, daß ſie ungeachtet der vom Papſte Honorius III dem Orden ertheilten Bewilligung noch immer fortfahre, den von den Ordensbruͤdern zur Beſetzung ihrer geiſtlichen Stellen in ihren Kirchen und Kapellen praͤſentirten Geiſtlichen die Weihe zu verweigern, um waͤhrend der Vacanz der Stellen die kirchlichen Ein⸗ künfte an ſich zu ziehen; dieſelbe Bulle in Regest. Nicolai IV. an. IL epist. 74. Tom. I., im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 362. So heißt es ferner in einer andern Bulle dieſes Papſtes, datirt: Rome apud S. Mariam Maiorem Kalend. April. p. n. an. II (1. April 1289): Ve- stris devotis precibus inclinati ad instar felicis recordacionis Urbani pape quarti predecessoris nostri presencium vobis auctoritate conce-

54 Des HM. Burchards v. Schwenden Zug ins Morgenl. (1290).

Es waren aber damals Tage voll ſchweren Kummers für den Papſt, wenn er auf die Verhaͤltniſſe der Dinge im Mor⸗ genlande hinſah, denn das Schickſal ſchien ſeine Zeit beſtimmt zu haben, in welcher alles dort wieder verloren werden ſollte, was ſeit Jahrhunderten mit dem Blute vieler Tauſende von Chriſten war erkauft und unter unendlichen Muͤhen und Opfern bisher erhalten worden. Der wunderbare Bau der chriſtlichen Herrſchaft im Morgenlande, der nie auf ganz ſicherem Boden geſtanden, war ſeit langer Zeit aufs tiefſte erſchuͤttert und faſt mit jedem Jahre ihm eine Stuͤtze nach der andern entriſſen worden. Zwar nannte ſich ein chriſtlicher König dort noch immer Koͤnig von Jeruſalem und die drei chriſtlichen Ritter⸗ orden waren in Verbindung mit der ſchwachen chriſtlichen Macht immer noch tapfer und thaͤtig bemuͤht, die chriſtliche Sache aufrecht zu erhalten. Seit aber der kriegeriſche Sul⸗ tan von Aegypten Malec-el⸗Manſur Kalevun den Plan ver⸗ folgte, nach der Mongolen Vertreibung ſein Herrſchergebot auch uͤber Syrien geltend zu machen und feſt zu begruͤnden, und ſeit es ihm unter dem Zwiſte der Chriſten gelungen war, den Hospitalbruͤdern die wichtige Burg Marcab zu entreißen, dann ſelbſt Laodicaͤa zu erobern und endlich nach einer harten Belagerung auch Tripolis zu erſtürmen und unter ſchrecklichem Blutvergießen gaͤnzlich zu verwuͤſten!), ſeitdem gab es für die Rettung und Erhaltung der chriſtlichen Herrſchaft in Sy⸗ rien ſchon faſt keine Hoffnung mehr, da außer Tyrus und einigen Seeſtaͤdten den Chriſten nur noch Akkon uͤbrig blieb. Zwar gluͤckte es den Chriſten, nach des Sultans Kalevun Tod 2) feinen Sohn und Nachfolger Malec⸗el⸗Aſchraf noch im Laufe des Jahres 1290 zu einem Waffenſtillſtande zu be⸗

dimus, ut fratres clericos ordinis vestri ad ecclesias, in quibus jus patronatus habetis dyocesanis eorum presentare possitis sibi de spi- ritualibus et vobis de temporalibus responsuri. Regest. Nicolai IV. an. II. epist. 77. Tom. I., im Copienbuche des geh. Arch. Nr. 363. 1) Sanut. L. III. P. XII. c. 20. Abulfeda T. V. p. 91. 2) Er ſtarb nach Abulfeda J. c. p. 93 auf dem Wege zur Bela⸗ gerung Akkons.

Des HM. Burchards v. Schwenden Zug ins Morgenl. (1290). 55

wegen; allein die muͤßige Ruhe gab keinen Gewinn an neuer Kraft. Man war bemüht, dieſe von neuem aus dem Abend⸗ lande herbeizuziehen.

In der That bot auch der Papſt, tief erſchuͤttert durch die traurigen Berichte aus dem Morgenlande, ſchon ſeit dem Jahre 1289 alle Kraft ſeiner Ueberredung auf, um in Europa

neue Streitkraͤfte in Bewegung zu ſetzen ). Ueberall, zumal in Deutſchland und Italien, ward abermals mit allem Eifer das Kreuz gepredigt und es ſammelten ſich bald nicht unbe⸗ deutende Schaaren, die auf Venetianiſchen Schiffen nach Aſien uͤberſetzten?). Auch den Hochmeiſter Burchard von Schwen⸗ den hatte der Papſt zur Theilnahme am Zuge gewonnen. Begleitet von vierzig tapfern und ausgezeichneten Ordensrit⸗ tern trat er mit viertauſend Kreuzbruͤdern von Venedig aus die Fahrt nach Aſien an). Ihn forderte nicht bloß der all gemeine Eifer fuͤr die chriſtliche Sache an ſich, ſondern auch ſeines Ordens Geſetz und Pflicht, ja ſelbſt auch deſſen welt⸗ liches Intereſſe ganz vorzuͤglich auf, die erſte Heimat des Or⸗ dens, das in aller Hinſicht ſo wichtige Akkon, die Pforte fuͤr das heilige Land den Chriſten erretten zu helfen. Auch jetzt noch hatte dieſe Stadt fuͤr den Deutſchen Orden ihre beſon⸗ dere Wichtigkeit. Dort ſtand noch das aͤlteſte Deutſche Or⸗ denshaus als das Haupthaus des ganzen Ordens, von wel⸗ chem eigentlich die oberſte Verwaltung aller dem Orden jen⸗ .

1) Raynald. Annal. eccles. an. 1289. Nr. 66—67.

2) Sanut. I. c. p. 20. Herm. Corneri Chron. p. 943. Naueler. p. 975.

3) Schütz p. 48 berichtet, daß das Kreuzheer im Ganzen 40,000 Mann ſtark geweſen und der Hochmeiſter zum Oberanfuͤhrer ernannt worden ſey; allein De Wal Histoire de TO. T. T. II. p. 240 zweifelt mit Recht an der Richtigkeit dieſer Angabe und ſagt: je crois qu'il faut lire quatre mille au lieu de quarante mille, parce que les auto- rités les plus certaines ne portent qu'a douze, et tout au plus & dix-huit mille, le nombre total des Europeens, qui passerent à la Terre-Sainte, depuis cette &poque jusqu’a la prise de la ville Acre. Die Ordenschronik bei Matthaeus p. 747 erwähnt zwar dieſer Heerfahrt des Hochmeiſters ebenfalls, weiß aber von der Oberanfuͤhrung nichts.

56 Des HM. Burchards v. Schwenden Zug ins Morgenl. (1290).

ſeits des Meeres noch zugehörigen Beſitzungen ausging !); dort wohnte noch ein beſonderer Landmeiſter oder oberſter Landkomthur als die naͤchſte oberſte Landesbehoͤrde der dorti⸗ gen Deutſchen Ordensguͤter, meiſt in der Wuͤrde eines Statt⸗ halters des Hochmeiſters, der eigentlich zu Akkon als dem Haupthauſe des Ordens ſeinen Wohnſitz hatte?). Dort wur⸗ den nicht ſelten noch große Ordenskapitel gehalten und eine nicht unbedeutende Zahl Deutſcher Ordensritter lebte noch dort den urſpruͤnglichen Beſtimmungen und Zwecken der rit⸗ terlichen Verbruͤderung: alſo in aller Weiſe für den Hoch⸗ meiſter des Ordens Aufforderung genug, mit den tapferſten ſeiner Bruͤder zur Errettung Akkons mit zu wirken.

In Akkons Hafen gelandet ward der Meiſter von den dortigen Ordensbruͤdern und dem verſammelten Volke mit außerordentlicher Freude und feſtlichem Gepraͤnge empfangen und im feierlichen Zuge in das Deutſche Ordenshaus beglei⸗ tet), denn der Ruhm ſeiner weiſen und verſtaͤndigen Amts⸗

1) Eigentlich galt freilich dem Namen nach Domus et Hospi- tale Sancte Marie in Hierusalem Jeruſalem für das urſpruͤngliche Haupthaus und Honorius III hatte ausdruͤcklich verordnet, ut domus illa sit caput et magistra omnium locorum ad eam pertinentium; aber in der That war der Hauptſitz des Ordens noch zu Akkon und welche Wichtigkeit das Capitulum ultramarinum fuͤr den ganzen Orden noch hatte, erſieht man aus der Urkunde in Hennigs Stat. des D. Ordens S. 222.

2) De Wal Recherches T. I. p. 314 fagt: Les statuts designoient le Grand- Commandeur comme étant la personne la plus propre ä remplir la place de Lieutenant du Magistere, en absence du chef: il est donc vraisemblable que ce furent eux qui en cette qualité gou- vernerent souvent Ordre en Palestine, pendant les longs séjours que les Grands-Maitres firent en Europe. Er erwähnt nach einer Ur: kunde vom J. 1263 eines frere Mortyman Pr&cepteur de Ordre Teu- tonique et Lieutenant du Grand-Maitre au Royaume de Syrie. Nach einer andern Urkunde von 1284 verwaltete der Ordensmarſchall Konrad von Anevelt die Statthalterwuͤrde des Hochmeiſters, daher locumtenens Magistri Hospitalis genannt.

3) Dieſe Nachricht ſtuͤtzt ſich auf Jeroſchin c. 215, der von dieſem Zuge des Hochmeiſters weitläuftiger ſpricht, als Dusburg c. 215. Der

Des HM. Burchards von Schwenden Abdankung (1290). 57

verwaltung und das Vertrauen, deſſen ihn im Abendlande die beiden Haͤupter der Chriſtenheit gewuͤrdigt, erregten in allen Chriſten des Morgenlandes die groͤßten Hoffnungen von ihm. Um ſo entſchiedener glaubte vielleicht der Hochmeiſter in die Verhaͤltniſſe der Chriſten auch eingreifen zu duͤrfen. Es iſt wahrſcheinlich, daß der verderbliche Zwiſt und die fort⸗ dauernde Eiferſucht und Befeindung der drei geiſtlichen Rit⸗ terorden ihm ſchon in Italien Anlaß gegeben hatten, mit dem Papſte den Plan zu einer Vereinigung und Verſchmelzung aller drei Orden in einen Einzigen zu berathen, um dann mit vereinter, geregelter Kraft im Morgenlande auch um ſo entſcheidender wirken zu koͤnnen ). Ob er mit dieſem Plane wirklich auch auftrat und hartnaͤckigen Widerſtand fand, oder ob der verwirrte und verwilderte Zuſtand der Dinge, der da⸗ mals in Akkon uͤberall herrſchte, ob der Hader und Zwiſt un⸗ ter den Chriſten, die Entartung und Zuͤgelloſigkeit der Sitten,

Epitomator ſagt: Hic transit mare cum 40 fratribus in anxilium ci- vitatis Akkirs tunc obsesse a Soldano, de cuius adventu domini ibi- dem multum gratulabantur, sperantes, quod per eum deberent con- solari. Similiter omnes incole civitatis religiosi et seculares cuius- cunque sexus et etatis in ornatu vestium et cum reliquis et candelis et palliis stratis dicto magistro honorifice occurrunt cum cantu et processione deducentes in domum Teutonicorum. Es ift höchſt wahr⸗ ſcheinlich, daß Jeroſchin hier aus einer beſondern Quelle fchöpfte, die ihm genauere Nachrichten uͤber des Meiſters Zug ins Morgenland gab, als ſie Dusburg hatte. Aus ihm hat Lucas David B. V. S. 43 ſeine Nachrichten.

1) Daß damals ein ſolcher Plan vorhanden war, bezeugt das Chron. Salisburg. ap. Pex Seriptt. rer. Austriac. T. I. p. 391, wo es heißt: Quia multorum erat opinio, quod si fratres Domorum, sc. Hospitii, Templi et Teutonicae et reliquus populus omnino concordasset, ci- vitas (Aceon) capta non fuisset; mandavit Papa Nicolaus omnibus Patriarchis, Archiepiscopis, Episcopis et aliis Praelatis, ut Concilia provincialia celebrarent et deliberarent, qua ope et consilio eidem terrae posset subveniri. Et per concilium habitum Salzburgae re- scriptum fuit Domino Papae et consultum, ut praedicti tres Ordines counirentur ad unum Ordinem, melioribus eorum observantiis in unum

redactis.

58 Des HM. Burchards von Schwenden Abdankung (1290).

der tiefgeſunkene und verſchlechterte Geiſt aller Bewohner, oder ob vielleicht auch ſchlechte Geſinnung und Sittenloſigkeit un⸗ ter ſeinen eigenen Ordensbruͤdern ihm alle Hoffnung und alle Freudigkeit zum thaͤtigen Mitwirken in ſeiner Stellung ent⸗ nommen habe; ſchon wenige Tage nach feiner Ankunft) verſammelte er im Deutſchen Ordenshauſe ein Kapitel und entſagte ploͤtzlich zu aller Verwunderung ſeiner hochmeiſter⸗ lichen Wuͤrde, um mit des Papſtes Erlaubniß in den Orden der Johanniter einzutreten. Wie es ſcheint, ſprach ſich Bur⸗ chard uͤber die Beweggruͤnde zu dieſem Schritte nicht weiter aus, vielleicht um Erklaͤrungen und Aeußerungen zu vermei⸗ den, die nur Erbitterung und Haß hätten erregen koͤnnen 2). Zwar baten ihn die Ordensbruͤder flehentlich, dem Meiſteramte auch fernerhin noch vorzuſtehen; es erſuchten ihn darum ſelbſt auch der Patriarch von Jeruſalem und die beiden Großmeiſter des Tempel- und Johanniter⸗Ordens; allein Burchard blieb feſt bei ſeinem Entſchluſſe und nahm bald darauf das Kleid der Johanniter an. Er ſoll einige Zeit nachher zwar wieder den Wunſch gehegt haben, in den Deutſchen Orden zurück⸗ zutreten, aber nicht zugelaſſen worden ſeyn ). Bald darauf farb er als Johanniter-Ritter zu Akkon und wurde auf Rho⸗

1) In den Actis academ. Palat. T. II. p. 18 heißt es: Supersunt literae, quas Burchardus de Schwanden, magister Hospitalis S. M. d. Th. H. totumque capitulum transmarinum ad fratres ordinis sui in Marpurg scripsere, datae Acon in domo nostra IV nonas Septembris. In scripto ord. 'Theut. contra Hassos an. 1753 vulgato: Entdeckter ungrund etc. Docum. Nr. LXV. Demnach konnte der Hochmeiſter am 2. Sept. 1290 ſeine Wuͤrde noch nicht niedergelegt haben.

2) Schon zu Dusburgs Zeit war die Sache dunkel. Er ſagt ſelbſt c. 215. Hic nescio quo ductus spiritu, dum ad terrae sanctae defensionem debuit transire, petita licentia et obtenta habitum or- dinis domus Teutonicae deposuit; und die Ordenschron. bei Matthaeus p. 747 bemerkt: „Syn gebiedigere ende broederen enkonden niet gewe⸗ ten, noch ghemerken, noch bevinden, wat hem Dair tor Dronghe.“

3) In einem alten Verzeichniſſe der Land⸗ und Hochmeiſter im Fol. Ordenshaͤndel mit der Krone zu Polen heißt es: Burghardus de Schwa- den posito magistratu in Asiam profectus et reversus deinde frustra principatum repetiit.

Der Hochmeifter Konrad von Feuchtwangen (1290). 59

dus begraben. Spaͤter ſoll ſein Koͤrper in einer Kirche der Johanniter auf derſelben Inſel in geweihter Erde beigeſetzt worden ſeyn !).

Da traten die Ritterbruͤder zu Akkon zur Wahl eines neuen Meiſters zuſammen, denn wenn je, ſo war jetzt beſon⸗

1) Die Nachrichten uͤber die letzte Zeit dieſes Hochmeiſters lauten in den Quellen ſehr verſchieden. Schütz p. 48, der ihm ein Heer von 40,000 Mann giebt, laͤßt ihn in einer Schlacht gegen den Sultan ge⸗ ſchlagen werden, nach Rhodus entfliehen und da an ſeinen Wunden ſter⸗ ben, weiß aber nichts von ſeinem Uebertritte zu den Johannitern. Ihm ſtimmt mit einigen Veränderungen auch De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 257 bei, da ihm Dusburgs Nachricht uͤber Burchards Ueber⸗ tritt zu den Johannitern nichts weiter als ein Maͤhrchen iſt. Unfere Darſtellung ftüst ſich vorzuͤglich auf das Zeugniß Jeroſchins. Dieſer Ordensprieſter, nur etwa 40 bis 50 Jahre nach dieſen Ereigniſſen le⸗ bend, konnte allerdings noch beſondere Nachrichten uͤber Burchards letzte Zeit und namentlich auch über feinen Uebertritt zu den Sohannt- tern haben. Die Art aber, wie er gerade hier von Dusburg, dem er ſonſt fo ſtreng folgt, abweicht und die Erzählung ganz eigenthuͤmlich giebt, laßt ſicher annehmen, daß er ganz beſondere Nachrichten haben mußte. Außerdem haͤtte Jeroſchin zu ſeiner Zeit, da Burchards letzte Schickſale noch gar nicht ſo unbekannt ſeyn konnten, ein bloßes Maͤhrchen zu erzählen auch kaum wagen duͤrfen. Daß Burchard im Mor⸗ genlande als Johanniter geſtorben ſey, berichten ferner auch Linden⸗ blatts Jahrb. S. 360 („ ſtarb zeu Ackirs bie ſinte Johannisherrin“), Ordenschron. bei Matthaes p. 747, Hochmeiſterchron. S. 120 (Mſcr.) Henneberger S. 373 u. a. Die Gründe der Histoire de JO. T. I. c. gegen die Sache und die daraus gefolgerte Behauptung, qu'il paröit certain, que l'article (bei Dusburg l. c.) qui contient cet &venement a été ajoute posterieurement par une main inconnue, nämlich erſt nach dem Jahre 1433, werden ſchon durch den einzigen Umftand widerlegt, daß Jeroſchin, der in den Jahren 1335 bis 1340 die Chronik Dus⸗ burgs uͤberſetzte, die Nachricht ſchon kannte, wodurch ſie alſo um hun⸗ dert Jahre aͤlter wird, als De Wal fie annimmt. Hätte dieſer daher den Jeroſchin gekannt, fo würde er feine Behauptung ſicherlich zuruͤck⸗ behalten haben, denn feine übrigen Gründe find von fo geringem Ges Halte und fo wenig auf ſichere Zeugniſſe gebaut, daß fie niemanden über- zeugen werben und gegen das Gewicht, welche Dusburg und Jero— ſchin in der Sache haben, in nichts zerfallen. Vgl. Kotzebue B. II.

S. 330-331.

60 Der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen (1290).

ders ein Oberhaupt nothwendig, welches in ſo wichtigen und entſcheidenden Verhaͤltniſſen, wie ſie ſich in dieſen Zeiten auch für den Deutſchen Orden geſtalteten, mit aller Beſonnenheit, ſtetigem Muthe und feſtem Geiſte handele. Konnten dieſes⸗ mal die entfernten Landmeiſter, als der von Preuſſen und der von Livland der Wahlverſammlung auch nicht beiwohnen, ſo war die Zahl der Ordensbruͤder in Akkon doch hinlaͤnglich groß und der Ort von alter Zeit her in jeder Hinſicht wich⸗ tig genug zu einer vollguͤltigen Wahl. Der oberſte Gebietiger des Ordens im Morgenland, bald Großkomthur, bald Meiſter genannt und zu Akkon wohnend, war Vorſtand der Verſamm⸗ lung und die Stimmen der Wahlherren fielen einhellig auf den ehemaligen Landmeiſter von Preuſſen Konrad von Feucht⸗ wangen, einen der geachtetſten und ehrenwertheſten Ritter des Ordens ), der bisher Meiſter von Deutſchland 2) war und den Hochmeiſter Burchard von Schwenden ins Morgenland begleitet hatte. Seine Tugenden und trefflichen Eigenſchaften hatten vor allem die Wahl auf ihn gelenkt; zudem eröffnete auch ſeine Verwandtſchaft mit mehren Fuͤrſtenhaͤuſern und vie⸗ len edlen Geſchlechtern in Deutſchland dem Orden manche erfreuliche Ausſicht.

Die Verhaͤltniſſe der Chriſten im Morgenlande geſtalte⸗ ten ſich aber mit jedem Tage gefahrvoller und ungluͤcklicher. In Akkon ſelbſt, dem Hauptſitze der chriſtlichen Macht, ſah

1) Alnpeck S. 133 ſagt von ihm: Meiſter cunrat von vuͤchtevanc Der was ere und tugende vol Das ſach vil manich ritter wol. Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 747 nennt ihn „een deuchtſaem eerlick man ende wys.“ 2) Nach Falckenstein Cod. diplom. Nordgav. p. 78. 80 war er im J. 1283 Landkomthur von Franken. Vom J. 1284 bis 1288 findet man ihn als Meiſter von Deutſchland erwaͤhnt; ſ. Acta Academ. Palat. T. II. p. 27 28. In einer Urk. des geh. Arch. vom J. 1324 kommt auch ein Magister Lupoldus de Vuchtewangen Canonicus Eeclesie sancti Iohannis in Hange extra Muros Herbypolen. am päpſtlichen Hofe vor.

Der HM. Konrad von Feuchtwangen in Akkon (1290). 61

man das wunderlichſte Voͤlkergemiſch, denn nachdem ſich aus den verlorenen chriſtlichen Beſitzungen alles dorthin geflüchtet, lebten hier nun Deutſche, Franzoſen, Englaͤnder, Italiener, Sicilianer und uͤberhaupt Menſchen aus faſt allen Laͤndern Europa's neben einander ). Aber kein gemeinſames verknuͤ⸗ pfendes Band hielt fie irgend zu einem Ganzen zuſammen; jeder folgte nur feinem Willen und feiner Luft oder lebte hoͤch⸗ ſtens nur dem Geſetze, welches fuͤr ihn in ſeinem Vaterlande galt, alſo daß an eine gemeinſame Ordnung, an Einigkeit und Gehorſam gar nicht zu denken war 2). Zwar war mit dem Kreuzheere auch ein paͤpſtlicher Legat nach Akkon gekom⸗ men und neben ihm hatten auch der Koͤnig von Cypern, der ſich Koͤnig von Jeruſalem nannte, und der Patriarch von Je⸗ ruſalem ihren Aufenthalt in der Stadt; allein keiner von ihnen beſaß ſo viel Macht, Anſehn und Gewicht, um ſeinen Anord⸗ nungen und Befehlen in irgend einer Weiſe Achtung und Ge⸗ horſam zu verſchaffen. Wie jeder der drei Ritterorden ſich in dem ihm zugehoͤrigen Theile der Stadt durch Mauern und Thuͤrme befeſtigt und gleichſam in ſich abgeſchloſſen hatte, ſo war auch faſt jede Straße, wo Deutſche, Italiener oder Fran⸗ zoſen zuſammen lebten, wie zu einer Feſtung umgewandelt und mit ſtarken Mauern und eiſernen Thoren verſehen ). Und hinter dieſen Schutzwehren vertrieb man ſich die Zeit mit Spiel, Schmauſerei und allerlei Luſtbarkeiten; jeder ſuchte dabei in dem wilden Voͤlkergewirre durch Raub und Pluͤnde⸗ rung davon zu tragen, was er irgend vermochte. Dieſer Zu⸗ ſtand. der Geſetzloſigkeit und Verwirrung hatte ſich aber noch verſchlimmert, ſeitdem die neuen Heerhaufen der Kreuzbruͤder

1) Darüber Ottokars von Horneck Reimchron. bei Per Scriptt. rer. Austriac. T. III. p. 384. c. 406, wo dieſes Voͤlkergemiſch näher geſchildert wird; auch Herman. Corner. Chron. p. 942.

2) Die Ordenschron. bei Matthaeus p. 753 ſagt von den Kriegern in Akkon: „Sie deden niet dan drincken, dobbelen, ende ſpelen „bero⸗ vende die luͤden opter ſtraten, ſoe Pelgrims ende Coopluͤden.

3) Die genauere Beſchreibung hierüber giebt die Ordenschron. bei Matthaeus p. 749 750.

62 Der HM. Konrad von Feuchtwangen in Akkon (1290).

angekommen waren ), und da nun dieſes raubſuͤchtige Volk den mit dem Sultan abgeſchloſſenen Waffenſtillſtand fuͤr ſich nicht weiter verbindlich hielt ?), fo geſchah es eines Tags, daß ein Haufe beutegieriger Kreuzbruͤder eine Karavane Aegyp⸗ tiſcher Kaufleute, die auf den Waffenſtillſtand vertrauend nach Akkon ziehen wollte, überfiel, beraubte und ermordete ). Der Sultan verlangte Genugthuung für die ſchnoͤde That und na⸗ mentlich auch die Auslieferung der Frevler*). Die vornehm⸗ ſten Herren der Stadt fanden die Forderung gerecht und am entſchiedenſten ſprach dafuͤr in nachdrucksvoller Rede der Hoch⸗ meiſter des Deutſchen Ordens ). Da widerſetzte ſich aber der päpſtliche Legat dem Beſchluſſe der Verſammlung, jedem mit dem Banne drohend, der es wagen werde, dem Sultan einen Chriſten in die Hände zu liefern ®); und endlich fuͤgten ſich auch die Meifter der drei Ritterorden in des Legaten Mei⸗ nung, obgleich der Sultan aufs ernſtlichſte mit der Belage⸗ rung und Erſtuͤrmung der Stadt gedroht hatte, wenn ſeine

1) Herman. Corner. Chron. p. 943.

2) Ottokar von Horneck a. a. O. c. 407.

3) Nach Ottokar von Horneck a. a. O. c. 408 409 geſchah dieſer Ueberfall und die Verletzung des Waffenſtillſtandes auf Anſtiften des paͤpſtlichen Legaten, weil auch der Papſt Nicolaus keinen Frieden mit dem Sultan gehalten wiſſen wollte.

4) Sanut. L. III. P. XII. c. 21. Guilielm. de Nang is an. 1289. Corneri Chron. p. 943. Ottokar v. Horneck c. 420.

5) Bei Ottokar von Horneck . 414 ſpricht zuerſt ein Deut⸗ ſcher Ordensritter, dann c. 417 auch der Meiſter in ſehr kräftigen Worten gegen den paͤpſtlichen Legaten; ſo ſagt er dieſem unter andern:

Ir ſult uns nicht leren

Wie wir ſullen varn

Mit dem Swert und geparn: Wann darczu feit ir unnucz.

6) Den Inhalt dieſer unterhandlungen giebt außer Ottokar von Horneck a. a. O. c. 412 413 auch das Poema de amissione terrae sanctae ap. Eccard. T. II. p. 1455 seq., wo ebenfalls der Meifter des Deutſ. Ordens als theilnehmend am Streite mit dem Legaten angeführt wird. Ferner die Ordenschron. bei Matthaeus p. 754 und Corner Chron. p. 943.

Akkons Verluſt (1291). 63

Forderung nicht erfüllt werde, wozu er bis zu Ende des Jah⸗ res 1290 Friſt geſtellt ).

Sofort rüftete ſich der Sultan zum Kriege. Auch in Akkon benutzte man die Zeit zu mancherlei kriegeriſchen Vor⸗ bereitungen. Um die Streitkräfte zu vermehren, ſandte man nicht bloß eiligſt eine Botſchaft an den Papſt 2), der alsbald neue Aufforderungen an die Fuͤrſten und Volker des Abend⸗ landes erließ, ſondern die Großmeiſter der Ritterorden ertheil⸗ ten auch Befehl, daß aus ihren Ordenshaͤuſern uͤberall die tapferſten Ritter zu Hülſe eilen ſolltens). Wirklich ſandte unter andern auch der Deutſche Orden aus ſeinen Rittercon⸗ venten in Deutſchland und Italien eine neue Schaar auser⸗ leſener Ordensbruͤder mit einer angemeſſenen ſtreitbaren Mann⸗ ſchaſt in großer Eile von Venedig aus nach Akkon hinuͤber und ſelbſt aus Preuſſen ſoll eine Anzahl reiſiger Ritter dahin gezogen feyn*). So wurden allerdings von vielen Seiten

1) Chron. S. Petri Erfurt. ap. Mencken. T. III. p. 298. 2) Nach Ottokar von Horneck c. 433 ſandte jeder der drei Ordensmeiſter zwei Ordensritter an den Papſt. 3) Ottokar von Horneck c. 433. 4) Ottokar von Horneck a. a. O. ſagt: Do ſach man uͤber Mer gern Tauſend Pruͤeder werlnicher Man, Die dacz (zu) Venedien ſchiften ſich an, Die warn all berait worden In der Tewtſchen Herren Orden. Ir Maiſter auch von Preuzzen Gewan der Chachen und der Heuzzen Wol ſiben Hundert oder mer Die kegen Akers teten die Cher. Wörtlich fo auch das Poema de amiss. s. terrae ap. Eccard I. c. In der Ordenschron. bei Matthaeus p. 748 und 756 und in Anmerk. Z. bei Duellius p. 25 iſt ebenfalls von einer ſolchen Sendung von Or⸗ densrittern nach dem Morgenlande die Rede. Nach der erſtern ſchickt der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen den ehemaligen Landmeiſter von Preuſſen Mangold von Sternberg (denn Steynborch oder Scyer⸗ borch, wie in der Chronik ſteht, ſoll offenbar Sternberg heißen) und den Marſchall von Livland mit vielen Ordensrittern nebſt 3000 Reitern

64 Akkons Verluſt (1291).

her, beſonders von den Ritterorden außerordentliche Kraͤfte aufgeboten, um die letzte Ruine der chriſtlichen Herrſchaft im Morgenlande wo moͤglich noch zu erhalten, denn ſo wenig auch von dieſer einſtigen Herrſchaft um dieſe Zeit noch übrig war, fo ſah man doch voraus, daß mit Akkons Verluſt für immer Alles verloren ſeyn werde. Insbeſondere aber ſtand auch für den Deutſchen Orden vieles auf dem Spiele. Akkon war die Wiege ſeiner erſten Tage, wo er ſein erſtes Gedeihen und ſeine erſte Erhebung gefunden; dort in dem Ordens⸗ Haupthauſe hatte man haͤufig die Generalkapitel gehalten, die wichtigſten Beſchluͤſſe gefaßt, die noͤthigen Grundgeſetze des Ordens entworfen und ſelbſt bis nach Preuſſen waren von dort aus über die Landesverwaltung und über die einzelnen Ordensverhaͤltniſſe die zweckmaͤßigſten Anordnungen und Be⸗ fehle ergangen, denn außer einem Meiſter oder dem Groß⸗ komthur hatten dort auch der Ordensſchatzmeiſter oder Treßler und der oberſte Ordensſpittler ihren Sitz, die mit dem Hoch⸗ meiſter die oberſte Behörde des Ordens bildeten n); daher

nach Akkon; es erwaͤhnt dann dieſe Quelle auch ausdruͤcklich, daß der Hochmeiſter ſelbſt nicht dahin gegangen, daß aber (nach p. 757) Man⸗ gold, der Großkomthur von Akkon, der Marſchall von Livland und eine große Zahl von Rittern in einem Kampfe gefallen ſeyen. Obgleich ſchon Schütz p. 97 dieſe Nachricht von Mangolds Anweſenheit und Tod bei Akkon triftig widerlegt hat, fo hat fie De Wal Histoire de “O. T. T. II. p. 278 doch wieder aufgenommen, ſich auf eine Stelle bei Dus- burg c. 198 ſtuͤtzend, wo es im gewöhnlichen Texte von Mangold heißt: in reditu mortuus in ara, welches letztere verſtuͤmmelte Wort De Wal zur Behauptung feiner Meinung in Acra verwandelt und darunter Akkon verſteht. Allein wir haben ſchon oben B. III. S. 395 Anmerk. 1. be⸗ wieſen, daß die Worte bei Dusburg verdorben ſind und da nun Man⸗ gold im J. 1283 ſchon geſtorben war, ſo iſt die Nachricht der Ordens⸗ chronik ungegruͤndet, obgleich allerdings Ordensritter aus Preuſſen ins Morgenland gezogen zu ſeyn ſcheinen. Die obige Stelle Ottokars von Horneck darf man nicht ſo verſtehen, als ſey auch der Meiſter von Preuſſen mit hinuͤber gezogen, denn dieſer befand ſich nach urkund⸗ lichen Erweiſen im April, Mai und Juni 1291 beſtimmt in Preuſſen. 1) Wir finden nach einer urkunde in Muratori Seriptt. rer. Ital. T. XII. p. 382 als in Akkon wohnhaft im 3. 1272 den frater Con-

Akkons Verluſt (1291). 65

hatte man dort auch in der Regel wenigſtens in den früheren Zeiten die jungen Ritter, die nach der Beſtimmung des Ge⸗ ſetzes ins Morgenland pilgern mußten, in die Ordensbruͤder⸗ ſchaft aufgenommen und alljaͤhrlich hatten bisher nach Akkon die Berichte uͤber alle Beſitzungen des Ordens, uͤber ihren Zuſtand und ihre Verwaltung zur Pruͤfung und Beurtheilung gehen muͤſſen, ſowie von dorther auch wieder die noͤthigen Verordnungen und Verfuͤgungen in Beziehung auf dieſe Ver⸗ waltung erfolgten). Es war alſo auch in dieſer Hinſicht fuͤr den Deutſchen Orden von groͤßter Wichtigkeit, die Stadt wo moͤglich im Beſitze der Chriſten zu erhalten 2).

Je naͤher aber die Gefahr heranruͤckte und je mehr man Kunde erhielt von des Sultans gewaltigen Kriegsruͤſtungen, um ſo mehr entſank den meiſten Chriſten das Vertrauen auf ſich ſelbſt und die feſte Hoffnung und Zuverſicht auf die Mög-

radus magnus praeceptor quondam domus Teutonicorum, ferner Fr. Joannes de Saxonia Thesaurarius, Albertus Hospitalarius super in- firmis, Milo socius Thesaurarii, Vellembergus et alii plures Fratres domus Alemannorum.

1) Daruͤber die Urkunde in Hennigs Statuten des D. Ordens S. 221 224.

2) Bei Ottokar von Horneck c. 436 wird indeſſen dem Deut⸗ ſchen Orden von den Johannitern doch der Vorwurf gemacht, daß er am Verluſte Akkons Schuld ſey, weil er, um die Gunſt des Papſtes nicht zu verlieren, dem paͤpſtlichen Legaten darin endlich beigeſtimmt habe, dem Sultan keine Genugthuung zu geben.

und daz man nicht Pezzerung tet

Dem Soldan nach ſeiner Pet,

Daz waz der Tewtſchen Herren Schuld

Die wolden der Pfaffen Huld

Durch nichten verchieſen.

Darumb muſt man verlieſen

Dacz Akers Er und Gut

Und vergiezzen jr Plut

Die da nicht furbaz mugen. Freilich heißt es nachher von den Johannitern: Dicz reten ſi in Spot, und ander Red genug. Nieman waz alſo chlug, Der an jr Antwurt, Durnechtichleichen ſpur, Wez in ze Mut wer. Anders ſprechen ſich nachher die Ritter des Deutſ. Ordens auch ſelbſt aus.

. 5

66 Akkons Verluſt (1291).

lichkeit der Rettung; und als nun die Nachricht einging, daß der grauſe Feind wirklich im Anzuge ſey, ergriff einen großen Theil von Akkons Bewohnern eine ſolche Kleinmuͤthigkeit und Verzagtheit, daß ganze Schaaren noch vor des Feindes An⸗ kunft die Stadt verließen und ſich der Schiffe im Hafen be⸗ maͤchtigten, um Habe und Gut ins Abendland zu retten!). So uͤberblieb die Vertheidigung der Stadt nur den Rittern der drei geiſtlichen Orden, die nicht einmal ſelbſt unter ſich einig waren?), den Heerhaufen des Koͤniges von Cypern, den jüngft angekommenen Kreuzbruͤdern und dem zuruͤckge⸗ bliebenen Theile der Bewohner: allerdings noch eine Kriegs⸗ macht, die zur Behauptung der Stadt zahlreich und kraͤftig genug geweſen waͤre. Allein es fehlte ſelbſt auch einem Theile dieſer Streitmacht an Muth und Vertrauen; es fehlte an Einheit der Geſinnung und an Feſtigkeit des Willens ); es fehlte an einem feften Plane und an einem Manne, der mit voller Kraft des Geiſtes der vorhandenen Macht Richtung und Leitung haͤtte geben koͤnnen; bis endlich die lange gedrohete Stunde der ſchweren Bedraͤngniß herannahete.

Es war am fuͤnften April des Jahres 1291, als der Sultan mit einer außerordentlichen Kriegsmacht und furcht⸗ baren Belagerungswerkzeugen vor der Stadt erſchien, denn entſchloſſen, die laͤngſt untergrabene chriſtliche Herrſchaft jetzt völlig zu ſtuͤrzen und die Chriſten für immer aus dem Mor⸗ genlande zu vertreiben, hatte er bis in den entfernteſten Thei⸗ len feines Reiches alle Kräfte zum Kampfe aufgeboten“).

1) Abulfeda T. V. p. 99. Ottokar v. Horneck c. 436. Poema ap. Eccard. p. 1500. Corner. Chron. p. 945.

2) Nach Ottokar von Horneck e. 436 ſind beſonders die Jo⸗ hanniter und Dentſchen Bruͤder mit einander im Streite.

3) Chron. German. ap. Pistor. T. II. p. 837. Annal. Eberhardi Altahens. in Canisii Lect. antiq. T. I. p. 322. Annal. Steron. Altah. ap. Freher. p. 397. Corner. Chron. p. 944.

4) Abulfeda p. 97. Poema ap. Eccard. p. 1500. Chron. S. Petri Erfurt. ap. Mencken. T. III. p. 299. Sanut. I. c. giebt die Kriegs⸗ macht des Sultans auf 160,000 Fußvolk und 60,000 Reiter an.

Akkons Verluſt (1291). 67 Es erfolgte eine Belagerung von mehr als vierzig Tagen unter furchtbar blutigen Kaͤmpfen ). Da der Meiſter des Tempelordens Wilhelm von Beaujeu eine Zeitlang zum Ober⸗ befehlshaber gewaͤhlt war und die einzelnen Theile der Stadt beſtimmten Anfuͤhrern zur Vertheidigung zugewieſen wurden, ſo daß z. B. der Hochmeiſter des Deutſchen Ordens mit dem Koͤnige von Cypern auf einem Punkte zuſammenſtanden 2), ſo herrſchte Anfangs im Ganzen eine gewiſſe Einheit in der Vertheidigung, und im Kampfe mit dem Feinde zeigte ſich ein Wetteifer der morgenlaͤndiſchen und abendlaͤndiſchen Ta⸗ pferkeit, wie man ihn lange nicht geſehen. Vor allem be⸗ wieſen die drei Ritterorden nicht ſelten einen Heldenmuth und eine Entſchloſſenheit in der Gefahr, wie kaum je in fruͤherer Zeit. Selbſt die edle Gräfin von Blois ſtand mit dem Köͤ⸗ nige von Cypern in den Reihen der Krieger. Dieſer hart⸗ naͤckige Widerſtand von Seiten der Belagerten bewog daher den Sultan, mit dem Meiſter des Tempelordens wegen Auf⸗ hebung der Belagerung in Unterhandlung zu treten, die ſich freilich wieder zerſchlug, als der Sultan von jedem Kopfe in Akkon einen Venetianiſchen Denar als Löfegeld verlangte ). Allein dieſer Eifer im Streite und ſelbſt die Verzweiflung, mit welcher nunmehr von den Chriſten gekaͤmpft wurde, brach⸗ ten ſchon kein Heil mehr in dem Drange der Gefahr; es war nicht mehr wie im Beginne der Kreuzzuͤge jenes hohe Gottvertrauen, welches die Krieger beſeelte und welches ſieg⸗ reich alles darniederwarf, weil es auf dem Bewußtſeyn einer heiligen Sache ruhete. * Da ward am achtzehnten Mai die Stadt mit Sturm gewonnen, denn die gewaltigen Wurfmaſchinen hatten Mauern und Thuͤrme ſchon ſo ſchrecklich zerruͤttet und vernichtet, daß

1) Nach Ottokar von Horneck c. 456 war der Meiſter der Deutſchen Herren der erſte, welcher ſich mit dem Feinde meſſen wollte. 2) De Wal Histoire de PO. T. T. II. p. 267, wo man über: haupt eine ziemlich ſpeticlle Darſtellung der Belagerung Akkons findet. 3) Corner. Chron. p. 943. Ordenschron. S. 58. Bei Matthaeus p. 754— 758. 5 *

68 Akkons Verluſt (1291).

der Feind nicht mehr abzuhalten war. Es begann ein neuer verzweifelter Kampf im Innern der Stadt, denn die Ritter⸗ orden warfen ſich in ihre Ordenshaͤuſer, die wie Burgen ſtark befeſtigt waren, und vertheidigten ſich fort und fort mit hel⸗ denmaͤßiger Tapferkeit !), fo daß ſelbſt der ſiegreiche Feind vor dem Geiſte erſchrak, der in den Rittern lebte. Als aber der tapfere Meiſter des Tempelordens bei einem Angriffe auf den Feind von einem Pfeile getroffen niederſank 2), entwich den meiſten Bewohnern aller Muth; viele ſuchten die Flucht nach dem Hafen; felbft der König von Cypern und der Pas triarch von Jeruſalem verließen heimlich die Stadt und fluͤch⸗ teten nebſt den meiſten Großen zu Schiffe nach Cypern ). Das Gedraͤnge und der Anlauf im Hafen war ſo groß, daß viele von den Flüchtlingen ihren Tod im Meere fanden). So waren es bald einzig nur noch die Ritterorden, welche dem Feinde aus ihren Haͤuſern Widerſtand leiſteten?). Da traten die Ritter vom Deutſchen Orden vor ihren Meiſter Konrad von Feuchtwangen“) mit der Bitte, noch einmal zum Kampfe ausgefuͤhrt zu werden, um da zu ſterben, wo gerade vor hundert Jahren ihre ritterliche Verbruͤderung begonnen hatte”). Allein der edle Meiſter fand es nutzlos, hier Kraͤfte

1) Abulfeda T. V. p. 99. Ottokar von Horneck c. 445. Corner. Chron. p. 944.

2) Sanut. L. III. P. XII. c. 21. Ottokar v. Horneck c. 443. Poema ap. Eccard. p. 1531.

3) Trivetti Chron. ap. d’Achery Spicileg. T. VIII. an. 1291. Poema ap. Eccard. p. 1584. Ordenschron. bei Matthaeus p. 759— 760. De Wall. c. p. 280.

4) Sanut. I. c. c. 21.

5) Ottokar von Horneck c. 447.

6) Wenn Corner. I. c. fagt: Magister et Fratres de domo Tlieu- tonica cum eorum familiis omnes simul nna hora interfecti sunt, fo iſt dieſes allerdings unrichtig; aber die Tapferkeit der Deutſchen Or: densritter rühmen auch das Poema ap. Eccard. p. 1552 und die Or⸗ denschron. bei Matthaeus p. 756.

7) Beſonders erzaͤhlt Ottokar von Horneck c. 446 vieles von den Heldenthaten eines Deutſchen Ordensritters Hermann von Sachſen,

Akkons Verluſt (1291). 69

aufzuopfern, die anderswo zum Heil und Gedeihen ſeines Ordens verwendet werden konnten. „Ich kann es nimmer geſtatten, ſprach er zu feinen Rittern, daß ihr ohne Zweck und Ziel euer Leben dem Feinde Preis gebet; es waͤre ein Ver⸗ gehen an unſeres Ordens Regel, denn ſo lange ein Ordens⸗ bruder mit Ehren leben kann, muß er gerne leben. Aber ich gebe euch mein Ritterwort: ich will es einſt mit euch noch an den Heiden in Preuſſen raͤchen, was euch der Sultan hier zu Akkon Leides angethan“ 1). Kaum hatte der Mei⸗ ſter dieſe Worte geſprochen, als eine Schaar des Sultans das Deutſche Ordenshaus mit Sturm uͤberfiel. Vertheidigung und Widerſtand war bei der ſchwachen Kraft der Ritter nicht mehr moͤglich. Das naͤmliche Loos traf in derſelben Stunde auch die Johanniter und Tempelherren, die ſich in den Thurm des Großmeiſters gefluͤchtet. Da nun ſchon alles in feind⸗ licher Gewalt war und der Sultan im grimmigen Zorne über den hartnaͤckigen Kampf der Ritter die Stadt zugleich an vier Enden anzuͤnden ließ und in wenigen Stunden Burgen, Tem⸗ pel, Haͤuſer und Befeſtigungswerke in einen Steinhaufen verwandelt waren, ſo entflohen die Ritter in den Hafen und ſuchten Rettung auf dem weiten Meere ?). In ſolcher Weiſe ging der ſchoͤne Ort verloren und ſo zerfiel das erſte Deut⸗ ſche Ordenshaus, in welchem die Verbruͤderung der Deutſchen Ritter ihr erſtes Gedeihen gefunden. Hierauf aber fielen in

der zu den Heiden uͤbergetreten, jetzt aber wieder zu ſeinem Orden zu⸗ rückgekehrt war und eine große Menge von Ungläubigen meiſt zur Nacht: zeit in ihren Zelten ermordete. 1) Poema ap. Eiccard. p. 1552. Ottokar von Horneck c. 448 hat die Rede des Meiſters ebenfalls; es heißt zuletzt: Swaz Uns der Soldan Hie ze Akers hat getan Daz Laid und die And Ze Pruezzen und in Meiſßen⸗Land Wil Ich an den Haiden rechen Mit Ew Rittern vrechen Meiner Pruederſchaft. 2) Ottokar v. Horneck c. 448.

70 Akkons Verluſt (1291).

kurzer Zeit auch die letzten noch uͤbrigen Beſitzungen der Chri⸗ ſten, als Tyrus, Sidon und andere in die Haͤnde der Un⸗ glaͤubigen ).

Die Deutſchen Ritter, die Tempelherren und Johanniter, welche dem Schwerte zu Akkon entkommen waren, landeten zunaͤchſt auf Cypern, wohin ſich auch die meiſten Großen aus dem Morgenlande gefluͤchtet, und da es dem Koͤnige von Cy⸗ pern gluͤckte, die Ritter des Tempel- und Johanniterordens durch Ueberweiſung laͤndlicher Beſitzungen in ſeinem Gebiete feſtzuhalten, ſo verhieß er auch den Deutſchen Ordensherren ein anſehnliches Landeigenthum, ſofern ſie forthin auf Cypern verweilen wuͤrden ?). Allein der Hochmeiſter lehnte dankend das Anerbieten ab, theils vielleicht wegen des ewigen Zwie⸗ ſpaltes der Orden unter einander, theils auch weil es ihm zweckmaͤßiger und der Beſtimmung und Regel des Ordens angemeſſener ſchien, die geretteten Kraͤfte zum Beſten ſeiner Bruͤder im Norden gegen die Heiden zu verwenden. Er ſe⸗ gelte daher mit ſeinen Rittern weiter nach Venedig, wo der Orden ſchon einen eigenen Convent hatte, denn da er in den Kriegen Venedigs gegen Genua beſtaͤndig auf der Seite jenes Freiſtaates geſtanden ) und ihm manche Huͤlfe und Vortheile gebracht, ſo waren ſeitdem die Deutſchen Ordensritter immer als beſondere Freunde der Republik betrachtet worden und der Doge Renier Zeno hatte ſchon in der Mitte dieſes Jahrhun⸗ derts aus Dankbarkeit fuͤr die Deutſchen Ordensritter in Ve⸗ nedig die Kirche der heil. Dreifaltigkeit zu ihrem Gebrauche

1) Abulfeda T. V. p. 99. Sanut. c. 22. Raynald Annal. eccles. an. 1291. Nr. 6— 7.

2) De Wal l. c. p. 308 ſagt: Suivant les historiens Giblet et Iauna, le Roi tächa également de retenir les Chevaliers Teutoniques dans ses états, en leur offrant des établissemens considerables; mais le Grand-Maitre le remercia. Nous voyons cependant par les an- ciens statuts de Ordre Teutonique (Duellii Miscell. L. II. p. 56) qu'il y avoit un Commandeur de Chypre, mais on ne sauroit dire si cet établissement &toit anterieur à la perte de la Teerre-Sainte, ou s'il fut seulement formé à cette époque.

3) Naucler. p. 946.

Das Ordens-Haupthaus zu Venedig (1291). 71

erbauen laſſen und ihrem Ordenshauſe bedeutende Einkünfte zugewieſen 1).

So ward alſo der Hochmeiſter ſammt den Seinen mit Freude in Venedig aufgenommen. Er erhob ſofort das dor⸗ tige Deutſche Ordenshaus zum nunmehrigen Haupthaus des Ordens 2), wo nun mitunter auch die Hochmeifter, regelmäßig aber wie bisher zu Akkon des Ordens wichtigſte Gebietiger, als der Großkomthur, der Treßler und der Spittler ihren Wohnſitz hatten. Gewiß waͤhlte hiezu der Meiſter Venedig nicht ohne Plan und Abſicht. Noch mochte weder der Papſt,

1) Le Bret Staatsgeſchichte von Venedig B. I. S. 735 736, wo jedoch unrichtig die Ankunft des Hochmeiſters aus Akkon nach Ve⸗ nedig erſt ins J. 1298 geſetzt wird.

2) Da Dusburg c. 297 von Venedig ausdruͤcklich ſagt: domum prineipalem, quae a tempore destructionis civitatis Achonensis fuerat apud Venetias und dann c. 276 Venedig in Beziehung auf den Orden domum principalem nennt, ſo iſt zu verwundern, daß mehre Schrift⸗ ſteller, z. B. Hartknoch A. und N. Preuſſ. S. 294 und bei Dusburg p. 350 haben behaupten koͤnnen, daß Marburg ſeitdem das Haupthaus des Ordens geweſen, Venedig aber ſchon fruͤher von Hermann von Salza zum Haupthauſe erhoben worden ſey. Der Irrthum iſt offenbar daher entſtanden, daß man den zeitweiligen Aufenthaltsort der Hoch⸗ meiſter mit dem Haupthauſe des Ordens verwechſelt hat, wiewohl ſich Hermann von Salza auch nur ſelten zu Venedig längere Zeit aufge⸗ halten zu haben ſcheint. Wie in Preuſſen Elbing zwar das Haupthaus des Ordens in Preuſſen, aber keineswegs der beſtaͤndige Aufenthaltsort der Landmeiſter war, ſo galt fruͤher Akkon und nunmehr Venedig fuͤr das Haupthaus des ganzen Ordens, ohne daß die Hochmeiſter beftändig dort wohnten. Die Hochmeiſter hatten ſich auch bisher an ſehr ver⸗ ſchiedenen Orten aufgehalten. So ergiebt ſich aus Urkunden, daß z. B. Heinrich von Hohenlohe meiſtentheils in Mergentheim, Anno von San⸗ gerhauſen im Jan. 1273 in Sachſenhauſen bei Frankfurt, Hartmann von Heldrungen im April 1280 in Mergentheim, Burchard von Schwen⸗ den im Mai 1287 in Marburg und im Maͤrz 1288 in Erfurt gelebt haben. Auch die nachfolgenden Hochmeiſter befanden ſich keineswegs immer zu Venedig, vielmehr meiſtentheils in Deutſchen Städten ck. Acta Academ. Palat. T. II. p. 18— 19. Auffallend iſt es aber, daß die Ordenschron. bei Matthaeus p. 763 von Venedig nichts weiß und das Haupthaus ſogleich nach Marburg verlegen läßt.

72 Das Ordens-Haupthaus zu Venedig (1291).

noch der König von Cypern dem Gedanken Raum geben, daß das heilige Land fuͤr immer in der Gewalt der Unglaͤu⸗ bigen bleiben und alles, was ſeit zwei Jahrhunderten ſo ſchwer errungen worden war, fuͤr ewig verloren ſeyn ſolle; und ihre Hoffnung einer baldigen Wiederbefreiung theilte ohne Zweifel auch der Meiſter des Deutſchen Ordens, zumal als er ſah, mit welchen dringenden Ermahnungen und Bitten der Papſt alle Koͤnige und Fuͤrſten, beſonders den Koͤnig von Frankreich aufforderte, das heilige Land der Macht der Unglaͤubigen wie⸗ der zu entwinden ). Venedig hatte aber in den Kreuzzuͤgen eine viel zu wichtige Rolle geſpielt und die Sprache der maͤch⸗ tigen Republik war nicht ſelten zu entſcheidend geweſen, als daß der Meiſter bei einer etwanigen neuen Unternehmung ins Morgenland auf Venedigs Mitwirken zu Gunſten ſeines Or⸗ dens nicht hätte rechnen ſollen. In der That waren es ge: waltige Anſtrengungen, mit welchen der Papſt einen neuen allgemeinen Heereszug zur Befreiung Syriens in Bewegung zu ſetzen ſuchte und die Erfolge ſeiner Bemuͤhungen ſchienen ſeinen Wuͤnſchen zu entſprechen, denn Koͤnig Eduard der Erſte von England hatte ſich erboten, an die Spitze eines Kreuz⸗ heeres zu treten. Hie und da ſammelten ſich auch neue Hau⸗ fen von Kreuzfahrern und an der Vereinigung des Johanniter⸗ und Tempelordens ward vom paͤpſtlichen Hofe aus mit un⸗ gemeinem Eifer gearbeitet, denn hiedurch wollte man eine

1) Raynald, an. 1291. Nr. 20 22; auch an die Freiſtaaten Sta liens, Genua, Venedig u. a. wandte der Papſt die dringendſten Bitten. Nach Raynald. an. 1291 Nr. 29 fol der Papſt jetzt erſt die Vereini⸗ gung der verſchiedenen Ritterorden zu Einem betrieben haben; als Be: weggrund zu dieſem Plane führt er an: ferebat enim fama, nunquam Acconem expugnandam fuisse, si mutuum inter eos amicitiae foedus coaluisset. Indeſſen fpricht Nicolaus ſelbſt in einem Briefe Nr. 30 nur davon, quod dilectos filios fratres hospitalis S. Iohannis et mi- litiae Templi Ierosolymitani ad unius ordinis unitatem seu religionis unionem auctoritate apostolica reducamus, ut sincerius et uniformius in vinculo caritatis et pacis tendentes ad unum, efficacius possint prosequi negotium memoratum. Vom Deutſchen Orden war alſo nicht mehr die Rede.

Veränderte Stellung des Ordens (1291). 73

ſtarke und feftvereinte Kriegsmacht bilden, die als unerſchuͤt⸗ terliche Schutzmauer gegen die Ungläubigen dienen ſollte. Auf Johannis⸗Tag des Jahres 1293 ſollte das neue Kreuz⸗ heer aufbrechen und ſo hoffte der Papſt das Andenken der ſchrecklichen Ereigniſſe wieder auszutilgen, durch welche in ſei⸗ nen Tagen der Beſitz von Akkon fuͤr die Chriſten verloren gegangen war !). Allein es war nur die erfreuliche Hoffnung, die er davon unter beſtaͤndigen Bemühungen und Anſtren⸗ gungen ins Jahr 1292 uͤbertrug, denn ſchon im April dieſes Jahres raffte ihn plotzlich der Tod hinweg?) und nach ihm bot kein Papſt wieder ſolche Muͤhe und ſolche Mittel auf, um das heilige Land den Chriſten wieder zuzueignen. Somit ging alſo fuͤr den Deutſchen Orden auch alle

Hoffnung unter, je wieder in den Beſitz ſeiner nicht unbe⸗ deutenden Ordensguͤter im Morgenlande zu kommen; fo war

das Band, welches die Ordensritter bisher immer noch nach Aſien hinuͤbergezogen, gaͤnzlich zerriſſen und was einſt ſchon Hermann von Salza mit dem Geiſte eines Sehers in die Zukunft geahnet, war jetzt in Erfüllung gegangen: Preuſſen ſollte im Schickſale der Welt der Schauplatz ſeyn, auf wel⸗ chem der Orden ſich ausleben, ſeine Beſtimmung erfuͤllen und ſeine Aufgabe in der Geſchichte fuͤr die Anpflanzung und Ver⸗ breitung chriſtlich deutſcher Bildung loͤſen ſollte. Ueberhaupt nahm nunmehr, ſeitdem der Orden aus dem Morgenlande als feiner alten Heimat hinweggewieſen war, fein ganzes urſprüng⸗ liches Weſen und fein ureigenthuͤmliches Streben eine andere Richtung und vieles geſtaltete ſich gaͤnzlich um, denn mit dem Boden waren ihm ja zugleich auch alle Verhaͤltniſſe und Be⸗ ziehungen entnommen, auf welche ſeine naͤchſte Beſtimmung und ſeine Pflichten ſich gruͤndeten; fuͤr viele ſeiner Geſetze war jetzt ſchon gar keine Anwendung mehr moͤglich, am we⸗ nigſten in ſeinen Beſitzungen in Deutſchland oder Italien. In Preuſſen und Livland allein beſtanden wegen der Naͤhe

1) Raynald. an. 1291. Nr. 31. an. 1292. Nr. 6. 2) Raynald. an. 1292. Nr. 17.

7% Serufalem in Preuſſen (1291).

der Heiden noch Verhältniffe, auf welche des Ordens erſte Beſtimmung noch anwendbar und ſeine Pflichten fuͤr den Schutz der Kirche und des Glaubens ausfuͤhrbar waren. Des⸗ halb galt auch die Bekaͤmpfung der heidniſchen Litthauer und Samaiten nun immer mehr fuͤr das Erſte, dem der Orden hier nachzugehen hatte, denn in dieſem Kampfe hatte das Schwert der Ordensritter nur den Feind gewechſelt, fuͤr den es beſtimmt war. Fuͤr manche andere Geſetze des Ordens aber, die nach dem Verluſte des heiligen Landes keine An⸗ wendung mehr finden konnten, ſchuf man ſich gewiſſermaßen die neuen Verhaͤltniſſe, um ſie darin anwenden zu koͤnnen, obgleich es oft nur bloße Formen waren, die aus der Be⸗ ſchaffenheit der Dinge im Morgenlande herbeigerufen wurden. So beſtand unter andern auch jetzt noch das Geſetz, daß jeder neuaufzunehmende Ordensritter vor ſeinem Eintritte in die ritterliche Verbruͤderung eine Pilgerreiſe ins heilige Land, wo moͤglich nach Jeruſalem an das Grab des Herrn unternehmen mußte ) und die meiſten Ritter waren dieſem Geſetze bisher, wie es ſcheint, darin nachgekommen, daß ſie wenigſtens nach Akkon wallfahrteten. Um nun auch fernerhin dieſem Geſetze Gnuͤge zu leiſten, legte man in Preuſſen bei den wichtigſten Ordensburgen gewiſſe Orte an, die mit Baͤumen umpflanzt und eingehegt, wahrſcheinlich auch feierlich eingeweiht, viel⸗ leicht auch mit einer Kapelle und einem Grabe verſehen, Je⸗ ruſalem genannt wurden 2). Sind wir durch glaubhafte Zeug⸗ niſſe uͤber den eigentlichen Zweck und die Bedeutung dieſer

1) Wir haben dieſes Gefeges ſchon früher B. II. S. 513 erwähnt und keine Spur gefunden, daß es aufgehoben oder veraͤndert worden ſey, obgleich wohl ſchwerlich jeder aufzunehmende Ordensritter zuerſt ins Morgenland gewandert ſeyn mag. Doch ſcheinen viele junge Ordens⸗ brüder ihre Aufnahme erſt nach der Pilgerwanderung in Akkon erhalten und dann mehre Jahre in den morgenlaͤndiſchen Ordenshaͤuſern verlebt zu haben. Zu dieſem Zwecke aber war ein ſolches Geſetz, um jene Or⸗ densconvente immer vollzählig zu halten, wohl ſelbſt politiſch nothwendig.

2) Man findet Orte dieſes Namens theils noch jetzt, theils in Ur: kunden, beſonders in Verſchreibungen bei Königsberg, Elbing, Marien⸗ burg, Graudenz, Rieſenburg und andern Orten.

Serufalem in Preuffen (1291). 75

Orte auch nicht genau unterrichtet und mag es immerhin ſeyn, daß fie in fpäterer Zeit, als ihre erſte Bedeutung vielleicht ſchon vergeſſen war, zum Vergnuͤgen und zu mancherlei Luſt⸗ barkeiten benutzt wurden oder daß nachmals bei dem Verfalle der alten Sitte und Zucht des Ordens auch der alte ernſte, heilige Sinn der Gebraͤuche an dieſen Orten mehr und mehr verweltlichte und in der Gemeinheit des Lebens entartete ), ſo iſt doch gar nicht zu bezweifeln, daß dieſe Orte bei ihrer Gruͤndung eine ernſte und fromme Bedeutung und eine auf die Geſchichte des Ordens im heiligen Lande hinzielende Be⸗ ziehung hatten, daß ſie nicht etwa bloß das Andenken an das Grab des Herrn und an des Ordens erſte Beſtimmung in

1) Der Polniſche Scribent Stanislaus Sarnicius, ein abgeſagter Feind des Ordens, ſagt in ſeinen Annal. Polon. L. VI. p. 27 folgendes hierüber: Crucigeri nulli rei impensius studebant, quam malignitati, rapinae, ventri et üis quae sub ventre sunt; obliti interim Hieroso- Iymae, cuius defendendae voto tenebantur. Nec eis ea urbs in me- moriam redibat unquam, nisi quando post commessationes et prandia, animi causa, per eius figuram terrae insculptam, decurrebant. Usu enim illis receptum erat, ubique in Prussia, in collibus editioribus, prope arces nobiliores, figuram quandam labyrintheam et intricatam terrae insculpere, quam Hierosolymam vocabant, ut Grudenti et alibi etiam nung videre est. Hanc ipsi, vel servi ipsorum coram eis, hi- laritatis ergo, post pocula et crapulas percurrebant, et hoc pacto religione se solutos putabant, si pro defensione vera, Hierusalem a Sarracenis oppressae, fictam ludibundi percurrerent. Offenbar ift in dieſer Nachricht vieles bloße Faſelei, anderes nur halbwahr, denn auch zugegeben, daß der Wurm, der in fpäteren Zeiten am Kerne des Ordens fraß, auch hier vieles umwandelte, ſo iſt doch klar, daß die Schilderung des Polniſchen Scribenten, auch wenn ſie ſonſt in Beziehung auf die Orte mit dem Namen Jeruſalem ganz wahr wäre, nicht auf die fruͤ⸗ heren Zeiten anwendbar iſt. Es dürfte aber nicht ſchwer ſeyn, zu be⸗ weiſen, daß der Scribent, ohne es ſelbſt zu wiſſen, etwas ganz anderes ſchildert, als er will. Die Irrgarten oder Vergnuͤgungsorte der Ritter, die Sarnicius hier ſchildert, waren die Luftpläge, welche bald Vogelſang, bald Paradies genannt ſich im 14. und 15. Jahrhunderte faſt bei jeder Ordensburg befanden. In dieſen wurde nach dem Eſſen der heitern Freude und der Luft gefroͤhnt. Vgl. darüber einen kleinen Aufſatz „von den Preuſſ. Labyrinthen“ im Erlaͤut. Preuſſ. B. I. S. 721.

76 Adolf von Naſſau und der Deutſche Orden (1291).

dem Deutſchen Hauſe in Jeruſalem immer wieder zuruͤckrufen ſollten, ſondern daß ſie auch bei verſchiedenen gottesdienſtlichen Feſten und Feierlichkeiten, bei feierlichen Proceſſionen, wie bei der Aufnahme der Ritter in die Ordensbruͤderſchaft u. a. ihren beſtimmten Zweck hatten.

An dem Papſte Nicolaus dem Vierten war aber dem Orden ein Goͤnner geſtorben, wie er ihn auf dem Roͤmiſchen Stuhle ſeit vielen Jahren nicht gehabt, und ehe dieſer Stuhl nun wieder beſetzt wurde, gingen uͤber zwei Jahre hin, da ſich die Kardinaͤle uͤber die neue Wahl durchaus nicht verei⸗ nigen konnten. Und kaum war der Hochmeiſter Konrad von Feuchtwangen mit ſeinen Ordensrittern in Venedig angekom⸗ men, als die Trauernachricht eintraf, daß auch König Rudolf von Habsburg am funfzehnten Juli 1291 zu Germersheim geftorben fey: für den Orden ein neuer ſchmerzlicher Verluſt, denn Rudolf hatte ihn von jeher mit vieler Huld beguͤnſtigt, da er einſt auch ſelbſt in Preuſſen ſein Werk mit dem Kampf⸗ ſchwerte befoͤrdert. Faſt zehn Monate gingen vorüber, ehe entſchieden war, welchem von dem Deutſchen Fürften die er⸗ ledigte Krone zufallen werde und erſt am zehnten Mai 1292 ertheilte ſie der Erzbiſchof Gerhard von Mainz ſeinem Vetter, dem Grafen Adolf von Naſſau. Schon die Gunſt, welche der Erzbiſchof dem Orden oft erwieſen !), zog dieſen zur Partei des neuen Koͤniges hinuͤber und Adolf von Naſſau be⸗ lohnte bald darauf dieſe Anhaͤnglichkeit der Deutſchen Ordens⸗ ritter durch ein ausgezeichnetes Privilegium, in welchem er des Ordens Verdienſte nicht bloß mit außerordentlichem Lobe erhob und ihn eben ſo, wie ſeine erhabenen Vorgaͤnger Frie⸗ derich der Zweite, Heinrich der Sechſte und Rudolf von Habs⸗

1) So iſt unter andern nicht bloß eine Urkunde vom J. 1290 vor⸗ handen, durch welche der Erzbiſchof von Mainz dem damaligen Deutſch⸗ meiſter Konrad von Feuchtwangen jede beliebige Verſetzung der Ordens⸗ geiſtlichen aus einem Convente in den andern bewilligte, ſondern er zeigte ſich dem Orden auch im J. 1291 in einem Streite als Schieds⸗ richter gegen feine nahen Verwandten Philipp und Gottfried von Bik⸗ kembach guͤnſtig; ſ. Guden. Cod. diplom. T. IV. p. 964.

Adolf von Naſſau und der Deutſche Orden (1291). 77

burg zu ſeiner ferneren Erhebung mit ſeiner Huld und Gunſt zu begnadigen verſprach, ſondern auch den geſammten Orden überhaupt, ſowie alle Ordensritter, die Halbbruͤder und alle Untergebenen insbeſondere, nebſt allen Beſitzungen, Staͤdten, Burgen und Unterthanen des Ordens in ſeinen koͤniglichen Schutz nahm und alle Privilegien, Vorrechte und Freiheiten deſſelben von neuem. beftätigfe‘). Freilich war nur allzu ſichtbar, daß Adolf hiebei mehr nur eigennuͤtzige Zwecke ver⸗ folgte, daß er den durch ganz Deutſchland und Italien ver⸗ zweigten und verbreiteten Orden dem Intereſſe und der Zu⸗ neigung der ihm widriggeſinnten Reichsfuͤrſten zu entziehen und an ſeine Partei und ſein Haus feſtzuknuͤpfen ſuchte, wes⸗ halb er vorzuͤglich auch den Hochmeiſter oft an feinem Hofe hatte, ihn in ſeine Reichsverhandlungen zog und ſelbſt zuwei⸗ len als bevollmaͤchtigten Geſchaͤftstraͤger bald hiehin bald dort⸗ hin entfandte?). Da konnte es freilich kaum fehlen, daß bei der damaligen Spaltung und Spannung der Parteien im Deutſchen Reiche nicht in der Seele manches dem Hauſe

1) S. dieſes Privilegium in „Diplomat. Unterricht und Deduction u. ſ. w. Nr. 11.“, datirt- in Bopardia X Cal. Iun. indict. sexta a. d. 1293, Regni vero nostri anno secundo. Unter andern heißt es darin von den Ordensrittern: a Regie Celsitudinis brachio tanto de- bent attentius confoveri in omnibus, tantoque sublimius honorari, quanto frequentius pro defensione Catholice fidei noscuntur in Castris dominicis militare; quid igitur miri, si dieti Fratres Hospitalis S. M. D. Th. I., quorum sancta Religio ab Imperialibus beneficiis circa promerendam specialem gratiam, et impetratam multarum libertatum ac privilegiorum indulgentiam Apostolice Sedis in spiritualibus sumpsit exordium, ac Imperialis Aule ortus floridus Imperatorum plantula et factura a nullo Prineipum tantum, quantum al Imperatoribus in rebus temporalibus habuit incrementum, preter Romanorum Regem nullum habeant Advocatum, seu etiam defensorem. Vgl. De Wal Histoire de IO. T. T. II. p. 341.

2) So erwähnt Perg im Archiv der Geſellſchaft für ältere Deutſ. Geſchichtsk. B. IV. Abtheil. I. S. 194 eines Beglaubigungsſchreibens des Kaiſ. Adolf für feinen Geſandten nach Venedig, „Cunrad von Fuͤth⸗ vangen Magistrum preceptorem ordinis S. Marie de domo Thento- nica.““ 1293. Jul. 29 in Vrideburg oppido imperiali.

78 Adolf von Naſſau und der Deutſche Orden (1291).

Naſſau widerſtrebenden Reichsfuͤrſten auch gegen den Deut⸗ ſchen Orden eine abgeneigte und widrige Geſinnung erwachte, denn in dem Maaße, als Adolf von Naſſau in der Achtung ſelbſt bei ſeinen Anhaͤngern ſank und bald uͤberall Haß und Abneigung auf ſich lud, mußte auch gegen die Deutſchen Or⸗ densritter als ſeine Schuͤtzlinge bei vielen Reichsgroßen ein gewiſſer Widerwille und eine abgeneigte Stimmung lebendig werden, zumal wenn die Beſchuldigung nicht ungegruͤndet war, daß die Ordensritter hie und da die Geſinnungen, Plane und Rathſchlaͤge der Fuͤrſten dem Koͤnige heimlich verrathen haͤtten 1).

Je weniger aber unter ſolchen Verhaͤltniſſen der Orden nur irgend Hoffnung zum Wiedergewinne ſeiner Beſitzungen im Morgenlande faſſen durfte, um ſo mehr konnten nun die Kraͤfte, die er bisher noch nach Aſien hatte richten muͤſſen, auf ſeine Beſtrebungen und ſein Intereſſe im Abendlande, auf ſeine Laͤndereien in Italien und Deutſchland und vor allem auf ſeine eigentliche Schoͤpfung und neue Heimat in Preuſſen verwendet werden; und hier wurde auch in der That die Vermehrung ſeiner Kraͤfte ſchon mit jedem Jahre noth⸗ wendiger.

1) Duellius Historia Ordinis Teut. p. 25 ſagt: Ea propter for- tassis nonnulli exterorum Principum, quibus cum Adolpho non con- venerat, suspicione Fratres Teutonicos attigerint, quasi isti partibus Caesaris nimium addicti secreta illorum consilia in huius sinum de- posuissent. Die Nachricht Über diefe Beſchuldigung gründet ſich freilich nur auf Waißel S. 101 und De Wall. c. p. 342 hat den Theil der Angabe, der ſich auf den Verluſt der Ordenshaͤuſer zu Venedig und Neapel als angebliche Folge jener Beſchuldigung bezieht, gehörig widerlegt. Allein ganz ohne Grund ſcheint die Beſchuldkgung doch nicht zu ſeyn. Viele Fuͤrſten blieben indeſſen dem Orden auch ferner noch zugethan. So ſchenkte z. B. der Burggraf Konrad II oder der Juͤngere von Nürnberg dem Orden die Burg Virnsberg mit zahlreichen Beſi⸗ tungen im J. 1294 beim Eintritte feines Sohnes in den Orden. Drei ſeiner Söhne waren in den Orden ſchon eingetreten; ſ. die Urk. in Fal⸗ kenſteins urkunden und Zeugniſſ. das Burggrafth. Nürnberg betreff. Nr. 87. p. 87.

Verhaͤltniſſe des Ordens zu Pommern (1291). 79

Mit dem Nachbarlande Pommern, wo noch Herzog Miſt⸗ win regierte, ſtand der Orden zwar noch in friedlichen Ver⸗ haͤltniſſen, fo daß der Herzog dem weitern Fortgreifen des Ordens zu neuen Erwerbungen in ſeinem Gebiete nicht nur keine Hinderniſſe entgegenlegte, ſondern es vielmehr in ge⸗ wiſſer Hinſicht zu befoͤrdern ſchien, wie er wenigſtens durch ſeine bereitwillige Zuſtimmung bewies, als der Orden im Jahre 1291 durch den Ankauf des Dorfes Klein⸗Schlanz am linken Weichſel⸗Ufer fein Gebiet dort erweiterte ). Allein es waren in Pommern ſeit kurzem doch ſchon Verhaͤltniſſe ein⸗ getreten, uͤber welche der Orden mehr und mehr beſorgt wer⸗ den mußte.

Herzog Miſtwin war nicht bloß bisher ohne maͤnnliche Erben geblieben, ſondern auch ohne Hoffnung, ſolche zu er⸗ halten ). Mit ihm alſo ſtarb der alte Stamm der Herzoge von Hinterpommern aus. In dieſem Falle mußte nach alten beſtehenden Vertraͤgen ſein Land als eroͤffnetes Lehen den Markgrafen von Brandenburg anheimfallen, in deren Lehns⸗ herrlichkeit ſich der Herzog mit feinen Landen früherhin be⸗ geben hatte ), und bei einiger Beſonnenheit hätte er kaum irgend einen andern Schritt fuͤr die Zukunft thun koͤnnen. Deſſenungeachtet hatte er ſchon laͤngſt ſeinen Vetter, den Herzog Przemislav von Polen zu ſeinem Nachfolger be⸗

1) Original⸗Urkunde, datirt: in Gdanzech III. Non. April. an. 1291 im geh. Arch. Schiebl. 49. Nr. 39. Der Orden kaufte das Dorf von einem gewiſſen Alexius, der es vom Herzoge Miſtwin erhalten, und dieſer letztere trat dem Orden alles Eigenthumsrecht et omnia alia jura ducalia, die er darauf hatte, ab. Dregers Pommer. Urkunden⸗Ver⸗ zeichn. S. 22.

2) Im Chron. Oliv. p. 39 heißt es: Wistwigium vero, quod ille- gitime vixit et sponsam Christi Sanctimonialium de Coenobio Stol- pensi, Fulcam nomine, suo commercio adoptavit, deus privavit sul seminis legitimo successore, tanquam indignum, licet in aliis esset competenter dignus,

3) Die Verträge von 1269 und 1273; |. oben B. III. S. 302 und Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. I. p. 210. Lancizolle Geſchichte der Bildung des Preuſſ. Staats B. I. S. 554.

80 Verhaͤltniſſe des Ordens zu Pommern (1291).

ſtimmt !), ohne jedoch auch andern nahen Fuͤrſten, als den Herzogen Bogislav und Otto von Slavien und Caſſubien oder Vorpommern und dem Fuͤrſten Wizlav von Ruͤgen, ſei⸗ nem Schwiegerſohne, ihre Anrechte und die Hoffnung auf die Nachfolge dadurch zu entnehmen 2). Bei dieſem Schwanken

1) Schon im J. 1284 ſpricht Miſtwin nicht bloß vom Herzoge Przemislav als von feinem Erben, ſondern auch „von andern unſerer Nachfolger“, ſ. Sell B. I. S. 349, und in einer urkunde vom J. 1287 bei Dreger Urk. Verzeichn. S. 17 heißt Przemislav erſter Suc⸗ ceſſor. Nach Dlugoss. p. 857 wäre die Ernennung Przemislavs als Nachfolger erſt im J. 1290 geſchehen; allein dieß iſt nur von der foͤrm⸗ lichen Anerkennung und Huldigung zu verſtehen. Micraeliö Antiq. Pomer. p. 183. Schon durch jene beiden Urkunden von 1284 und 1287 würde die Behauptung bei De Wal J. c. p. 458 zu widerlegen ſeyn, als habe Diugoss. die Uebertragung Pommerns an den Herzog von Polen er⸗ dichtet. Er will dieſes durch Urkunden erweiſen, die nach dem J. 1290 gegeben find und führt zunächft die des Herzogs Bogislav IV von Sla⸗ vien und Caſſubien an, worin dieſer das Kloſter Oliva in ſeinen Schutz nimmt und ihm alle feine Rechte und Beſitzungen beftätigt, Gereken l. c. T. VII. p. 110. Allein dieſer Beweis zerfällt dadurch, daß eine Original⸗Urkunde des Herzogs Przemislav von Polen im geh. Arch. Schicbl. LV. Nr. 59 mit der des Herzogs Bogislav faſt völlig gleich lautet, von dem naͤmlichen Datum iſt und namentlich auch die Worte enthält: In huius igitur confirmacionis perhennem memoriam presen- tem paginam sigillo nostro et sigillo domini Mysciwgii ducis Pome- ranie, qui huic ordinacioni presentialiter interfuit cum subscripcione testium fecimus roborari. Schon hienach ift nicht zu bezweifeln, daß Miſtwin wirklich den Herzog von Polen zu ſeinem Nachfolger beſtimmt hatte. Hiezu kommt noch eine Urkunde vom J. 1294, worin „secun- dus Premisl dei gracia dux Polonie Maioris die Schenkung Miſtwins, den er hier patruus noster nennt, an den Johanniter⸗Orden beſtaͤtigt, im geh. Arch. Schiebl. 58. Nr. 28.

2) Die Herzoge von Vorpommern gruͤndeten ihre Anſpruͤche nicht bloß auf ihre Verwandtſchaft mit Miſtwin ſie waren „les plus proches cousins et parents collateraux“ —, ſondern auch auf einen foͤrmlichen Vertrag vom J. 1264, worin ihnen Miſtwin nicht bloß das Land Schwez, welches er damals ſchon beſaß, ſondern auch alles zuſicherte, was er einft nach dem Tode feines Vaters und feines Bruders erhalten werde; Dreger Cod. Pomer. Nr. 368. Der Fürft von Rügen konnte feine Brnforücie nicht von feiner Gemahlin, Miſtwins Tochter, herleiten, da

Verhältniffe des Ordens zu Pommern (1291). 81

und bei dem ganzen charakterloſen Weſen des Herzogs konn⸗ ten aber auch die Großen ſeines Landes, die Woiwoden und Caſtellane wegen Sicherſtellung ihrer Rechte und Freiheiten in der Sache nicht gleichguͤltig bleiben und ſie beſchloſſen da⸗ her auf einem Landtage im Jahre 1287, nach Miſtwins Tod keinen als ihren Landesfuͤrſten und Herrn anerkennen zu wol⸗ len, der nicht ihre Rechte und Freiheiten und die Buͤndniſſe mit dem Biſthum Camin und den Herzogen von Slavien und Caſſubien beftätigt habe!). Herzog Miſtwin ſuchte jetzt die Staͤnde ſeines Landes fuͤr dieſe Herzoge von Vorpommern zu gewinnen 2); allein Herzog Przemislav von Polen hatte durch Geſchenke und lockende Verſprechungen bei den Landesgroßen ſeinen Zweck ſchon erreicht, denn dieſe traten dem Herzoge Miſtwin geradehin mit dem Verlangen entgegen, dieſen Fuͤr⸗ ſten, der ihre Verfaſſung, ihre Sitte und Sprache kenne, zu ſeinem Nachfolger zu ernennen, indem ſie erklaͤrten, die Her⸗ zoge von Vorpommern ſeyen ſchon zu ſehr dem Deutſchen Weſen zugethan und ihrer Eigenthuͤmlichkeit entfremdet, um über fie herrſchen zu koͤnnen ). Der willenloſe Herzog wil⸗

fie illegitim erzeugt war; er ſtuͤtzte fie mehr auf feine Abſtammung, denn ſein Großvater Jaromir II hatte Miſtwins Schweſter Eliſabeth zur Gemahlin gehabt; ſ. De Wal. c. p. 495. Vgl. Herzberg Ex- pose des droits du Roi de Prusse in dem Recueil de deductions, ma- nifestes etc. V. I. p. 326, wo vorzüglich die nachſten Anrechte der Her⸗ zoge von Slavien geltend gemacht werden.

1) Sell a. a. O. S. 350 351 nach ungedruckten Urkunden im Dreger: Cod.

2) Hiezu wurde Miſtwin zum Theil durch den erwaͤhnten fruͤheren Vertrag bewogen; Herzberg Exposé p. 326.

3) Bei Herzberg Exposé p. 327 heißt es: Mestwin avoit con- voqué la Noblesse de Ia Pomeranie, pour se designer un successeur et leur avoit fortement recommend& ses Cousins les Ducs de Stettin; mais que cette Noblesse, qui etoit encore toute Venede, et qui avoit eté par les corruptions du Palatin Svenzo en faveur du Duc de Po- logne, lui avoit declare, qu'un Prince Polonois, avec lequel ils avoient la meme langue et les m&mes moeurs, leur convenoit mieux, que les Ducs de Stettin, qui avoient adopté les moeurs et la langue des Allemands etc.

IV. 6

82 Verhaͤltniſſe des Ordens zu Pommern (1291).

ligte ein; die Staͤnde huldigten dem Herzoge von Polen ſchon im Jahre 1290 als ihrem kuͤnftigen Landesfürften und dieſer ſah ſich ſeitdem auch ſchon als Herrn von Pommern an 1), obgleich im Jahre zuvor die Markgrafen von Brandenburg mit dem Fuͤrſten Wizlav von Ruͤgen ſchon einen Vertrag ge⸗ ſchloſſen hatten, nach welchem nach Miſtwins Tod deſſen Land zwiſchen ihnen getheilt und ſelbſt mit kriegeriſcher Macht in Beſitz genommen werden ſollte 2).

Fuͤr den Orden in Preuſſen waren, wie begreiflich, dieſe Verhaͤltniſſe von der aͤußerſten Wichtigkeit. Sey es, daß es dem Landmeiſter Meinhard von Querfurt nicht moͤglich geweſen war, in die Verhandlungen wirkſam mit einzugreifen, oder daß er bei ſolcher Verwickelung der Intereſſen der verſchiede⸗ nen Fuͤrſten erwartete, die Verhaͤltniſſe moͤchten ſich noch in irgend einer Weiſe guͤnſtiger für den Orden geſtalten: fo viel war gewiß, daß zwar eine Vereinigung Hinterpommerns mit den Laͤndern der Herzoge von Slavien und Caſſubien dem Orden keineswegs wuͤnſchenswerth ſeyn koͤnne und manche Beſorglichkeit erregen muͤſſe, daß es aber noch weit bedenk⸗ licher und gefahrvoller ſey, wenn Pommern einem Herzoge von Polen angehoͤre, denn abgeſehen von der bedeutenden Vergroͤßerung des Landes und alſo auch der Macht, welche der Herzog von Polen auf dieſe Art erlangte, war fuͤr den Orden auch der Umſtand von großer Wichtigkeit, daß er da⸗ durch auch im Weſten ein Gebiet unter Polniſcher Herrſchaft als Nachbarland bekommen haͤtte und im Falle eines Krieges mit Polen auf dieſe Weiſe auch dort fuͤr den Feind zugaͤng⸗ lich geworden waͤre. Gewiß ſah er daher nicht ohne Hoff⸗ nung auf die Buͤndniſſe hin, welche die Markgrafen Otto, Konrad, Johannes und Otto von Brandenburg, der Fuͤrſt Wizlav von Ruͤgen und der Biſchof Jaromar von Camin zur Behauptung ihrer Rechte und Anſpruͤche auf Miſtwins Gebiet

1) Kraft des erwähnten Diploms vom J. 1291 handelte er ſchon eigentlich als Landesherr.

2) Gercken Cod. diplom. T. I. Nr. 131. p. 225. Lancisolle a. a. O. S. 558.

Verhaͤltniſſe in Polen (1291). 83

unter einander ſchloſſen, um nach deſſen Tod ganz anders über Pommern zu verfugen !). Ueberall alſo erwartete man für Pommern ſehr unruhvolle Zeiten.

Das andere Nachbarland des Ordens, Polen, war bereits einem furchtbaren Buͤrgerkriege Preis gegeben, der alles durch⸗ einander gewirrt und alle Ordnung des Staates ſchon faſt gänzlich aufgelöft hatte?). Nach dem Tode des Herzogs Leſſek des Schwarzen, eines Enkels des Herzogs Konrad von Maſovien, bemaͤchtigte ſich jeder der Polniſchen Herzoge eines Theiles ſeines Gebietes; jeder griff zu, wie er konnte und einer bekaͤmpfte den andern, wie und ſo oft er wollte. Krakau und Sandomir hatte Leſſek ſeiner Gemahlin Griphina teſta⸗ mentlich zuerkannt; allein das Landvolk dieſer Provinzen waͤhlte den Herzog Boleslav von Maſovien zu feinem Herrn, wäh- rend Krakau's Buͤrgerſchaft den Herzog Heinrich den Vierten von Breslau herbeirief ). Und da nun beide Länder bereits von den Herzogen Wladislav Loktek von Cujavien und Prze⸗ mislav von Großpolen in Beſitz genommen waren, ſo uͤber⸗ trug die Herzogin Griphina ihr Recht auf ihren Schweſter⸗ ſohn, den König Wenceslav von Böhmen, der nun in Polen ebenfalls mit bewaffneter Macht erſchien und das Waffenge⸗ tuͤmmel noch vermehrte). Er brach ſofort in Cujavien ein, trieb den Herzog Wladislav Loktek aus dem Lande, nannte ſich nun Koͤnig von Polen, gewann auch Krakau und ſuchte dieſes theils durch ſtaͤrkere Befeſtigung, theils durch die Gunft

1) Gercken Cod. diplom. Brandenb. T. I. Nr. 144, p. 245. In dem Buͤndniſſe verſprachen der Biſchof Jaromar von Camin und der Fuͤrſt von Rügen: Post obitum Domini Mastwini Ducis Pomeranie toto posse et juvamine fideliter in omnibus iuvabimus Dominos Mar- chiones et patrem nostrun antedictos principes et clausuras nostras eisdem principibus aperiemus. Kantzow B. I. S. 276.

2) Dubrav. Histor. Boiem. p. 148.

3) Henelii ab Hennenfeld Annal. Siles. p. 263. Buͤſching Jahrbuͤch. der Schleſier S. 82.

4) Dubrav. p. 148 seq. Diugoss. p. 858. Buͤſching a. a. O. S. 84. Chron. Bohemiae ap. Ludewig Reliqu. Mscr. T. XI. p. 381.

6 *

84 Verhaͤltniſſe in Polen (1291).

des Krakauiſchen Biſchofs zu behaupten ). Dieſer verwirrte und ordnungsloſe Zuſtand Polens war aber im Jahre 1291 noch in vollem Steigen, als auch von außenher, naͤmlich aus Litthauen ein neuer ſchrecklicher Sturm uͤber das Land einbrach.

Die Litthauer und Samaiten waren naͤmlich von Preuſ⸗ fen aus faft das ganze Jahr 1291 hindurch theils in foͤrm⸗ lichen Kriegszuͤgen, theils durch den kleinen Krieg bekaͤmpft und beſchaͤftigt worden. Schon um Oſtern war Berthold Bruͤhaven, Komthur von Koͤnigsberg, auf die Nachricht, daß die Litthauer im Gebiete Junigede zur Deckung des vor kur⸗ zem erſt verwuͤſteten Landes eine Burg gleiches Namens er⸗ bauten, mit einer Heerſchaar von tauſend Samlaͤndern dahin gezogen, um den Bau zu hindern und da ihm dieſes wegen des Feindes Uebermacht nicht gelungen war, ſo hatte er ſich gegen die Burg Mederabe gewandt und dieſe durch Feuer vertilgt?). Um die naͤmliche Zeit hatte ſich auch der Land⸗ meiſter Meinhard ſelbſt, begleitet von dem tapfern Komthur von Balga Heinrich Zuckſchwert, mit einer ſtarken Reiterſchaar und hundert Ritterbruͤdern wieder in die Gegend Samaitens gewagt, wo jenes alte Heiligthum ſtand, und die beiden Ge⸗ biete von Geſow und Pajtow ?) durch Raub und Brand gaͤnzlich verwuͤſtet, das feindliche Volk weit und breit in die Waͤlder verdraͤngend. Der Komthur von Balga aber, auf dieſem Heereszuge im Zweikampfe mit dem abtruͤnnigen Haͤupt⸗ ling der Litthauer Jeisbute ), den er erlegte, verwundet, hatte

1) Chron. Anonymi Archidiac. Gnesn. p. 95.

2) Dusburg c. 236 237. Lucas David B. V. S. 98 99.

3) Dieſe beiden Gebiete lagen noͤrdlich vom Memel⸗ Strome, ſuͤd⸗ waͤrts vom alten Erogeln, dem jetzigen Jeragolja. Ohne Zweifel weiſen die beiden Namen der heutigen Orte Poczto und Jaswocze auf das ehe⸗ malige Paſtow und Geſow hin. Vgl. Lindenblatts Jahrb. S. 41. Dieſes beftätigt ſich auch dadurch, daß Wigand Marburg. die vier Ge⸗ biete Pernare, Gesow, Eroglen und Pastow als nahe an einander lie⸗ gend nennt. Pernare iſt aber unbezweifelt das oͤſtlich von Erogeln und noͤrdlich von Keidany liegende Pernarewo.

4) Dusb. c. 239 ſagt von ihm: qui ante fuit anıicus nunc hostis, Auch hier ſchreibt der Chroniſt den Namen unrichtig Lesbuto.

Kriegszüge gegen die Litthauer (1291). 85 bald darauf im Sommer die Burg Junigede abermals heim⸗ geſucht, vor allem jedoch das Gebiet von Oukaim aufs ſchreck⸗ lichſte verwuͤſtet und eine außerordentliche Beute an Menſchen und Vieh hinweggefuͤhrt!). So waren die heidniſchen Ge: biete faſt das ganze Jahr hindurch durch kriegeriſche Raub⸗ zuge, Brand und Verheerungen geſchreckt worden; an Rache und Vergeltung durch Einfaͤlle in Preuſſen konnte nicht ge⸗ dacht werden, denn eines Theils hatte auch der Meiſter von Livland die Heiden nordwaͤrts fort und fort beſchaͤftigt, an⸗ dern Theils waren die beiden Graͤnzburgen Ragnit und Tilſit immer ſtark mit wehrhafter Mannſchaft beſetzt, die durch Zu⸗ fuhr und Leiſtungen aus andern Landſchaften unterhalten wer⸗ den mußte, woher die Landesabgabe des Schalwenskorns oder des Schalauiſchen Getreides ihren Urſprung nahm. Außerdem aber wurde davon auch die von dem Landmeiſter neu ange⸗ ordnete Graͤnzwache unterhalten, eine Art von Landwehr, die an den Graͤnzen der heidniſchen Lande lag, um theils wenig⸗ ſtens den erſten Anfall eines ſtaͤrkeren feindlichen Heeres auf⸗ zuhalten und abzuwehren, theils die Einfaͤlle kleiner pluͤn⸗ dernder Streifhorden ſchon an der Graͤnze zuruͤckzuwerfen ?). Und endlich waren an den Graͤnzen auch ſ. g. Spaͤher, Wart⸗ leute oder Graͤnzwaͤchter aufgeſtellt, die bei jeder Gefahr we⸗ gen eines Feindes dem naͤchſten Komthur ſogleich Nachricht geben und alles, was im feindlichen Lande vorging, auskund⸗ ſchaften mußten). Auch zur Unterhaltung dieſer Graͤnzwaͤch⸗

1) Dusburg c. 239 240. Lucas David B. V. S. 103 104 beſchreiben dieſe Kriegszuͤge etwas genauer; wir haben ihrer aber hier mehr nur im Allgemeinen erwaͤhnt, weil auch wir der Meinung ſind: Quoique ces sortes de details ne soient pas toujours fort intéressans, on ne peut cependant pas les supprimer entierement, pour ne pas laisser un vuide dans Phistoire, wie De Wall. c. p. 313 fagt.

2) Auch Schütz p. 49 erwähnt um dieſe Zeit ſchon dieſer Gränz- wache. In Urkunden kommt fie häufig custodia terre genannt vor. Alnpeck S. 127 nennt ſie Landwehr.

3) Dieß ſind die ſo oft vorkommenden speculatores oder Wartleute, die der einbrechende Feind immer gerne zuerſt aufzugreifen ſuchte. Aln⸗ peck S. 127.

86 Kriegszuͤge gegen die Litthauer (1291).

ter ward im Lande eine beſondere Abgabe erhoben, welche man Wartgeld nannte ).

Da nun Preuſſen in ſolcher Weiſe den Raubzuͤgen der Litthauer nicht mehr ſo leicht zugaͤnglich war und die beſtaͤn⸗ digen Kriegszuͤge der Ordensritter das heidniſche Volk auch ſcheu und furchtſam gemacht, fo richtete dieſes jetzt, die Ver⸗ wirrung Polens in. feinem Buͤrgerkriege benutzend, feine raͤu⸗ beriſchen Einfälle gegen dieſes Land. Ein neuer Großfürft naͤmlich auf Litthauens Thron, Putuwere, Witens Nachfol⸗ ger 2), fandte noch im Laufe des Jahres 1291 feinen kriege⸗ riſchen Sohn Witen mit einem ſtarken Heere nach Polen ) und da die Fuͤrſten dieſes Landes alle gegen einander ſelbſt in den Waffen ſtanden und nirgends Widerſtand war, ſo drang der pluͤndernde Feind ungehindert bis in die Gegend von Brzeſc und nach Cujavien vor, alles durch Feuer und Schwert verwuͤſtend und ſich mit Beute bereichernd. Eiligſt kehrten zwar die Herzoge Wladislav Loktek von Cajuvien und Kaſimir von Lancziz zur Rettung ihrer Lande zuruͤck; allein ihre geſchwaͤchte Kriegsmacht war nicht im Stande, die wil⸗ den Raubhorden zu vertreiben. Sie riefen daher den Land⸗ meiſter von Preuſſen um Huͤlfe an. Er zog eiligſt mit ſech⸗

1) Vgl. Lucas David B. V. S. 87. Lindenblatts Jahrb. S. 180. Hier kann nur die Entſtehung dieſer Abgaben angedeutet wer⸗ den, da ſpaͤterhin noch einmal von ihnen die Rede ſeyn wird.

2) Im gewöhnlichen Texte bei Dusburg c. 241 heißt es: Lutu- werus Rex Lethoviae etiam hoc anno filium suum Vithenum cum maximo exercitu misit versus Poloniam. Allein der Name des Kö- niges oder Großfuͤrſten iſt hier ganz falſch, denn ſowohl bei Jeroſchin c. 241 und im Epitomator, als in den Mscr. Berolin. und Regiomont, heißt er Putuwerusz auch bei Lucas David B. V. S. 104 ſteht Pu⸗ tiver. Wann dieſer neue Großfürſt den Litthauiſchen Thron beſtiegen habe, iſt nicht genau zu ermitteln; duͤrfte man aber auf die Worte Dusburgs „etiam hoc anno“ ein Gewicht legen, fo möchten auch frü- her ſchon Raubzuͤge dieſer Art erfolgt ſeyn und er die Herrſchaft ſchon einige Jahre gefuͤhrt haben.

3) Nach Kojalowiez p. 200 und Cromer p. 261 ſoll der Herzog Boleslav von Maſovien dieſen Einfall der Litthauer veranlaßt oder doch Mitwiſſen gehabt haben.

Kriegszäge gegen die Litthauer (1291). 87 zig Ordensrittern und einer Streitmacht von tauſend auser⸗ leſenen Kriegern herbei; allein kaum hatte er ſich mit den Herzogen vereinigt und den Angriff gegen den Feind begon⸗ nen, als jene plotzlich mit allen den Ihrigen die Flucht er⸗ griffen und die Ritter nun zum Widerſtande zu ſchwach un⸗ ter großer Gefahr und mit einer bedeutenden Zahl von Ver⸗ wundeten in ihre Lande zurüdeilen mußten ).

Der Landmeiſter wollte raͤchende Vergeltung uͤben und ſammelte deshalb ſchon in den erſten Monden des Jahres 1292 ein neues ſtarkes Heer zum Einfall ins feindliche Land. Da er aber an der Graͤnze Litthauens im Ruhelager lag, trat ein getreuer Preuſſe ins Zelt des Komthurs von Balga Heinrich Zuckſchwert und ſprach: „Herr! Ihr mit allen euern Bruͤdern ſeyd verrathen, wenn ihr in das Gebiet der Litthauer einziehet, denn der Feind durch Verraͤther aus euerem eigenen Heere ) von euerer Ankunft unterrichtet erwartet euch in einer ſo guͤnſtigen Stellung, daß keiner von euch dem Tode entfliehen kann. Tretet ihr aber die Ruͤckkehr an, fo werden Verraͤther in euerem Heere die Gelegenheit erſpaͤhen, euch zu uͤberfallen und bis auf den letzten Mann zu erwuͤrgen.“ Erſchrocken entgegnete der Komthur: „Wenn dem alſo, ſo ſprich, wie ſollen wir uns retten?“ Da erwiederte der Preuſſe: Tretet den Ruͤckweg an, aber bleibt bewaffnet und zum Kampfe ge⸗ ordnet, denn wenn die Verraͤther euch ſtets zum Streite be⸗ reit ſehen, ſo wird Furcht und Zagen ſie von ihrem Frevel abhalten.“ Der Landmeiſter von dem Komthur eiligſt hievon benachrichtigt, ſandte ſofort heimliche Kundſchafter ins feind⸗ liche Land und als er durch ſie vernahm, daß der Preuſſe

1) Dusburg I. c. Jeroſchin a. a. O. führt an, daß auch ganz Cujavien vom Feinde ſchwer verheert worden ſey. Lucas David B. V. S. 104. Kojalowiez I. c. ſpricht von einer incredibili celeritate, mit welcher dieſes Land verwuͤſtet worden; aber mit Dusburgs Dar⸗ ſtellung paßt dieſes nicht recht zufammen. Diugoss. p. 862 weiß na⸗ tuͤrlich von der ſchimpflichen Flucht der Polen nichts.

2) Nach Schütz p. 49 ſollen Pogeſanier und Schalauer die Ver⸗ räther im Ordensheere geweſen ſeyn.

88 Raubzuͤge der Litthauer nach Polen (1292).

wahr geſprochen, ließ er durch das ganze Heer den Befehl ergehen: es ſolle jeder auf der Ruͤckkehr bewaffnet bleiben; die Gefahr erlaube keinen Zug in Feindesland. Zugleich ließ er im Stillen die ihm bezeichneten Haͤupter der Verraͤtherei, jeden einzeln zu ſich rufen, uͤbergab ſie der Aufſicht ſeiner Ritterbruͤder und trat ſo vorſichtig den Ruͤckzug an. Da aber die uͤbrigen Theilnehmer des verraͤtheriſchen Planes ihre Haͤup⸗ ter ſtets in der Ordensritter Umgebung ſahen und ihr Vor⸗ haben entdeckt oder doch vereitelt glaubten, ſo entging der Meiſter der drohenden Gefahr und kam ſicher in die Heimat zurück ).

So ſchmerzlich indeſſen und betrübend dem Landmeiſter auch die Erfahrung des verraͤtheriſchen Geiſtes in ſeinem ei⸗ genen Volke war, fo ſehr erfreuten ihn doch auch die viel- fachen Beweiſe der Treue und Anhaͤnglichkeit, welche ihm von manchen Seiten her, beſonders von Samlands alten Within⸗ gen in dieſen Tagen der Bedraͤngniß und Gefahr gegeben wurden und er belohnte ſie theils durch laͤndliche Verleihun⸗ gen, theils durch Freiheiten und Vorrechte oder auf andere Weiſe ?).

Aber nur kurze Zeit durfte der Meiſter das Kriegsſchwert in Ruhe laſſen, denn ein neues Kriegsheer der Litthauer war unter Witens Fuͤhrung ſuͤdwaͤrts gezogen, um Polen und dann auch Preuſſens ſuͤdliche Gebiete, beſonders das Kulmerland mit Raub und Brand heimzuſuchen. Es war kurz vor Pfing⸗ ſten, als es ſich im Oſten den Graͤnzen naͤherte und zwei Kundſchafter des Komthurs von Schoͤnſee aus der Wildniß

1) Dusburg c. 242. Lucas David B. V. S. 111 113 fügt hinzu: „Wie aber der Landmeiſter und Orden ſich hernach wider die Heupter ſolcher Meuterci vorhalten, ob ſie dieſe uebelthat mit Nachſicht behandelt, damit kein innerlicher Krieg entſtehen moͤgte, oder ob ſie derer etliche geſtrafft, wird nicht angezeiget.“ Schütz a. a. O. be merkt dagegen, daß der Landmeiſter die Haͤupter der Verraͤtherei aus dem Wege geräumt habe. Kojalowiez p. 201.

2) Das geh. Archiv beſitzt hierüber aus dem J. 1292 mehre Ur⸗ kunden; beſonders werden die Beweiſe der Treue der beiden Bruͤder Symmute und Stilige ausgezeichnet geruhmt.

Raubzuͤge der Litthauer nach Polen (1292). 89

her die Nachricht von des Feindes Ankunft ins Kulmerland brachten. Es verbreitete ſich ein allgemeines Schrecken und eiligſt meldete der Stellvertreter des Landkomthurs von Kulm Johannes Sachſe, der zur Zeit abweſend war, nicht nur die⸗ ſem, ſondern auch dem Landmeiſter Meinhard: „ein großes, ſtarkes Heer von Heiden iſt gegen das Kulmerland im An⸗ zuge; in Maſovien flüchtet ſich im Schrecken ſchon alles in die Burgen und Verſchanzungen; ein Bote des Komthurs von Schoͤnſee bringt die Nachricht, das feindliche Volk wolle das Kulmerland mit Feuer und Schwert verwuͤſten. Auch haben unſere Spaͤher ſchon zwanzig Reiter ins Land ein⸗ ſprengen geſehen, um die Spaͤher des Ordens aufzuheben und die Wege auszuforſchen. Wir haben deshalb eiligſt un⸗ ſere Landwehr zuſammengerufen und Kriegsgeſchrei ergehen laſſen, damit das Landvolk ſich in die Burgen fluͤchte. Wir bitten euch aber aufs dringendſte, eilet ſchleunigſt mit Huͤlfe herbei, denn ſchon iſt eine Streifhorde ins Gebiet des Bi⸗ ſchofs von Kulm eingefallen, hat Menſchen und Viehherden hinweggetrieben und zwei unſerer beſten Spaͤher erſchlagen ).“

1) Wir haben dieſen Brief noch im Original im geh. Arch. Schiebl. I. Nr. 8. Er faͤngt mit den Worten an: Religioso nostro fratri Ioh. Commendatori provincjali terre Chulmen. Frater G. vices suas ge- rens obedientiam etc., iſt alſo zunaͤchſt von dem Stellvertreter des Kulmiſchen Landkomthurs an dieſen gerichtet. Er ſollte aber auch an den Landmeiſter gelangen; weshalb es am Schluſſe heißt: Littera sine mora de domo ad domum mittatur. Insuper usque ad magistrum mittatur sine mora. Der Verfaſſer des Briefes und alſo der Stellver⸗ treter des Landkomthurs war wahrſcheinlich Günther von Schwarzburg, der nachmals ſelbſt Landkomthur von Kulm wurde. Jetzt bekleidete dieſe Stelle Johannes Sachſe oder Saxe; wir erſehen dieſes auch aus einem Briefe des Hochmeiſters Konrad von Feuchtwangen aus Meiningen vom J. 1292, worin dieſer jenem Landkomthur aufträgt, einen Kelch und andere Altargeraͤthe, welche die edle Frau von Kalys fuͤr die Ordens⸗ kirche in Marburg beſtimmt habe, in Empfang zu nehmen und ſie mit den zum General⸗Kapitel kommenden Bruͤdern herauszuſenden. Obgleich jener Brief ohne Datum iſt, fo kann er doch in keine andere Zeit ge⸗ hören, als in das J. 1292, denn die im Anfange deſſelben vorkommende

90 Raubzuͤge ber Litthauer nach Polen (1292).

Auf dieſe Nachricht eilten der Landmeiſter und der Landkom⸗ thur ſofort ins Kulmerland hinauf, die Graͤnzen ſtark zu be ſetzen, und der Feind wagte es nicht, ſeinen Plan aufs Kul⸗ merland weiter zu verfolgen. Um ſo leichter aber war es ihm unter den fortdauernden Zerwuͤrfniſſen und Verwirrungen abermals in Polen einzufallen, denn auch dieſesmal fand er im Fortzuge nirgends Widerſtand. Es war am Pfingſtfeſte, als er waͤhrend einer feierlichen Proceſſion die Stadt Lancziz plotzlich uͤberfallend in einer Kirche vierhundert Geflüchtete er⸗ mordete, Praͤlaten und andere Geiſtliche gefangen hinweg⸗ ſchleppte und alle heiligen Gefaͤße raubte und zum gemeinſten Gebrauche verwandte. Dann überftürmte er auch das platte Land und ſchlug der ungluͤcklichen Bewohner ſo viele in Feſ⸗ ſeln, daß jedem einzelnen Litthauer zwanzig Chriſten als Skla⸗ ven zufielen. Erſt jetzt brach Herzog Caſimir von Lancziz im Schmerze uͤber ſeines Landes Verderben mit einer Streitmacht auf, den Feind auf dem Ruͤckzuge zu verfolgen. Allein Her⸗ zog Boleslav von Maſovien trat dazwiſchen und vermittelte, ſey es aus Argliſt oder aus Furcht, einen Waffenſtillſtand zwiſchen Witen und Caſimir. Kaum ſahen jedoch die treu⸗ loſen Heiden die Polen in ihrem Lager ohne Wehr und Ruͤ⸗ ſtung, als ſie des Vertrages nicht achtend ploͤtzlich auf die Sorgloſen einſtuͤrzten und den Herzog ſammt feiner ganzen Heerſchaar erwuͤrgten, alſo daß kaum ein Mann dem Blut⸗ bade entfliehen konnte 1).

Zeitbeſtimmung proxima feria tercia infra Octavas Pentecostes paßt genau mit der Angabe bei Dusburg c. 243 zufammen.

1) Dusburg c. 243. ueber den Waffenſtillſtand druͤckt ſich der Epitomator fo aus: Bolislaus dux Masovie nescitur qua interventione intercepit causam et pacavit ad tempus, sed perversi inimici viola- bant et dietum ducem inermem et omnes suos scandalose occidunt, preter unum militem, qui huius rei testimonium perhibuit. Dusburg iſt hier unbezweifelt der vollguͤltigſte Zeuge. Die ſpaͤtern Polniſchen Schriftſteller, als Diugoss. p. 870, Cromer. p. 263 u. a. geben den Verlauf der Sache zwar anders an und ſetzen die Begebenheit ins J. 1294, worin ihnen auch Schloͤzer in f. Geſchichte v. Litthauen S. 55 folgt; allein es findet ſich kein Grund, die Zeitangabe bei Dusburg in

Raubzüge der Litthauer nach Polen (1292). 91

Den Landmeiſter hatte die Erfahrung des vorigen Jahres gewarnt, die Graͤnze ſeines Landes zu verlaſſen, um dem Nachbar beizuſtehen, obgleich ein langer Zwiſt mit der Her⸗ zogin Salome von Cujavien und ihren Soͤhnen Leſtko, Prze⸗ mislav und Caſimir theils uͤber allerlei gegenſeitige Unbillen, Rechtsverletzungen und Ungerechtigkeiten unter ſich und ihren Unterthanen, theils über eine bei Luͤbitſch auf der Drewenz zum Nachtheile der Herzogin vom Komthur von Thorn er⸗ baute Mühle bereits völlig wieder ausgeglichen und die nach⸗ barliche Freundſchaft hergeſtellt warn). Durch den Aufbau dieſer Muͤhle aber, die nachmals ſtark befeſtigt und in eine Art kleiner Burg umgewandelt wurde, war ein Zankapfel hingeworfen, an den ſich ſpaͤterhin der Hader und die Feind⸗ ſchaft der Fürſten Polens und Preuſſens immer wieder an⸗ knuͤpfte.

Als aber dieſe Gefahr an Preuſſens ſuͤdlicher Graͤnze voruͤber und die dort aufgeſtellte Kriegsmacht ins innere Land zuruͤckgekehrt war, beſchloß zu Ende des Juli der tapfere

Zweifel zu ziehen, zumal da fie mit dem erwähnten Briefe des Vice⸗ Landkomthurs genau uͤbereinſtimmt. Vgl. noch Anonymi Archidiac. Gnesn. Chron, ap. Sommersberg T. II. p. 88.

1) Wir haben von dieſer Vertragsurkunde zwei Transſumte vom J. 1412 und 1435 im geh. Arch. Schiebl. 58. Nr. 9 und 25. Der Vertrag iſt datirt: In Iuvene Wladislavia a. d. 1292 quinto Kal. May. Geſtritten war zwiſchen beiden Theilen, wie es nur im Allgemeinen heißt, super rebus, dampnis, debitis et iniuriis hincinde illatis; doch gab die Herzogin ihren Schaden auf 3000 Mark, der Orden den ſei⸗ nigen auf 1200 Mark an. Man hob indeſſen gegenſeitig auf. Wich⸗ tiger war der Streit wegen der Muͤhle zu Luͤbitſch, weil ſie ſpaͤter ſo oft Gegenſtand des argſten Haders wurde. Der Komthur von Thorn Heinrich von Byr erbaute ſie und zwar in nostrum preiudicium, wie die Herzogin ſagt. Man glich ſich aber jetzt dahin aus, quod dictum molendinum sicut positum est, ad fratrum maneat utilitatem et repa- retur quociens est necesse eorum sumptibus et expensis, et de eodem nichilominus molendino nobis et nostris heredibus per Commendato- rem domus Thorunen. quafuor marce denariorum monete Thorun. in ſesto b. Martini in Castro Thorun. annis singulis persolvantur. Vgl. Lucas David B. V. ©. 110—111.

U 92 Kriegszuͤge gegen die Litthauer und Samaiten (1293).

Komthur von Ragnit Konrad Stange n) mit einem Theile dieſes Heeres von neuem ins feindliche Gebiet einzufallen, um vor allem die gefaͤhrliche und feſte Burg Junigede zu er⸗ ſtuͤrmen. An der Graͤnze indeſſen brachte ihm ein vorausge⸗ ſandter Spaͤher die Nachricht, die Burgbeſatzung ſey außer⸗ ordentlich zahlreich und das ganze Feld umher mit einem Heere bedeckt. Da entſank aus Schrecken den Ordenskriegern faſt aller Muth. „Es iſt keine Rettung, ſprachen einige, denn ergreifen wir die Ruͤckkehr, ſo folgt der Feind uns nach und keiner wird entkommen. Bieten wir ihm den Kampf, ſo wird uns ſeine gewaltige Macht erdruͤcken und keiner wird die Heimat wieder ſehen. Wo iſt Huͤlfe in ſolcher Bedraͤng⸗ niß?“ Der wackere Komthur aber trat unter den Zagenden mit den Worten auf: „Es iſt Gott leicht, Viele auch durch die Hand von Wenigen zu ſchlagen, denn nicht in der Hee⸗ resmaſſe liegt des Sieges Sicherheit, ſondern vom Himmel kommt Kraft und Staͤrke. Darum laſſet uns maͤnnlich dem Feinde entgegenziehen und der Herr wird uns retten 2).“ Das gottvertrauende Wort griff tief in alle Seelen ein. Alle ſtimmten des Komthurs Meinung bei, und als das ganze Heer ſich mit dem Zeichen des Kreuzes geſegnet, brach es unter dem Schlachtgeſange: „Hilf uns Sancta Maria zu Frommen )!“ muthig auf, griff den Feind an, erſchlug eine bedeutende Zahl, ſtreckte andere ſchwer verwundet auf das Schlachtfeld nieder und warf ſo bald das ganze uͤbrige Heer in die Flucht. Doch zu ſehr ermuͤdet wagte es die tapfere Ritterſchaar nicht, die ſtarkbeſetzte Burg anzugreifen, ſondern beſorgt, der zerſtreute Feind möge ſich wieder ſammeln, trat ſie ſchnell die Ruͤckkehr an. Aber mit Freude ward dieß Bei⸗

1) Er wurde im nachfolgenden Jahre 1293 als Komthur nach Thorn verſetzt.

2) Der Text bei Dusburg c. 244 ſcheint hier wieder nicht ganz vollſtaͤndig zu ſeyn, denn vor den Worten ergo evadere iſt offenbar eine Luͤcke, die wir aus Jeroſchin und dem Epitomator erganzt haben.

3) Damals der gewöhnliche Schlachtruf der Ordensritter; Alnpeck S. 169.

Kriegszüge gegen die Litthauer und Samaiten (1293). 93

ſpiel ſolches Vertrauens auf Gottes maͤchtige Hand dem Buche der Geſchichte übergeben ).

Auch der Landmeiſter ſelbſt gelangte nicht zu dem Ziele, um welches der Komthur von Ragnit ſo vieles gewagt, denn obgleich er im naͤchſten Jahre 1293 zweimal, im Winter und im Sommer, immer mit einer anſehnlichen Heerſchaar die Burg Junigede beſtuͤrmte und dem Feinde jedesmal große Verluſte brachte, ſo gluͤckte es ihm doch hoͤchſtens nur die Vorburgen zu vernichten 2). Mehr gelang freilich auch einem Litthauiſchen Heerhaufen nicht, den der Großfuͤrſt, bewogen durch das Verſprechen eines Ueberlaͤufers aus Ragnit, eines geborenen Barters, zur Erſtuͤrmung der Ordensburg Tilſit ausgeſandt, denn als die Litthauer der Burg naheten und durch die Fruͤhdaͤmmerung begünſtigt bis an das Burgthor gelangt waren, ſtellten ſich ihnen durch das Geraͤuſch aufge⸗ ſchreckt die beiden heldenmuͤthigen Brüder Konrad und Albert von Hagen mit wenigen Kriegsleuten zum maͤnnlichen Kampfe entgegen. Es war kaum zu hoffen, daß die kleine Kriegerzahl des Feindes weit uͤberlegener Macht werde widerſtehen koͤn⸗ nen; und dennoch widerſtand ſie ihr mit ſo außerordentlicher Tapferkeit im ſtundenlangen Kampfe, daß endlich die Litthauer am Gewinne der Burg verzweifelten und nachdem ſie die Vorburg in Brand geſteckt, in die Heimat zuruͤckzogen ).

Auch die Kriegszuͤge im naͤchſten Jahre 1294 waren von keinem beſondern Erfolge begleitet. Zwar brach der Meiſter noch im Winter gegen das Gebiet Erogel am Fluſſe Lubiſſa nordwaͤrts vom Memel⸗ Strome auf, wahrſcheinlich um dann ſeitwaͤrts nach Oſten in das heilige Gebiet Romowe's einzu⸗

1) Dusburg I. c. Lucas David B. V. S. 114. 2) Dusburg c. 245 und 247. Bei dem zweiten Zuge wurde von

ihm auch die Burg Biſten angegriffen und ihre Vorburg verbrannt. Lucas David B. V. S. 115 116.

3) Dusburg c. 246. Lucas David a. a. O. Kojalowiez p. 203 204. Von allen wird des Todes des Ordensritters Ludwig von Ochs erwähnt, der bei der Fiſcherci von Litthauern überfallen wurde, wie Jeroſchin c. 246 berichtet.

94 Kriegszuͤge gegen die Litthauer und Samaiten (1293).

dringen; da ihm aber der Eintritt in das Land widerrathen ward, ſo beſchraͤnkte er ſich nur auf die abermalige Verwuͤ⸗ ſtung der Gebiete von Paſtow und Geſow, die dem Memel⸗ Strome naͤher lagen. So trugen auch die drei Ordensritter Dieterich von Eſebeck, Otto von Bergau und Otto von Zed- litz, die mit der Landwehr von Ragnit und einer Schaar von Rittern nebſt andern Kriegsleuten gegen die Burg Biſten zo⸗ gen, keinen andern Gewinn davon, als daß ſie Viehherden und eine Schaar Gefangener hinwegfuͤhrten n). Von ungleich groͤßerer Wichtigkeit aber waren die Kriegszuͤge, mit welchen der neue Komthur von Ragnit Ludwig von Liebenzell, „der muthige und kuͤhne Degen )“, ſeit dieſem Jahre den heid- niſchen Feind fort und fort bedraͤngte. Wir ſahen, daß der Landmeiſter nicht ohne ein wichtiges Ziel einen ſeiner letzten Zuͤge in die Gegend von Erogel gerichtet, weil nordoſtwaͤrts von dieſem Orte in der Landſchaft Auſteten am Fluſſe Na⸗ weſe ») der heilige Goͤtterſitz Romowe lag. An den Graͤnzen

1) Dusburg c. 248. 250. Die drei Ritter waren Conventsbruͤder aus Königsberg; als folder wird ihrer öfter in Urkunden erwähnt; fo kommt Otto von Zedlitz noch unter Werner von Orſeln und ſelbſt noch im J. 1338 vor; ſ. Kreutzfeld vom Adel der alt. Preuſſ. Urk. Nr. VIII. Der Name Dieterichs von Eſebeck iſt bei Dusburg in Th. de Esbeth verdorben. Jeroſchin hat Esebe und Esebeck, ebenſo Lucas Da⸗ vid B. V. S. 117. Auch in einer Urk. vom J. 1294 ſteht der Name Theodericus de Esbeke. Friederich von Eſebeck, wahrſcheinlich ein Bruder Dieterichs, war im J 1297 Komthur von Mewe. Die Familie hatte ihren Stammſitz im Braunſchweigiſchenz |. Heineecii Antiq. Goslar. p. 261. Lünig Spicileg. eceles. Th. III. p. 49.

2) Dusburg c. 252 und Jeroſch in find voll Lobes von ihm. Bei letzterem heißt es:

Brudir Ludwig von Libenzel Eyn Deggen turſtig und ſnel Beid an Mute und an Tat Swa man ken den Vienden trat.

8) Bei Dusburg c. 252 iſt der Name der Landſchaft Anste- chia offenbar verdorben, denn Jeroſchin c. 252 und der Epito⸗ mator haben richtiger Austeten oder Ousteten; das Mser. Berolin. Austethia; nur im Mser. Regiomont. ſteht Anstechia. Die Landſchaft

Vernichtung des Heiligthums Romowe in Samaiten (1294). 95

dieſer Landſchaft war daher auch immer, wie es ſcheint, eine ſtarke Heeresmacht zur Wehr und Vertheidigung des Heilig⸗ thums aufgeſtellt geweſen. Sich begnügend mit der Verhee⸗ rung ber füblichen Gebiete Paſtow und Geſow hatten die Ritter es noch nie gewagt, weiter nordwaͤrts hinauf in das Heiligthum ſelbſt vorzudringen und ſelbſt der Landmeiſter war erſt vor kurzem durch die Warnung zuruͤckgeſchreckt. Dieſes Wagniß übernahm jetzt der kuͤhnentſchloſſene Ritter Ludwig von Liebenzell, denn außer den lockenden Schaͤtzen, die in dem Heiligthum verwahrt wurden !), ſchien auch ihm die Ver⸗ nichtung dieſer heiligen Goͤtterwohnung, des Wohnſitzes des Landes⸗Griwen und der mächtigen Prieſterſchaft 2) der noth⸗ wendigſte Schritt zu des Volkes Unterwerfung. Mit einer bedeutenden Schaar auserwaͤhlter Streiter fuhr er die Memel aufwaͤrts bis an das Gebiet von Paſtow; hier ward alles erſchlagen, was ſich dem Zuge widerſetzte und nur ſiebenzig Gefangenen wurde das Leben geſchenkt ). Darauf brach er

lag zwiſchen den Fluͤſſen Schuschwa und Njewjescha (Naweſe), nördlich von Keidany. Den Ort nennt Dusburg I. c. villa Romene, quae se- cundum ritus eorum sacra fuit. Bei Jeroſchin heißt es: „Da was ein mechtig Dorf geleyn unde riche, das hieß Romeyn das Dorf all dy Auſteten gar vor heilig heten.“ Der Ort Romyn iſt dort noch jetzt vorhanden. Es iſt dieſelbe Romowe⸗Inſel, von der wir fruͤ⸗ her ſprachen. Strykowski und Kojalowicz p. 206 nennen den Ort geradezu Romove und erſterer fest das Laͤndchen Austiten oder Augstiten nach Samaiten, wo die Dubiſſa in den Niemen fließt (Lucas David B. V. S. 119). Es lag aber offenbar etwas nördlicher zwiſchen Kroky und Kjeidany.

1) Dusburgs Epitomator nennt den Ort villa divitiis plena; auch Jeroſchin c. 252 und Lucas David B. V. S. 120 ſprechen von ſeinen Reichthuͤmern.

2) Wenn Schütz p. 49 von dieſem Romowe ſagt: „Da wohneten lauter Edelleute, einer ſonderlichen geiſtlichen Secten, welche alle von den Littawen für heilig und der Götter Diener gehalten worden“, ſo bezeichnet er damit nichts weiter als die heidniſchen Prieſter. Kojalowier c. 206 nennt Romowe oppidum, sacrorum et summi eorum Praesidis inter Lituanos sedes.

3) Wie man ſolche heidniſche Gefangenen ſpaͤterhin und gewiß auch

96 Vernichtung des Heiligthums Romowe in Samaiten (1204).

nordaufwaͤrts ins heilige Gebiet ein. Keiner ſcheint des Fein⸗ des Naͤhe geahnet zu haben, denn ſo bedeutend auch der Um⸗ fang des Ortes und ſo groß die Zahl ſeiner Bewohner war, ſo fand doch faſt kein Widerſtand Statt und wie durch ein Wunder war mit einemmale das ganze Heiligthum in der Ritter Gewalt. Ihr Befehlshaber, der Komthur ließ ſofort die Prieſter und die geſammten Bewohner aus dem Heilig⸗ thum vertreiben; ein Theil ward gefangen hinweggefuͤhrt; aber viele buͤßten auch mit dem Leben, da wie es ſcheint durch ihre Schuld der Ordensritter Konrad von Tuſchenfeld bei ihrer Entfernung aus der Goͤtterwohnung ermordet ward. Der ganze heilige Ort, mit allem was darinnen war, ging hierauf in Flammen auf und alles ward dem Boden gleich gemacht 1).

Dieſe Vernichtung des uralten Volksheiligthums der Sa⸗ maiten hatte aber um ſo wichtigere Folgen, als der ritterliche Komthur die Verwirrung und den Schrecken, der nun mit einemmale das ganze Volk durchdrang, mit raſtloſer Thaͤtig⸗ keit benutzte; denn ſechs Jahre lang bedraͤngte und ermuͤdete er den Feind durch ſein ſiegreiches Schwert. Zuerſt brach er in das Gebiet von Grauden ein und vernichtete dort die ganze in einem Hinterhalte liegende Kriegsmacht der Feinde bis auf ſechs Mann. Im Gebiete Pograuden wurde die Reiterei der Samaiten ſo gaͤnzlich aufgerieben, daß viele Jahre hin⸗ gingen, ehe ſie ſich nur irgend wieder zeigen konnte?). Im ſchon um dieſe Zeit behandelte, ſieht man aus Peter Suchenwirts Schilderung in der Ritterfahrt des Herzogs Albrecht von Oeſterreich, ſ. deſſen Werke herausgegeb. von Primiſſer S. 12.

1) Dusb. c. 252, mit welchem hier aber Jeroſchin c. 252 und der Epitomator im Einzelnen zu vergleichen iſt. Lucas David B. V. S. 119 120. Schütz a. a. O. Kojalowiez I. c.

2) Es ift nicht zu zweifeln, daß Grauden und Pograuden, nicht aber Granden und Pogranden (Hennig zu Luc. David B. V. S. 121) geleſen werden muͤſſe, denn wenn der Epitomator allerdings auch das zweifelhafte Pogradin hat, ſo findet man bei Jeroſchin doch ganz klar Pograuden. Poganden bei Schütz]. c. ift ebenfalls verdorben. Da die Ortsnamen in Samaiten im Laufe der Zeit ſo außerordentlich häufig verändert find und ganz genaue Charten fehlen, fo iſt es oft un⸗

Samaitens Unterwerfung (1294). 97

Gebiete von Waiken überliſtete er auf einem Kriegszuge den größten Theil des Adels durch Ueberfall und fo geſchah durch den Schrecken ſeiner Waffen, daß er ſaͤmmtliche Bewohner des Landes oberhalb des Memel-Stromes und von dem Fluſſe Nerige an bis an das Laͤndchen Lamotin vollig uͤber⸗ waͤltigte!) und zum Tribute verpflichtete. Mit der Gewalt